Genügsamer seinEine Haltung fürs Leben und Wirtschaften?

Weniger konsumieren und das Wirtschaften nicht nur an Effizienzkriterien und Profitmaximierung ausrichten. Das könnte eine Haltung für mehr Zufriedenheit im Leben sein.

Manchmal träume ich vor mich hin. Darüber, wie wir anders leben und arbeiten können. Darüber, wie ein kultureller Wandel aussehen könnte. Denn wenn ich durch die Straßen gehe und in die vielen ernsten, gestressten beinahe leblosen Gesichter sehe, denke ich: So, wie wir es zurzeit machen, funktioniert es nicht. Auch wenn ich die Geschichten meiner Klienten von Überforderung und Frustration Revue passieren lasse, merke ich, dass der Traum vom zufriedenen Leben leider viel zu oft nur ein Traum ist. Das macht mich traurig, manchmal zornig, auf jeden Fall nachdenklich. Und dann fange ich an, darüber zu sinnieren, wie es anders gehen kann. Der Schlüssel liegt, wie meist, bei uns selbst.

Weniger besitzen und sich selbst besser entfalten

Wenn wir weniger besitzen, stattdessen aber mehr wir selbst sein und uns entfalten wollten, dann wären wir nicht abhängig von Jobs, die uns nicht guttun oder nicht zu uns passen. Wir müssten nicht Karriere machen und immer mehr Geld verdienen. Wir könnten möglicherweise tun, was wir gerne tun. Wir hätten weniger „Müssen“ und stattdessen mehr „Können“ in unserem Leben.

Alles, was wir besitzen, ist obendrein vergänglich. Besser, wir halten uns nicht daran fest, sondern betrachten es als Leihgabe mit ungewissem Rückgabedatum. Reichtum kann durch die nächste globale Finanzkrise von heute auf morgen vernichtet, der vermeintlich sichere Job kann im Zuge der nächsten Umstrukturierungsmaßnahme wegrationalisiert werden. Das eigene Unternehmen kann in eine Insolvenz geraten. Eine schwere und lebensbedrohliche Krankheit kann uns von heute auf morgen arbeitsunfähig machen. Was bleibt, wenn wir uns ausschließlich auf die Mehrung unseres Lebensstandards konzentrieren?

Das Leben so nehmen, wie es ist

Wenn wir die Herausforderungen des Lebens einfach öfter so nähmen, wie sie sind, dann könnten wir aufhören zu jammern und würden uns weniger ärgern. Dann hätten wir weniger Konflikte und Streit. Dann wären wir versöhnlicher und würden uns nicht länger als hilflose Opfer fühlen. Das sind wir nämlich nicht. Es gibt überall Einflussmöglichkeiten. Mal mehr, mal weniger. Unsere innere Haltung zu den Aufgaben des Lebens gibt uns immer die Möglichkeit, eine Situation zu unserem Wohl zu beeinflussen. Ich nenne es „das Gesicht, das wir zu allem aufsetzen“. Darüber entscheiden nur wir selbst. Und es hat eine große Bedeutung für unsere Zufriedenheit.

Sich weniger schnell Sorgen machen

Wenn wir aufhören würden, uns allzu schnell Sorgen zu machen, denn Sorgen sind erst einmal nur Gedanken. Wir können uns auch für andere Gedanken entscheiden. Unsere Gedanken sind frei. Nichts spricht dagegen, dass wir uns für zuversichtliche Gedanken und mögliche Lösungen entscheiden. Nur sehr wenige Situationen sind mit ein wenig Abstand betrachtet wirklich so bedrohlich, wie wir in dem Moment unserer Sorge glauben. Die Fokussierung unserer Gedanken ist vielfach zu eng. So eng, dass die fast immer vorhandenen positiven Aspekte einer Situation nicht mehr wahrgenommen werden. Die Gesamtmenge der für Erfolg, Glück und Zufriedenheit maßgeblichen Faktoren wird auf einen oder wenige momentan aus dem Lot geratene Aspekte reduziert. Mit ein wenig Abstand betrachtet, ist die Bedeutung dieser Einzelfaktoren relativ zur Gesamtsituation meist eher gering. Ein Kollege sagte einmal treffend: „Vom Mond aus betrachtet ist alles halb so schlimm.“

Entscheidungen nicht nur an Effizienz und Profit ausrichten

Wenn wir aufhören würden alle Entscheidungen und Ergebnisse an Effizienzkriterien, Profitmaximierung und Kostensenkung auszurichten, dann könnte eine menschenwürdige Arbeitswelt entstehen. Eine Arbeitswelt für loyale, begeisterte, engagierte, kreative und leistungsfähige Mitarbeiter. Sie sind Garant für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Sie sichern den Shareholder Value. Es würde sich auszahlen, in den Faktor Mensch zu investieren.

Kosten, insbesondere Personalkosten, maximal zu senken, um kurzfristig den Profit und Shareholder Value zu steigern, ist dagegen wirtschaftlich betrachtet ein großer Fehler. Spätestens, wenn es keine weiteren Einsparmöglichkeiten mehr gibt und auch das letzte Tafelsilber verkauft ist, werden die fatalen Folgen einer ausschließlich an monetären Größen orientierten Unternehmensführung deutlich. Dann nämlich, wenn die Mitarbeiter jegliche Begeisterung für ihre Arbeit und dadurch ihre Loyalität für das Unternehmen verloren haben.

Unsere Bedürfnisse an die Verhältnisse anpassen

Wie wäre es, wenn wir nicht die Verhältnisse, wie zum Beispiel den natürlichen Lebensraum, an unsere unkontrolliert wachsenden Bedürfnisse und Wünsche anpassen, sondern umgekehrt unsere Wünsche und Bedürfnisse an die Verhältnisse? Das wäre eine demütige und dankbare Lebenshaltung. Das wäre eine Haltung, die uns am Ende vielleicht zufrieden, lebendig und glücklich sein lässt. Für ein Leben, in dem es nicht um Status und materielle Dinge geht, sondern um achtsames und verantwortliches Miteinander und die freie Entfaltung jedes einzelnen Menschen.

Ähnliche Gedanken finden sich bereits in den Empfehlungen der Lebensphilosophie der Stoa. Ihre berühmten Vertreter, wie Marc Aurel, Epiktet oder Seneca empfahlen, sich vom Äußeren zu lösen, sich auf das eigene Innenleben und die inneren Einstellungen zu besinnen. Erkennen und zu akzeptieren, was außerhalb der eigenen Macht steht. Äußere Dinge sind nicht schlecht. Schlecht ist nur die falsche Einstellung dazu. Es kommt darauf an, innerlich unabhängig von den Dingen zu sein, was nicht ausschließt, Freude daran zu haben. Genügsamkeit als Glück bringende Haltung ist Kern dieser Philosophie. Eine Haltung, die uns allen, besonders auch manchem Unternehmenslenker, gut zu Gesicht stehen würde.

Diese Lebensphilosophie hat aus meiner Sicht starke Bezüge zum Resilienz-Konzept. Auch hier geht es um Haltungen und Einstellungen für ein gelingendes Leben. Auch im Resilienz-Konzept spielt der Prozess des Annehmens, Akzeptierens und der Selbstverantwortung eine zentrale Rolle. Es geht darum, Negatives so in das Leben zu integrieren, dass es Anlass für die eigene Verbesserung sein kann. Denn an den Wechselläufen des Lebens können wir uns entwickeln, verändern und wachsen. Ein gereiftes und innerlich starkes Selbst ist die Basis für ein zufriedenes und reiches Leben. Reich an Erfahrungen und daraus erwachsener Lebendigkeit und Stärke. Das ist der zentrale Gedanke im Resilienz-Konzept.

Ein Leben, in dem sich jeder mit seinen ganz individuellen Eigenarten und Kompetenzen einbringen und voll entfalten kann, wäre für mich ein gutes Leben. Ein Leben, in dem es nicht vorrangig um materielle Dinge und Status geht, sondern um Selbstentwicklung, Freiheit und intensive Erfahrungen verbunden mit ausreichend Zeit, sich auch der Muße hinzugeben. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Vielleicht kann es so gehen?

Erkenntnisse anderer Disziplinen fürs Wirtschaften nutzen

Interessieren wir uns wieder mehr für die Erkenntnisse aus unterschiedlichen Wissenschaften, besonders der Philosophie! Nutzen wir diese Erkenntnisse auch für die Wirtschaft, um eine Kultur zu schaffen, die Vielfalt, Kreativität und lustvolle Entfaltung fördert! Eine Kultur und Wirtschaft, in der weniger Wollen und Brauchen und stattdessen mehr inneres Wachstum und persönliche Entwicklung möglich ist. Eine Kultur und Wirtschaft, in der der Mensch ganz einfach Mensch sein kann, in der er ein gesundes Wechselspiel von Müßiggang sowie von vielfältigen und seine Entfaltung fördernden Erfahrungen machen kann. Eine Kultur und Wirtschaft für ein zufriedenes und lebendiges Leben.

Dazu im Management-Handbuch

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