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FehlerkulturWarum sich ein offener Umgang mit Fehlern lohnt

Es gibt nichts Besseres als Fehler, um zu lernen und sich weiterzuentwickeln. René Borbonus über die Notwendigkeit, Fehler zu begehen und denen zu danken, die sie machen.

Eine dieser Runden: Alle Mitarbeiter der Abteilung sind um den Konferenztisch versammelt. Der Chef sah schon mal glücklicher aus. Gerade hat er allen Anwesenden erläutert, in welche Schwierigkeiten er geraten ist, weil die Vertriebsstrategie für das Großprojekt, das den Quartalsumsatz retten soll, nicht rechtzeitig fertig war. Schön blöd habe er dagestanden vor dem Kunden. Alle ahnen, was jetzt kommt, und richten ihre Aufmerksamkeit vorsorglich schon mal auf die Poster mit den Claims aus der Firmenbroschüre: „Bei uns zählt der Mensch“, steht da, und: „Kommunikation ist Trumpf“. Dann stellt der Chef die Frage, die alle haben kommen sehen: „Wer hat das verbockt?“ Die Antwort ist vielstimmiges Schweigen.

Das Meeting zieht sich noch eine Weile. Letztlich hat es an einer verlässlichen Zahl gefehlt: Die Absatzerwartung lässt sich erst abschätzen, wenn eine Erhebung in der Zielgruppe belastbare Ergebnisse geliefert hat. Als der ursprüngliche Zeitplan gemacht wurde, wurde das Zeitfenster für die Befragung zu kurz angesetzt. Das fiel erst auf, als ein Mitarbeiter des damit beauftragten Marktforschungsinstituts sich widersetzte: „Wenn Sie verlässliche Ergebnisse wollen, brauchen wir mehr Zeit.“

Über Fehler sollte man sprechen

Zwei Wochen später ist die Befragung ausgewertet. Beim Blick in die Zahlen stellt sich heraus, dass die Nachfrage die Erwartungen bei weitem übertrifft. Die bisher kalkulierten Kapazitäten wären nicht annähernd ausreichend gewesen, ein Engpass die zwingende Folge. Wäre die bisher umrissene Vertriebsstrategie zwei Wochen zuvor verabschiedet und in Gang gesetzt worden, hätte das zu erheblichen Problemen geführt; jetzt jubiliert der Kunde angesichts der bevorstehenden Umsatzsteigerung, und der Chef hat auf einmal sehr gute Laune. Nach dem „Fehler“, der zur Verzögerung im Gesamtablauf geführt hatte, fragt plötzlich niemand mehr. Dabei wäre es genau jetzt an der Zeit, darüber zu sprechen, denn: Dieser Fehler hat sich als Glücksfall erwiesen. Er sollte dringend wiederholt und in zukünftige Prozesse integriert werden. Gerade nochmal schiefgegangen.

Mit Fehlern kann man arbeiten

Wie ehrlich sind Sie, wenn es darum geht, Fehler einzuräumen? Fehler sind eines der letzten Tabus der Leistungsgesellschaft. Jedem passieren sie, die wenigsten stehen dazu. Auf die Idee, sie zum Arbeitsthema und zur Grundlage einer gesunden Feedbackkultur zu machen, kommen noch immer wenige Unternehmen. Wir können im Büro inzwischen über fast alles reden: über Work-Life-Balance, über Sinn und Unsinn einer Frauenquote, über die Grenzen der permanenten Erreichbarkeit. Über Fehler nicht. Jeder Fehler, glauben wir, könnte die Karriere killen. Fehler machen angreifbar, sie einzuräumen schwächt die eigene Position.

Wegen diesen Glaubenssätzen sitzt bei vielen die Angewohnheit tief, Fehler zu verbergen anstatt damit zu arbeiten. Dass es schwer wäre, darüber zu reden, ist letztlich auch so ein Glaubenssatz, denn das ist ganz allein eine Frage der Kommunikationskultur. Unverzeihlich ist in Wahrheit nur ein einziger Fehler: Aus Fehlern nichts zu machen. Denn sie können etwas Wunderbares sein – allerdings nur, wenn darüber gesprochen wird.

Es ist Zeit, mit dem Mythos vom Karrierekiller „Fehler“ aufzuräumen. Ohne ein paar saftige Missgeschicke, Irrtümer und blöde Zufälle hätte es einige der wichtigsten Erfindungen der Neuzeit schlicht nicht gegeben. Und einige der bedeutendsten Köpfe der Wissenschaft wären nie berühmt geworden, wenn sie nicht auch mal Mist gebaut hätten.

Ein Fehler, der Geschichte machte

Eine Erfindung, die auf einem Missgeschick beruht, haben Sie gleich vier Mal an Ihrem Auto: den Gummireifen. Bis 1839 hätte man dem Werkstoff Gummi keinesfalls das Leben von Fahrzeuginsassen anvertrauen können. Der Stoff wurde zwar bereits für verschiedenste Zwecke eingesetzt, doch seine Belastbarkeit war sehr begrenzt: Die damals bekannten Mischungen schmolzen bereits bei relativ niedrigen Temperaturen und brachen schon bei mäßiger Kälte.

Bis Charles Nelson Goodyear 1839 ein Missgeschick unterlief. Er experimentierte in seinem Labor gerade mit einer Mischung aus Gummi und Schwefel, als er für einen Moment die Konzentration verlor und ein Stück der wenig wohlriechenden Mixtur auf eine heiße Herdplatte fallen ließ. Das Ergebnis war nicht nur ein erbärmlicher Gestank und eine ruinierte Herdplatte, sondern auch eine Gummikonsistenz, die bisher niemand in planmäßigen Versuchen hatte erzeugen können: korrosionsresistenter, abriebfester und temperaturbeständiger. Wenig später meldete Goodyear ein Patent auf einen Gummireifen an, der innerhalb kürzester Zeit seinen Siegeszug um die Welt antrat.

Fehlerkultur einführen – aber wie?

Goodyear hatte seinen Fehler nicht nur erkannt, sondern ernst genommen. Er hatte ihn nicht abgehakt, sondern darauf aufgebaut. Er entsorgte den stinkenden Klumpen Gummigemisch nicht gemeinsam mit seiner Herdplatte, sondern ließ sich von seinem Missgeschick inspirieren. Daraus lässt sich lernen: Anstatt Fehler zu vertuschen, zu verdammen und ungeschehen machen zu wollen, können wir sie zum Thema machen. Denn was für diese Entdeckungen gilt, hat im Unternehmensalltag nicht weniger Bedeutung. Manchmal sind es die ungeplanten Umwege und Irrfahrten, die uns zum Ziel führen. Manchmal ist es ein Freud'scher Versprecher, der mehr Weisheit transportiert als die ganze Rede drum herum. Manchmal ist es ein kleiner Patzer in der Projektplanung, der dafür sorgt, dass die Vertriebsstrategie den Kunden aus den Socken haut.

Die Angst vor Fehlern und der Unwillen, darüber zu reden, sitzen bei den meisten tief. Wie können Sie das ändern? Wie können Sie dafür sorgen, dass Fehler in Ihrem Umfeld nicht nur toleriert, sondern akzeptiert und zum Thema werden? Anders gefragt: Wie können wir das meiste aus unseren Fehlern machen? Indem Sie sie unters Mikroskop legen. Und zwar die Fehler, nicht Ihre Mitarbeiter. Das ist nämlich genau der Grund, warum im Meeting, das ich zu Beginn dieses Artikel beschrieben habe, niemand die Hand heben wollte. In den meisten Unternehmen wird der Wert von Fehlern nicht in Erkenntnis gemessen, sondern in Schuld. Deshalb gibt es in vielen Unternehmen keine gesunde Fehlerkultur.

Danke, dass Sie das verbockt haben!

Ob Kinder, Erwachsener, Mitarbeiter oder Kollegen – womöglich noch unter Androhung von Sanktionen – zur Offenlegung ihrer Fehler zu zwingen, funktioniert nicht. Es sorgt eher dafür, dass sie sich verschließen. Die Angst, die einer konstruktiven Nutzung von Fehlern im Weg steht, können Sie Ihrem Umfeld – oder: Ihrem Publikum – nur nehmen, indem Sie es ermutigen zu seinen Fehlern zu stehen, und dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Sie müssen niemandem vormachen, dass Fehler erwünscht seien. Doch mal ehrlich: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen absichtlich Mist bauen? Fehler passieren – das kann auch der strengste Chef der Welt nicht verhindern.

Stellen Sie sich den überraschten Gesichtsausdruck eines verunsicherten Mitarbeiters vor, der für seinen Irrtum nicht vor versammelter Mannschaft zum Sündenbock erklärt, sondern dazu beglückwünscht wird, welchen Nutzen er daraus gezogen hat! Wir sollten Menschen nicht an ihren Fehlern messen, sondern daran, wie sie damit umgehen. Wertvoll ist ein Mitarbeiter nicht, weil er die Fehler, die alle anderen auch machen, erfolgreicher unter den Tisch kehrt als andere, sondern weil er dazu steht, daraus lernt und etwas daraus macht. Wer souverän mit Fehlern umgeht, verdient keine Strafe, sondern Respekt.

Jeder Fehler zählt

Es gibt sogar Situationen, in denen es auf jeden Fehler ankommt. Wenn ein Unternehmen neu gegründet wird, lernen die Gründer aus ihren Anfängerfehlern mehr als aus jedem Glücksgriff. In der Erprobungsphase neuer Prozesse oder Produkte schaut jeder erfahrene Unternehmer genauer auf die Risiken und Nebenwirkungen als auf das, was von Anfang an glatt läuft. Und wenn ein Unternehmen, eine Abteilung, ein Team vor einem Führungswechsel oder massiven Umstrukturierungsmaßnahmen steht, ist nichts gewisser als die Ungewissheit – und nichts ist produktiver als der Zustand des „Trial and Error“, der damit einhergeht. Wenn Fehler in dieser Phase vertuscht oder nicht angemessen ausgewertet werden, kann dieses Versäumnis über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

All diese Anlässe sind Redeanlässe. In kritischen Momenten brauchen Ihre Mitarbeiter jemanden, der Ihnen eine gesunde Fehlerkultur vorlebt. Der ihnen Geschichten über den souveränen Umgang mit Fehlern erzählt und über die wundervollen Dinge, die daraus entstehen können. Seien Sie dieser Chef, seien Sie dieser Kollege, seien Sie dieser Redner! Erzählen Sie Geschichten wie die von Charles Nelson Goodyear. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran, und man wird es Ihnen danken.

Dazu im Management-Handbuch

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