Gefühle im BüroVom Umgang mit Traurigkeit am Arbeitsplatz

Die meisten Menschen halten aus Scham ihre Gefühle bei der Arbeit zurück. Dies gilt vor allem für Trauer beziehungsweise Traurigkeit. Auf Dauer geht das jedoch nicht gut. Ziel muss es sein, Gefühle wie ein Erwachsener zu äußern.

In der ZEIT lief einmal eine Artikelserie. Eine Mutter, die 64 Jahre alte Textchefin einer fiktiven Zeitung, und ihre Tochter streiten per WhatsApp über das Arbeitsleben. In einer Folge ging es um etwas, das Menschen in der Regel nicht wollen: heulen im Büro. Da stellt sich die Frage, welche Gefühle man zeigen soll und welche besser nicht. Und damit sind wir mittendrin im Thema Beziehungskompetenz.

In diesem Beitrag geht es übrigens mit voller Absicht ums Heulen im Büro und nicht so sehr ums Weinen. Also weniger um still fließende Tränen, sondern vielmehr um hörbar und sichtbar geäußerte Traurigkeit. Die ist übrigens sehr selten, zumindest wenn es um Erwachsene geht. Das zeigt schon die Bildersuche im Internete. Es gibt kaum Fotos von weinenden Erwachsenen. Und wenn, dann geht es in der Regel um einen romantischen Kontext oder um den Abschied von einem Verstorbenen. Trauer im Beruf findet so gut wie gar nicht statt. Die beiden Autorinnen der ZEIT aber thematisieren genau das, was sonst eher ein Tabu ist: das Heulen im Büro.

Trauer oder Ärger?

Der kommunikative Ballwechsel zwischen Mutter und Tochter über das Heulen im Büro ist sehr interessant. Er zeigt, wie unterschiedlich Generationen ihrer eigenen Emotionalität begegnen. Die Mutter beginnt die Kommunikation mit einem Signal, das man – Empathie vorausgesetzt – durchaus als Hilferuf interpretieren kann. Ihre Tochter versteht sofort und reagiert: „Wolltest du nicht anrufen wegen irgendwas?“ Die Mutter wehrt ab: „Nicht jetzt“, sagt sie. Sie sei etwas neben der Spur. Pia hakt nach: „Was ist los?“

Ihre Mutter erklärt, sie habe eben bemerkt, dass sie in der Redaktion nicht mehr gefragt sei. Ein Schock sei das, und sie sei trotzdem wütend. Nach einer Weile erklärt sie, was ihr widerfahren ist: Ihre „genialen Vorschläge“ seien an der „blöden Tussen-Truppe“ in der Konferenz abgeprallt. Infolgedessen habe sie sich so sehr darüber geärgert, dass sie geheult habe. Alleine. Auf dem Klo. Ihre Tochter meint: „Du hättest ihnen ins Gesicht schluchzen sollen.“ Sie selbst praktiziere das Heulen im Büro regelmäßig, proaktiv und strategisch. So richtig „mit Rotz und grüner Soße“. Und mit dem gewünschten Effekt: Alles, was zuvor blockiert worden sei, werde danach durchgewinkt.

In diesem Beispiel begegnen uns zwei höchst unterschiedliche Modelle im Umgang mit den eigenen Emotionen.

Umgang mit Gefühlen: Trauer verstecken

Die Mutter erklärt, sie sei ärgerlich. Sie nennt sogar den Grund: Weil sie wütend geworden sei. Das ist interessant, denn Wut und Ärger sind das gleiche Gefühl. Auch ihre Wahrnehmung, nicht mehr gebraucht zu werden, legt den Verdacht nahe, dass es tatsächlich um ein anderes Gefühl geht – um Trauer. Aber von der will sie nichts wissen. Stattdessen reagiert sie so, wie viele Menschen reagieren: Anstatt ihre Trauer zu akzeptieren und zu äußern, sucht sie ihr Heil in einem für sie „ungefährlicheren“ Gefühl: Ärger.

Warum ist Ärger für „ungefährlicher“? Weil man sich damit nicht verletzlich macht, wenn man ihn äußert. Ärger wirkt auf den ersten Blick stark, nicht schwach. Mit Trauer ist das genau umgekehrt. Sie lässt uns schwach erscheinen und macht uns verletzlich. Wir schimpfen lieber und fliehen in den Trotz. So wie die Mutter: „Nie wieder kriegen die auch nur die kleinste Idee von mir. Sollen sie doch sehen, wo sie dann bleiben.“

Ich bin den beiden ZEIT-Autorinnen sehr dankbar für ihre Offenheit, denn sie zeigen sich in einem intimen und heiklen Bereich: dem Umgang mit Gefühlen. Es ist nicht leicht, etwa in einer Konferenz gegenüber deutlich jüngeren Kolleginnen oder Kollegen, einzuräumen, dass man verletzt, also traurig ist. Wir haben Angst davor, unsere Verletzlichkeit zu zeigen, weil wir sie als Schwäche interpretieren. Stattdessen reagieren wir trotzig wie ein Kind. Viele Erwachsene machen das. Die Mutter scheint zudem viel Wert darauf zu legen, ihre Contenance zu wahren. Verständlich als 64-Jährige. Wer will sich da schon die Blöße geben, emotional zu reagieren? Tränen vergießen, wo es doch – gerade in Redaktionen – stets um die Sache gehen sollte. Heulen im Büro – undenkbar.

Ich bin überzeugt, dass die Mutter tatsächlich auch Wut fühlt. Ich glaube allerdings, dass sie gar nicht so sehr wütend auf ihre jüngeren Kolleginnen ist, sondern tatsächlich auf sich selbst. Weil sie sich eingestehen muss, dass ihre Kolleginnen tatsächlich in der Lage sind, sie, die deutlich erfahrenere Text-Chefin, zu verletzen. Das überrascht sie, das ist der Schock, den sie gegenüber ihrer Tochter erwähnt. Erst auf der Toilette erlaubt sie sich die damit verbundenen Tränen.

Umgang mit Gefühlen: Trauer strategisch nutzen

Modell 2: Die Tochter hat kein Problem mit ihrer Trauer. Im Gegenteil: Sie nutzt sie strategisch und manipuliert ihre Kollegen ganz bewusst. Die Blöße ist ihr egal. Das Ergebnis zählt. Alles, was zuvor abgelehnt wurde, wird genehmigt. Die Tochter weiß das und nutzt die Erfahrung, die sie im Umgang mit Trauer gemacht hat. So bekommt sie, was sie will. Das ist nicht verboten, aber es wird sich abnutzen. Je öfter die Tochter heulend manipuliert, desto eher werden ihre Kollegen ihr Spiel durchschauen und sich nicht mehr manipulieren lassen.

Ich werde oft gefragt, ob es eine Alternative zu den gerade beschriebenen Modellen gibt. Einen Mittelweg zwischen purer, gefühlsfreier Sachlichkeit und dem Tränen-Tsunami. Einen Mittelweg gibt es nicht. Es kann ihn gar nicht geben, weil es keine gefühlsfreie Sachlichkeit gibt. Das ist uns Menschen nicht gegeben. Wir sind fühlende Wesen, auch wenn wir oft nicht wahrnehmen, dass beziehungsweise was wir fühlen. Meine Erfahrung ist, dass unbewusstes Fühlen dazu neigt, mich zu steuern. So wie die Mutter. Sie will ihre Verletzlichkeit nicht zeigen und flüchtet stattdessen aufs Klo. So richtig erwachsen wirkt das nicht, auch wenn die Contenance oberflächlich gewahrt bleiben mag.

Die gute Nachricht ist: Es gibt zwar keinen Mittelweg, wohl aber eine Alternative zu Modell 1 und 2: den erwachsenen Umgang mit Gefühlen.

Umgang mit Gefühlen: Gefühle erwachsen äußern

In Fall der Mutter hätte das so aussehen können: Sie nimmt ihren Mut zusammen und kleidet das, was sie fühlt, in Worte: „Wisst ihr, ich habe den Eindruck, dass meine Vorschläge keine Chance bei euch haben. Das macht mich ganz schön traurig, denn ich habe viel Herzblut darin investiert und glaube an sie.“ Dazu braucht es keine Tränen. In der Regel sind Menschen erst einmal beeindruckt, wenn ihr Gesprächspartner äußert, was er fühlt. Den dafür notwendigen Mut und die Klarheit darüber haben nur wenige. In der Regel folgt darauf erst einmal überraschte Stille. Das ist gut so, denn in der Stille überdenkt der eine oder die andere möglicherweise das eigene Verhalten. Und darum geht es: Gebe ich den Vorschlägen der Mutter wirklich keine Chance? Die Stille ist wertvoll, weil sich in ihr niemand verteidigen muss.

Diese Stille hält natürlich nicht ewig. Eine Frage, mit der die Kolleginnen reagieren und die Stille beenden können, wäre: „Und was sollen wir jetzt tun?“ Die Mutter könnte antworten: „Einfach akzeptieren, dass ich traurig bin und darüber nachdenken, ob an meiner Wahrnehmung etwas dran sein könnte.“ Natürlich verspricht dieser Weg nicht den Erfolg der tränenreichen Manipulationsstrategie der Tochter. Seinen Gefühlen erwachsen Ausdruck zu geben hat in der Tat nichts mit Manipulation zu tun. Aber es modelliert allen Beteiligten eine Form von Umgang, die viele Menschen beeindruckt und sie ihr eigenes Handeln hinterfragen lässt: die emotionale Intelligenz und Souveränität des erwachsenen Menschen.

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