GeschäftslebenMoralfreies Wirtschaften funktioniert nicht

Wirtschaftliches und ethisches Handeln schließen sich nicht aus. Mehr noch: Nur auf der Basis von Ethik und Moral vermeiden Manager einen persönlichen Reputationsverlust, meint Dr. Irina Kummert im Interview.

Seit der Finanzkrise 2008 steht der Berufsstand des Bankers gesellschaftlich gesehen für rücksichtslose Gier. Doch auch in anderen Branchen scheinen Moral und Ethik weit weg: unverhältnismäßig hohe Boni für Manager, bezahlte Luxus- und Lustreisen, Insolvenzverschleppung, Personalabbau, Umgehung von Umweltauflagen oder Arbeitsschutzmaßnahmen zum Zweck der Gewinnmaximierung. Wir haben mit Dr. Irina Kummert, geschäftsführende Gesellschafterin der IKP Executive Search GmbH und Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V., über das Moral- und Ethikverständnis von Unternehmen gesprochen.

Frau Kummert, Finanzakteure haben seit der Finanzkrise keinen guten Stand in der öffentlichen Wahrnehmung. Der angesehene Bankier mutierte zum verantwortungslosen Banker. Welches Verständnis hat diese Berufsgruppe von Moral und Ethik und wie beeinflusst dieses Verständnis deren Handeln?

Ethik und Moral haben einen unübertroffenen Stellenwert, um zu Verbindlichkeit und darauf basierend zu funktionierenden, langfristig tragfähigen Partnerschaften zu kommen. Den Teilnehmern an meiner empirischen Studie, überwiegend Vertreter von Banken und Kapitalanlagegesellschaften auf Vorstandsebene, die ich zu ihrem Moral- und Ethikverständnis befragt habe, ist klar: Nur auf dieser Basis ist die langfristige, erfolgreiche Etablierung eines Unternehmens möglich und ein persönlicher Reputationsverlust vermeidbar. Insofern dominiert ein utilitaristisches Verständnis von Ethik und Moral: Es geht nicht nur darum, Gutes zu tun, weil es gut ist, sondern auch, weil es nützlich ist.

Geht es im Geschäftsleben auch ohne Ethik und Moral?

Grundsätzlich ist es durchaus möglich, quasi moralfrei Geschäfte zu tätigen. Das funktioniert aber nicht lange und ist deshalb kein Patentrezept für erfolgreiches unternehmerisches Handeln. Nachhaltiges Wirtschaften basiert in erster Linie auf einem fairen Umgang miteinander. Die „Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns“ wurden beispielsweise von meinen Gesprächspartnern herangezogen, um deutlich zu machen, welches individuelle Verständnis von Ethik und Moral jeweils dem eigenen Handeln zugrunde liegt. Hier werden Tugenden wie Redlichkeit und Loyalität, Vertrauen und Verbindlichkeit in den Vordergrund gestellt. Auch die so genannte „Goldene Regel“, behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst, wird genutzt, um den Blickwinkel des jeweils anderen einzunehmen und das eigene Handeln im Hinblick auf Fairness und Sinnstiftung zu überprüfen.

Eine hohe Arbeitsbelastung ohne ausreichende Erholung scheint zur Kultur vieler Unternehmen zu gehören. Kürzlich soll ein Praktikant am Finanzplatz London an Stress und Schlafentzug gestorben sein.

Da sprechen Sie einen besonders tragischen Fall an. Eine hohe Arbeitsbelastung, die Stress und Schlafmangel nach sich zieht, scheint allerdings ein Phänomen zu sein, das nicht nur Banken betrifft, sondern auch andere Branchen und insofern als gesamtgesellschaftliches Problem begriffen werden sollte. Karl Marx hat in seinen „Pariser Manuskripten“ von 1844 den Gedanken formuliert, dass der Mensch im Arbeitsprozess niemals nur abstrakte Produkte herstellt, sondern immer zugleich auch sein Bewusstsein davon, was es heißt, ein Mensch zu sein. Marx schließt aus seiner Theorie der Entfremdung, dass man zunächst das ökonomische Sein verändern muss, um das Bewusstsein des Menschen mit seinem Menschsein in Einklang zu bringen. Das Bewusstsein des Menschen ist nach Marx ein Reflex der Verhältnisse, in denen er lebt und arbeitet.

Ist also ein Wirtschaften ohne Rücksicht auf den Menschen das Problem?

Wir wissen, dass sich das ökonomische System nicht einfach abschaffen oder radikal verändern lässt. Wir wissen nicht, ob und was genau sich für die Humanität im Falle der Abschaffung des Kapitalismus verbessern würde – alle Prognosen können hier nur den Charakter von Vermutungen, nicht von erfahrenem Wissen haben. Aus meiner Sicht muss es das wichtigste Ziel einer Wirtschaftsethik sein, den ökonomischen Prozess menschlicher zu gestalten. In dem hochkomplexen Kapitalmarktgeschäft beispielsweise erleben sich, in Übereinstimmung mit den Marxschen Thesen, teilweise die Produzenten nicht mehr als Bestandteil des Produktionsprozesses, sondern haben sich selbst hinter dem Produkt vergessen.

Es ist zu einer Entfremdung gekommen, was sich mir auch in Interviews mit meinen Gesprächspartnern zeigt: Als Personalberaterin bitte ich sie gelegentlich darum, sich selbst zu beschreiben, zu formulieren, wer sie sind, was ihnen wichtig ist. Nicht selten kommt die Gegenfrage: beruflich oder privat? Offenbar erleben sich die Menschen im Arbeitsprozess als andere Menschen als im Privatleben. Das halte ich für bemerkenswert.

Spieltheoretische Experimente belegen zudem, dass die Bereitschaft, sich sozial zu verhalten, abnimmt beziehungsweise überlagert wird durch rein monetäre Anreize. Monetäre Anreize allein genügen nicht, ja sind möglicherweise sogar kontraproduktiv, wenn wir erreichen wollen, dass das Verhalten der Menschen im Arbeitsprozess menschlicher wird und die Belange des jeweils anderen stärker berücksichtigt werden. Daher sollten flankierend zu monetären Anreizen die Anreize zu sozialem Verhalten gesteigert werden. In meiner Studie habe ich einige Ideen dazu entwickelt, wie die Entscheider in den Unternehmen dieses Ziel erreichen können.

Welche Ideen sind das?

Es spricht einiges dafür, dass die Loyalität der Arbeitnehmer gegenüber einem Arbeitgeber in dem Maße sinkt, in dem eine Kultur des reinen Söldnertums Raum greift. Um das zu verhindern, könnte beispielsweise noch mehr Wert darauf gelegt werden, die gemeinsam zu erreichenden Ziele enger abzustimmen und den Arbeitnehmern deren Sinnhaftigkeit deutlich zu machen.

Das unternehmerische Handeln sollte an einem Wertesystem ausgerichtet sein, mit dem sich die Mitarbeiterschaft identifizieren kann, an dessen Erarbeitung sie vielleicht sogar mitgewirkt hat. Die Werte, zu deren Einhaltung sich ein Unternehmen bekennt, sollten für die Mitarbeiter erlebbar sein und nicht als reine Lippenbekenntnisse empfunden werden. Von der Geschäftsleitung zu treffende unpopuläre Entscheidungen sollten so kommuniziert werden, dass für die Arbeitnehmer deren Notwendigkeit nachvollziehbar, transparent und der Eindruck der Willkür vermieden wird.

Können hohe Geldsummen, um die es im Geschäftsleben manchmal geht, das Moralverständnis beeinflussen?

Einerseits haben sicherlich bestimmte Dimensionen am Kapitalmarkt dazu geführt, dass der ein oder andere die Bodenhaftung verloren hat. Neuere wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen, dass im Kapitalmarktgeschäft insbesondere die Faktoren Kontrollillusion und Selbstüberschätzung bei den handelnden Personen zu hohen Verlusten führen können. Hinzu kommt: Je höher die Summe ist, um die es geht, desto eher scheint sich das Risiko zu lohnen, das eine Person auf sich nimmt.

Störfälle im Kapitalmarktgeschäft können nach meiner Überzeugung nur verhindert werden, wenn bei der Rekrutierung von Personal deutlich mehr Wert auf die Persönlichkeit und deren Werteverständnis gelegt wird als das bislang der Fall ist.

Irina Kummert: „Regulierung allein verhindert keine Krisen.“

Wie hilfreich sind Regulierungsmaßnahmen?

Ein regulatorisches Umfeld hat das Ziel, durch Gesetze, Regeln und Normen willkürliches Handeln zu vermeiden. Mehr Regulierung reduziert aber einerseits die Gestaltungsmöglichkeiten und damit auch die Chance, Verantwortung zu übernehmen. Andererseits dauert es erfahrungsgemäß nicht lange, bis ein findiger Kapitalmarktakteur, wenn er es denn will, einen Weg findet, eine Regulierung auszuhebeln. Es kommt zu einer Regulierungsumgehungsspirale, die nicht zielführend sein kann.

Mehr Regulierung bedeutet nicht automatisch ein Mehr an ethischem Bewusstsein und diese hat bislang keine nachhaltigen positiven Effekte für die Verhinderung von Krisenszenarien gezeigt. 

Und wer kann und sollte die Einhaltung von Regeln kontrollieren?

Aus meiner Sicht müssen es das Organigramm und die Geschäftsbereichsverteilung eines Unternehmens, egal welcher Größe, jederzeit ermöglichen festzustellen, wer sich an welcher Stelle nicht regelkonform verhalten hat. Bezogen auf die Einhaltung von Regeln sind selbstverständlich die Führungskräfte, von der Teamleitung bis zum Aufsichtsrat, verantwortlich. Wie ich bereits sagte, glaube ich allerdings nicht daran, dass maximale Kontrolle das gewünschte Ergebnis bringt. Wer wirklich etwas verändern möchte, muss beim Bewusstsein der Menschen ansetzen.

Ihr Verband setzt sich dafür ein, die Mechanismen der Ethik transparent zu machen. Was bedeutet Transparenz in diesem Kontext?

Transparenz bedeutet deutlich zu machen, dass Ethik und Moral eben auch als Mittel genutzt werden können, um Eigeninteressen zu verschleiern und Machtinteressen durchzusetzen. In den meisten Fällen geschieht das, indem ein persönliches, individuelles Interesse als eine allgemein einzuhaltende Pflicht ausgewiesen wird. Bei dem Anspruch an andere, sich ethisch verhalten zu müssen, geht es oft in erster Linie darum, sich selbst oder einer Gruppe von Menschen Vorteile zu verschaffen. Immer dann, wenn Botschaften eingeleitet werden mit „man sollte“, „man muss“ oder „man darf nicht“, sollte kritisch hinterfragt werden, ob die Allgemeingültigkeit tatsächlich gerechtfertigt ist und wer welche Vorteile von einer bestimmten Verhaltensregel hat.

Ethik hat in erster Linie die Aufgabe, Schaden von der Gesellschaft abzuwenden. Insofern hat sich unser Verband zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein für den Gebrauch und den Missbrauch von Ethik in der Wirtschaft zu schärfen. In Abhängigkeit von der Größe und der Struktur eines Unternehmens sind Verantwortlichkeiten teilweise nicht mehr klar zuordenbar. Sie können im schlimmsten Fall aufgrund der Komplexität der Entscheidungsprozesse gar nicht mehr sagen, wer an welcher Stelle die Regeln nicht eingehalten hat.

Gibt es Unternehmen, die Ethik und Moral nur vorschieben?

Das so genannte „Greenwashing“ deutet die Antwort auf Ihre Frage bereits an. Ja, es gibt Fälle, in denen Ethik und Moral als reine Augenwischerei missbraucht werden. Ein Beispiel dafür ist vielleicht das Mineralölunternehmen Shell, das vor einigen Jahren die Ölplattform „Brent Spa“ im Meer versenken wollte, was sofort zu öffentlichem Protest und zu Umsatzverlusten führte. Das Unternehmen reagierte, indem es seine ursprünglichen Pläne zugunsten einer, ökologisch nicht belegt vorteilhafteren, Entsorgung an Land änderte. Begleitet wurde diese Entwicklung durch eine professionell aufgesetzte Imagekampagne, die in erster Linie einen moralischen Gesinnungswandel auf Seiten des Unternehmens proklamierte. Damit wurde das vordergründige Ziel erreicht, die Gemüter wieder zu beruhigen.

Aus der Konstellation Gewinnerzielungsabsicht und sozialem Engagement ergibt sich aber auch immer wieder, dass Entscheidern in Unternehmen vorgeworfen wird, zuerst einen Imagegewinn und entsprechenden Profit auf der Agenda zu haben. Ich bin nicht der Auffassung, dass eine Handlung nur dann moralisch positiv zu bewerten ist, wenn sie gänzlich uneigennützig ist, und sehe es nicht kritisch, wenn ein Produkt sich besser verkauft, nachdem ein Unternehmen die Einhaltung bestimmter ethischer Standards glaubwürdig durchgesetzt und das öffentlich gemacht hat.

Konzerne wie Siemens, Daimler oder Thyssen-Krupp verwickelten sich in Korruptionsaffären. Ist das Streben nach Gewinnmaximierung für solche Auswüchse verantwortlich?

Für mich stehen Gewinnstreben und Moral nur dann im Widerspruch zueinander, wenn unfair gehandelt wird, wenn der Gewinn ausschließlich zum eigenen Wohl maximiert werden soll oder Mitarbeiter zum eigenen Vorteil ausgebeutet werden. Ein faires Geschäftsgebaren muss insofern die Grundlage der Gewinnerzielung bilden.

Gewinnerzielungsabsichten sollten aber nicht per se mit unehrlichem Verhalten in Verbindung gebracht werden. Es ist der gesellschaftliche und ökonomische Auftrag von Unternehmen, Gewinne zu erwirtschaften. Ohne Gewinne wäre der Fortbestand eines Unternehmens nicht möglich, es könnten keine Arbeitsplätze und keine Sozialleistungen bereitgestellt werden. Wer reich ist oder es werden möchte, dem wird unterstellt, unmoralisch und gewissenlos zu sein. Folgt man dieser Logik, dann kann nur derjenige, der arm ist, moralisch integer sein.

Frau Kummert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Mit Dr. Irina Kummert sprach business-wissen.de-Redakteurin Anette Rößler.

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