Coaching„Geschwister“ im Büro

Wie wir mit Kolleginnen und Kollegen streiten oder um Anerkennung beim Chef buhlen – das Verhältnis zu den eigenen Geschwistern prägt auch unser Verhalten im Job.

Die Herkunftsfamilie hat eine enorme Wirkkraft, auch im reifen Erwachsenenalter. Wie wir Konflikte bestreiten, um Sympathie werben, uns nach außen darstellen und über uns selbst denken, ist stark von den ersten Lebensjahren in der Herkunftsfamilie geprägt. Der Einfluss der Eltern ist dabei klar. Was aber oft übersehen wird, sind Geschwister-Konstellationen, die einen ebenso starken Einfluss auf Persönlichkeit und Verhalten haben.

Geschwisterneid ist ein präsentes Phänomen im Beruf

Da ist zum Beispiel die neue Kollegin, die sich in jedem Meeting in Szene setzt, um die Aufmerksamkeit vom Chef zu bekommen. Sie nutzt jede Gelegenheit, um sich mit ihm zu verbrüdern und alle anderen in den Schatten zu stellen. Der Chef seinerseits bemerkt die Dynamik im Team nicht und findet die neue, attraktive Kollegin sehr aufgeschlossen und nett. Geschwisterneid nennt man dieses Phänomen in der Familientherapie – und man sollte es kennen. Es taucht im Berufsleben nämlich sehr häufig auf. Überall dort, wo Neid und Missgunst aufpoppen, kann man davon ausgehen, dass da irgendwer einem die Show oder das Futter stehlen will.

Aufmerksamkeit ist harte Führungswährung, sagen Berater. Nicht jeder hat sie verdient, aber jeder will sie. Mitarbeiter reißen sich oft ein Bein aus, um nur ein bisschen Anerkennung für ihre Leistung zu bekommen. Wie die Vögelchen im Nest schreien sie nach emotionalem Futter. Und wer am lautesten schreit, überlebt das Spiel.

Es ist schon bizarr, was in einem Team an Familiendynamik zu finden ist. Die meisten sind sich gar nicht bewusst, welche Spielchen da eigentlich ablaufen, und wundern sich, dass es so kindisch zugeht. Ja, in solchen Spielchen zeigen sich in der Tat kindliche, also nicht erwachsene Verhaltensweisen und Denk- beziehungsweise Gefühlmuster. Dann drehen die Kinder ihre Runden um den Thron des Übervaters, um nur einen Blick lang seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Wie man streitet, hängt von der Streitkultur in der Familie ab

Auch in Streitsituationen zeigt sich die frühe Prägung sehr deutlich. Es wird sofort klar, ob jemand als Erstgeborene oder Erstgeborener, als Sandwich-Kind oder als Nesthäkchen in den Ring steigt. Da wird unfair gestritten und Missverständnisse sind an der Tagesordnung. Es fällt zum Beispiel das Argument, die anderen würden hinter dem eigenen Rücken tuscheln. Vielleicht tun sie das wirklich, aber es kommt eben darauf an, ob und wie angreifbar das einen selbst macht. Es ist also hilfreich zu erkennen, wie die eigenen Geschwister gestritten haben, wie man sich selbst dabei verhalten hat, und auch, wie man selbst mit Vater und Mutter gestritten hat. Erst dann kann man darauf einwirken, dass das eigene Verhalten nicht mehr automatisch abläuft. Es ist der erste Schritt, um bewusst anders zu handeln.

Wer beispielsweise als Nesthäkchen gewohnt ist, immer zurückzustecken, wird in Meetings entweder in der vertrauten Box bleiben und nichts sagen. Oder aber rebellisch den frontalen Zwergenaufstand proben, um den eigenen Geschwistern endlich einmal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Nur, dass hier eben nicht die Geschwister sitzen, sondern Kolleginnen und Kollegen.

Es lohnt sich also, das eigene Streitverhalten aus der eigenen Herkunftsfamilie mit den einzelnen Geschwistern oder auch in der Gruppe zu reflektieren, um das eigene Verhalten in beruflichen Konfliktsituationen nachvollziehen zu können. Im Coaching entstehen so regelmäßig Aha-Effekte, und die Welt wird auf einmal glasklar. Das erzeugt jedoch noch längst keine Veränderung, denn werden die entsprechenden Knöpfe gedrückt, wird man sich wahrscheinlich wieder „vollautomatisiert“ verhalten. Das Erarbeiten einer alternativen Lösung kann dann aber auch in der Familie zu einer deutlichen Entspannung beitragen.

Dazu im Management-Handbuch

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