CoachingNicht einlullen lassen!

Coachs sind keine „Retter“. Wenn sie sich emotional zu sehr auf die Seite ihrer Klienten schlagen, ist der Erfolg des Coachings in Gefahr.

Coachs sollen Menschen in einer bestimmten Situation bestmöglich unterstützen. Objektiv. Sie erteilen also keine Ratschläge, beraten nicht. Coachs unterstützen, eine eigene Lösung zu finden und einen eigenen Weg erwachsen zu gehen. Soweit so gut. Dennoch gibt es Momente, wo Coachs aufpassen müssen, um sich nicht auf die Seite des Coachees zu stellen und „einlullen“ zu lassen.

Wenn der Klient auf die Tränendrüse drückt

Es gibt Klienten, die drücken auf die Tränendrüse und lösen ein Helfersyndrom beim Coach aus, der die Person nun „retten“ will. Auf Seiten des Klienten fallen dann Sätze wie: „Mein Chef ist soooo ungerecht!“ Das ist zunächst einmal die subjektiv erlebte Wirklichkeit. Ob es tatsächlich so ist, ist eine ganz andere Frage. Wie stark soll der Coach sich nun darauf einlassen, um erstens, genügend Anteil zu nehmen, zweitens, eine ausreichend kritische Distanz zu wahren, um den Klienten noch genug in die Verantwortung zu nehmen, und drittens, selbst emotional stabil zu bleiben, um fachmännisch und professionell coachen zu können? Denn: Solche Situationen nehmen einen schließlich selbst unterschiedlich stark mit. Wenn sich Coachs davon einlullen lassen, werden sie handlungsunfähig. Dann sollten sie reflektieren, was das Thema mit ihnen selbst macht.

Ich selbst habe zum Beispiel nichts dagegen, mit Klienten auch mal zu weinen oder sie zu trösten. Ein Coach ist jedoch in erster Linie Dienstleister, der hinterfragen muss, um die Person selbst wieder handlungsfähig werden zu lassen. Wie ein Pionier schlägt der Coach einen Weg durch den Chaos-Dschungel von Gefühlen, negativen Zukunftserwartungen und Selbstmitleid. Dabei muss er selbst klar wie ein Bergsee bleiben, um den Durchblick nicht zu verlieren und die richtigen Fragen zu stellen.

Wenn der Coach instrumentalisiert wird

Es gibt auch Klienten, die nur so tun, als ob sie die Vorschläge des Coachs annehmen. Dies ist oft dann der Fall, wenn der Coach von der Firma bezahlt wird. „Ja, ja, ich werde mich verändern. Sehen Sie, was ich schon alles gemacht habe!“ Damit wollen diese Klienten dem Coach gefallen – und damit dem Unternehmen, um nicht gekündigt oder einfach nur in Ruhe gelassen zu werden. Solche verordneten Coachings sind die unprofessionellste Art, wie Unternehmen Kapital vernichten können. Denn: Der Coach wird dabei als verlängerter Arm des Chefs wahrgenommen – und eigentlich auch nicht ernstgenommen, sondern instrumentalisiert. Ich nenne das Mitspielertrick.

In einem solchen Fall kommt es darauf an, ob der Coach selbst beim Unternehmen angestellt, also ein betriebsinterner Coach ist. Dann braucht er selbst eine kritische Distanz und muss bereits bei der Antragsklärung und dem Mandat auf saubere Verhältnisse achten. Also: Absolute Verschwiegenheit und Handeln im Sinne des Unternehmens, nicht des Klienten. Wird der Coach extern eingekauft, ist also nicht betriebsblind, kann von ihm auch mehr kritische Distanz erwartet werden.

Ob interner oder externer Coach: Entscheidend beim Mitspielertrick ist, dass der Coach dieses Spiel durchschaut und nicht mitspielt. Da darf auch mal kritisch hinterfragt werden: „Wem wollen Sie mit Ihrer Art gefallen?“ Oder: „Wozu betreiben Sie so ein intensives Selbstmarketing?“ Oder: „Wem wollen Sie etwas beweisen?“ Das erfordert natürlich eine innerlich ausreichende emotionale Distanz, weshalb es stets wichtig ist, den „therapeutischen Takt“ zwischen Nähe und Distanz zu wahren.

Folgen für den Coaching-Prozess

Die Konsequenzen solchen Klientenverhaltens für den Coaching-Prozess sind vielfältig. Erstens: Der Klient verändert sich nicht, lernt nichts dazu, reflektiert sich selbst nicht kritisch, sondern manipuliert den Coach – und wird gelassen! Im Grunde instrumentalisiert der Klient den Coach und macht ihn zum Spielball eigener Interessen. Dadurch kommt der Klient aber nicht weiter. Eine Horizonterweiterung, geschweige denn eine Lernerfahrung bleiben aus. Zweitens: Der Klient wird auf eine fremde Lösung verpflichtet – und er lässt es zu! Dadurch erwirbt er keine eigene Lösungskompetenz, macht sich vom Coach abhängig und entwickelt sich nicht, um das eigene Leben selbstbestimmt meistern zu können.

Wenn der Coach sich also mit der Thematik seines Coachees selbstkritisch auseinandersetzt und auch eigene Angriffsflächen und Stellfallen reflektiert hat, kann der Coaching-Prozess sauber geführt und gestaltet werden. Der Coach muss abwägen, inwieweit er sich emotional einlässt. Empfindet er zu stark mit seinem Klienten, sollte er selbst reflektieren, mittels Supervision mit einem Kollegen oder Supervisor: Warum belastet mich das Thema selbst derart und wozu beschäftige ich mich über Gebühr mit der „Rettung“ des Klienten anstatt ihn zur Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zu coachen.

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