ErnüchterungSchlechtes Zeugnis nach einem Jahr für das AGG

Bereits vor seiner Verabschiedung haben es viele verteufelt und sich die Haare gerauft. Jetzt wird das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ein Jahr alt. Das Fazit der Unternehmen: Teuer, bürokratisch, unklar und überflüssig.

Seit dem 18.8. letzten Jahres ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft. Anlass für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), das Regelwerk einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, was damit erreicht wurde und vor allem, welche Kosten für die Unternehmen damit verbunden waren. Zielsetzung der Studie war eine vollständige Bestandsaufnahme und differenzierte Analyse sämtlicher Gesetzesfolgekosten aus dem AGG für deutsche Unternehmen. Insgesamt beteiligten sich 501 Unternehmen an der Analyse, die in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Unternehmensrechnung und Controlling der Universität Dortmund durchgeführt wurde.

Kostenfaktor AGG: 72,50 Euro pro Mitarbeiter pro Jahr

Die Befragten Unternehmen haben die notwendigen Vorbereitungen in Bezug auf die „Schutzmaßnahmen“ im Vorfeld einer potentiellen Benachteiligung getroffen. Auch organisatorische Anforderungen, wie zum Beispiel Schulungen der Mitarbeiter wurden umgesetzt. Zum Umfragezeitpunkt hatten dies bereits 62,7 Prozent getan. Ein weiterer Beleg für den umfangreichen Schutzmaßnahmenkatalog, der als Antwort auf das AGG ergriffen wurde, ist die Anzahl an Untersuchungsteilnehmern, die mit Blick auf die Risiken im Umgang mit dem neuen Gesetz spezielle Standards, Checklisten oder Leitfäden konzipiert und im Unternehmen integriert haben. 45,5 Prozent der Unternehmen gaben an, derartige Standards bereits entwickelt und implementiert zu haben.

Betrachtet man die Kosten für die Unternehmen, so berücksichtigt die Studie zunächst nur die, die valide und fundiert berechenbar sind. Zusätzlich entstandene Kosten wie zum Beispiel noch ausstehende gerichtliche Entscheidungen konnten in die Untersuchung nicht einfließen. Somit handelt es sich bei den Angaben um eine Kostenuntergrenze. Die Hochrechnung der Kosten aus dem Untersuchungssample auf Unternehmen in Gesamtdeutschland erfolgte anhand eines größendifferenzierten Vorgehens, das sich an der Mitarbeiterzahl orientierte. Für Deutschland ergab sich anhand dieser Hochrechnung eine Kostenuntergrenze der Folgekosten aus dem AGG in Höhe von 1,73 Milliarden Euro. Dieser Betrag teilt sich wie folgt prozentual auf:

  • Strategie: 602,6 Millionen Euro
  • Schulungen: 532,4 Millionen Euro
  • Screening, Standards: 387,7 Millionen Euro
  • Dokumentation: 129,9 Millionen Euro
  • Zusätzlicher Aufwand Stammbelegschaft: 63,7 Millionen Euro
  • Sonstige: 19 Millionen Euro

Rechnet man die Folgekosten, die durch das AGG entstanden sind, auf ein einzelnes Unternehmen herunter, so wurden dort im Durchschnitt im ersten Jahr pro sozialversicherungspflichtigem Mitarbeiter mindestens 72,50 Euro ausgegeben. Am meisten kosteten die im Vorfeld stattfindenden strategischen Implementierungen und Handlungen im Hinblick auf den Umgang mit dem neuen Gesetz: Mit durchschnittlich 25,38 Euro pro Mitarbeiter schlug dieser Posten zu Buche. Als kostspielig erwiesen sich auch die obligatorischen Schulungen der Mitarbeiter. Durchschnittlich 22,48 Euro mussten die Unternehmen dafür pro Mitarbeiter hinblättern.

Das AGG bietet ein enormes Missbrauchspotenzial

Eine im Rahmen der Studie untersuchte zentrale Aussage war die, dass aufgrund des AGG nur noch (nichts sagende) Standardabsagen im Bewerbungsprozess verschickt werden. 84 Prozent der Unternehmen tun sich in Bezug auf abgelehnte Bewerber. Diese starke Tendenz lässt sich leicht anhand der mehrfach erwähnten Klage- beziehungsweise Schadensersatzrisiken erklären, ist aber aus der Perspektive der Bewerber nachteilig. Ihnen wird dadurch die Möglichkeit genommen, aus einem ehrlichen und qualifizierten Feedback der Personaler Fehler und Schwachstellen zu erkennen und damit letztlich auch die Chance genommen, in nachfolgenden Gesprächen besser abzuschneiden. Ein Studienteilnehmer sagt dazu:

„Die größte Belastung ist, einem Bewerber nicht mehr ‚ehrlich’ weiterhelfen zu können.“

Ein weiteres Ergebnis: Grundsätzlich werden zukünftig keine Entscheidungen mehr begründet. Ganze 84,3 Prozent bestätigen diesen qualitativen Nachteil aus dem AGG. Ein besonders deutliches Urteil fällten die Unternehmen in Bezug auf die Bürokratie. Dazu die pointierte Aussage eines Teilnehmers:

„Die Überregulierung unserer Gesellschaft wurde konsequent fortgesetzt.“

Obwohl das Gesetz aus einer verpflichtenden Vorgabe der EU resultierte, wird es in seiner Umsetzung von den Unternehmen als „handwerklich schlecht“ beurteilt. Ein deutlicher Beleg hierfür ist das Antwortprofil zur Aussage, das AGG enthalte viele unklare Rechtsbegriffe und Rechtsfolgen. 76,1 Prozent waren dieser Meinung. Verstärkt wird die damit einhergehende Unsicherheit noch durch die „Öffnung zusätzlicher Klagetürchen“, welche von den Untersuchungsteilnehmern bemängelt werden. So wurde auf die Frage, ob das AGG Missbrauchspotenzial bietet, ebenfalls ein klares Urteil der Unternehmen gesprochen: Fast 80 Prozent sehen dieses Gefahrenpotenzial des missbräuchlichen Einsatzes des AGG.

Für ein vollständiges Stimmungsbarometer sorgten so genannte offene Fragen in Textform. Übereinstimmender Tenor: Das AGG bedeute einen zusätzlichen Aufwand beziehungsweise eine zusätlichen Belastung für die Unternehmen. 27,1 Prozent sind dieser Meinung. Auf Platz zwei und drei folgen die Belastungen „Rechtsunsicherheit“ und „Bewerbermanagement“. Im abschließenden Gesamturteil erachten ganze 40,5 Prozent das AGG als überflüssig und nutzlos. Insgesamt ergaben sich für die teilnehmenden Unternehmen quantitative Folgekosten in Höhe von rund 26,4 Milliarden Euro.

Hinweis

Mehr zum AGG lesen Sie auch in unserem Dossier Gleichbehandlungsgesetz: Chancen nutzen, Unsicherheiten vorbeugen.

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

[dw/Quelle: INSM, Bilder: pixelio]

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