CoachingBrief an alle werdenden Coachs

Wer als Coach seine Meinung nicht zurückhalten will, sollte lieber zu McKinsey und Co. gehen. Was wirklich wichtig ist, wenn man Coach werden will.

Liebe Coachs in Ausbildung, liebe Leute, die ihr Coachs werden wollt,

ich verstehe euren Drang, Menschen zu helfen. Ich verstehe auch, dass Coaching für Euch etwas Glanzvolles hat, etwas Geheimnisvolles. Schließlich arbeitet man ganz eng mit mächtigen Menschen aus dem Business zusammen – die sich zumindest so fühlen - und hofft, dass etwas von diesem Glanz auf einen selbst übergeht. Aber Vorsicht: Ihr müsst keine Skalps abschneiden oder gar Menschenblut trinken, um von dieser Aura etwas abzukriegen.

Als Coach braucht es eine Business-Denke

Keine Coachingausbildung solltet ihr machen, wenn ihr euch dadurch mehr Anerkennung, Beachtung oder gar Selbstwert versprecht, nur weil ihr mit Leuten aus dem Business arbeitet, vielleicht sogar solchen aus der „C-Suite“. Wenn ihr nicht wisst, was eine „C-Suite“ ist, solltet ihr die Ausbildung erst gar nicht anfangen. Man braucht schon viel Organisationswissen, Erfahrung, wie Unternehmen ticken, um Menschen aus dem Business zu begleiten. Das bedeutet: Nicht lange um den heißen Brei reden, sondern frei heraus. Das vertragen diese Leute – in der Regel. Wenn nicht, solltet ihr als Coach trotzdem flexibel genug sein, eure angestoßenen Irritationen auch auffangen zu können.

Wenn ihr selbst Karriere gemacht habt, euer Wissen nun weitergeben möchtet und anderen Managern oder Führungskräften euer Know-how (wie wird was gemacht?), Know-what (was wird überhaupt gemacht?), aber vor allem euer Know-why (wozu wird etwas gemacht?) anbieten wollt, ist das natürlich ein Vorteil. Ihr kennt euch aus, habt euch mehr oder weniger bravourös geschlagen. Jetzt aber scheint die Zeit reif, auch mal etwas für euch zu tun. Schließlich habt ihr in der Regel eben kein Psychologiesstudium absolviert, sonst wärt ihr vielleicht direkt in die Coachingschiene abgebogen. Also kommt ihr aus der Praxis, und das ist viel wert.

Es ist aber nichts wert, wenn ihr euren Klienten dann Tipps gebt, wie ihr damals (!) etwas gelöst habt. Das wollen sie nicht wissen, sondern eine eigene Lösung finden. Die Versuchung der Manipulation der mächtigen Business-Leute müsst ihr professionell ausschalten und dürft euch nicht blenden lassen. Ihr bleibt bitte in der Gratwanderung zwischen wertschätzender Gesprächsführung und provokativer Intervention. Wenn ihr bereit seid, eure Meinung hintenanzustellen und die Klienten selbst zu einer Lösung kommen lasst, dann solltet ihr die Coaching-Ausbildung machen. Wenn ihr recht haben wollt, geht lieber zu McKinsey und Co.

Eine Coaching-Ausbildung ist noch kein Garant für Erfolg

Außerdem: Von Coaching ausschließlich können nur wenige leben. Dies ist nur einigen wenigen vorbehalten, die aber bei genauem Hinsehen auch andere Betätigungsfelder haben. Welches Standbein habt ihr also noch? Wie wollt ihr euch über Wasser halten? Wie werdet ihr euch Profil geben? Nur eine Coaching-Ausbildung zu absolvieren reicht nicht, um sich auf dem Markt zu profilieren und zu überleben. Coachs gibt es wie Sand am Meer, denn jede und jeder darf sich so nennen. Deshalb gibt es auch viele Verbände, die den Markt in Sachen Qualität etwas regulieren. Schließt euch einem solchen Coachingverband an, das steigert eure Kompetenzvermutung.

Es gibt verschiedenen Karrieren im Coachingberuf. Es gibt unterschiedliche Qualitäten von Coachs. Die Mehrheit ist Mittelfeld, nicht wenige sind esoterischer Schrott, und nur wenige sind exorbitant gut. Coaching-Ausbilder etwa sind noch kein Garant dafür, dass ihr gut werdet. Es sind zunächst einmal nur Anbieter von Coaching-Ausbildungen. Wenn ihr selbst nicht versiert seid und zwischen einem NLP-ler, einem Systemiker oder einem Hypnotherapeuten unterscheiden könnt, werdet ihr den erstbesten nehmen, der euch ein gutes Gefühl vermittelt.

Wenn ihr also keine Ahnung von Coachingrichtungen, Geschichte der Zunft oder gar theoretischen Ansätzen und den dazugehörigen Menschenbildern und Weltauffassungen reflektieren könnt, dann holt euch erst das Wissen – und macht dann die Ausbildung. Je fundierter und reflektierter ihr seid, desto besser werdet ihr coachen. Wenn ihr nur einen Hammer habt, ist jedes Problem für euch ein Nagel.

Dazu im Management-Handbuch

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