CoachingKleine Anleitung zum Stärken stärken

Sich auf seine Stärken zu fokussieren erzeugt mehr Zufriedenheit und Lebensqualität. Doch viele sind zu selbstkritisch und reden ihre Erfolge klein.

Stellen Sie sich vor, Sie verfügen über ein Budget von 1.000 Euro für Weiterbildung. Für welche Schulungen, Seminare oder Coachings würden Sie das Geld investieren? Diese Frage stelle ich sehr gerne in Seminaren, wenn es darum geht, an der Persönlichkeit zu arbeiten. Man diskutiert dann hin und her.

Die meisten investieren Geld in das, was sie nicht gut können, wo sie meinen einen Bedarf zu haben, den es abzustellen gilt. Diese Sichtweise verwundert mich nicht, denn jeder hat irgendwo Schwächen, die allerdings – und das ist der Clou – zuerst ins Auge fallen. Menschen sind stark damit beschäftigt, was sie alles nicht können, was sie alles noch dazulernen müssen, was nicht in Ordnung mit ihnen ist. Woher sie das gelernt haben? In der Familie, der Schule, der Uni, im Freundeskreis oder von Kollegen. Irgendwie hat sich ein kollektives Bewusstsein festgesetzt, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Fragen, worin man gut ist, nicht schlecht

Dabei würde uns ein positives Menschenbild durchaus stehen, denn dann ginge es um die Frage: Was wäre, wenn Menschen in Ordnung sind anstatt zu fokussieren, was an ihnen falsch ist? Die Frage ist vom Grundsatz her sogar so aufregend, dass Menschen oft gar keine Antwort darauf haben, wo ihre Stärken liegen. Wo bin ich einzigartig? Was kann ich besonders gut? Worin überzeuge ich andere? Welche Qualitäten habe ich? Was ist mein Beitrag?

Menschen haben in meinen Seminaren vielfach eine rudimentäre Ahnung davon, können es aber nicht klar benennen. Oft fehlt einfach auch nur die dezidierte Sprache, um Stärken trennscharf und spitz auf den Punkt zu bringen. Oft ist es aber auch ein grundsätzliches Thema, seine Stärken nicht nur dezidiert zu benennen, sondern erst einmal grundlegend zu reflektieren. Eine besonders interessante Methoden will ich hier ansatzweise vorstellen, um Stärken einen Namen zu geben.

Persönliche Erfolge aufzeichnen

Die erste Methode orientiert sich am Lebenslauf der letzten Jahre oder auch des gesamten Lebenszyklus'. Man nimmt ein Blatt Papier und zeichnet eine Linie von rechts nach links. Die Linie wird nun mit Jahreszahlen beschriftet. Den Zeitraum wählt man frei aus, ob von der Geburt ab oder auch nur die letzten drei bis fünf Jahre. Als nächstes definiert man den Lebensbereich, der nun in der Rückschau eingetragen werden soll: Beruf, Familie, Freunde, Ehrenamt und so weiter. Für jede Lebensrolle nimmt man eine andere Farbe. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.

Auf der linken Seite wird nun eine Linie von oben nach unten gezogen (Y-Achse). Das ist die Skala für die empfundene Qualität der einzelnen Lebensereignisse: hoch (an der Linie oben) oder niedrig (an der Linie unten). Nun zeichnet man die einzelnen Kurven ein und erhält eine irgendwie geschlängelte Lebenslinie. Bei den zentralen Höhe- oder Tiefpunkten sowie den wichtigen Zwischenstationen schreibt man noch Text dazu, um was genau es sich gehandelt hat.

Danach sucht man sich drei markante Ereignisse heraus, die besonders geglückt sind und analysiert sie. Fragen dabei können sein: Was genau ist exzellent verlaufen? Mit wem habe ich zusammengearbeitet? Was habe ich zum Erfolg beigetragen? Was ist mir gut gelungen? Was ging mir leicht von der Hand? Wie habe ich das gemacht? Welche Kompetenzen habe ich eingesetzt? Welches Feedback habe ich von anderen bekommen?

Persönliche Erfolge nicht klein reden oder überschätzen

Wichtig ist, die Erfolge nicht zu schmälern oder klein zu reden. Manche Menschen sind eher bescheiden, wenn es um ihre Stärken geht. Sie schreiben sich den Erfolg nicht selbst, sondern den Umständen zu. Selbstverständlich haben unser Selbstbewusstsein, unsere Haltung und die Art, wie wir über uns denken, einen Einfluss darauf, ob wir Stärken an uns überhaupt erkennen können. Zu negativ geprägte Menschen können beispielsweise kein Lob annehmen, sondern reagieren beschämt, wiegeln ab und reden sich selbst klein.

Andere wiederum überschätzen sich maßlos. Sie glauben ernsthaft, dass die Welt nicht ohne sie leben könne und eigentlich nichts ohne sie funktioniert. Die Selbstüberschätzer haben durchaus eine narzisstisch verbrämte Ader und damit irgendwo auch eine gehörige Wahrnehmungsverzerrung, was ihre Person und ihren Beitrag betrifft. Dies wäre das andere Extrem. Bei unserer Betrachtung kommt es also auf das richtige Maß an: weder zu schüchtern, noch zu arrogant. Die gesunde Mitte hilft, Stärken realistisch einzuschätzen.

Erfolgsliste hilft in Krisenzeiten

Wenn aber alles richtig gemacht wurde, erhält man eine Liste von Themen, die man nun zu Oberkategorien bündeln kann. Aus den drei Erfolgsstories heraus ergeben sich Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten, die nun verdichtet werden können. Wenn man etwa bei allen Geschichten herausfindet, dass man die Kommunikation im Team maßgeblich angetriggert und gefördert hat, gehört das definitiv auf die Stärkenliste: Teamfähigkeit, Führungsfreude, Kommunikationstalent, Vernetzungsspezialist und so weiter.

Eine solche Liste ist sehr hilfreich, um sämtliche Stärken zu sammeln, zu sortieren und sichtbar zu machen. In Krisenzeiten oder auch in Zeiten persönlicher Niedergeschlagenheit ist diese individuell gestalte Liste eine wunderbare Erinnerung an die eigenen positiven Seiten. Menschen, die ein stark selbstkritisches Bewusstsein haben und/oder ein geringes Selbstbewusstsein, werden diese Liste als maximal herausfordernd empfinden. Die Empfehlung ist: Je mehr man sich als Hyperkritiker mit seinen positiven Seiten auseinandersetzt und sie angemessen würdigt, umso stärker werden Stärken auch bewusster wahrgenommen.

Wenn man dieses Stärkenbewusstsein im Alltag trainiert, fallen einem bereits beim täglichen Tun Stärken auf, die man gerade einsetzt oder die man „vorhin“ genutzt hat. Auf diese Weise kann sich ein gesundes Selbstbewusstsein mit allen positiven Folgen ausbilden: mehr Zufriedenheit, mehr Lebensqualität, mehr psychische Gesundheit oder auch eine bessere Resilienz.

Dazu im Management-Handbuch

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