GlobalisierungChina büßt Rolle als Produktionsstandort Nummer eins ein

Mehr als die Hälfte der ausländischen Unternehmen in China gehen davon aus, dass der chinesische Produktionsstandort an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Der Grund: die Starke Währung und steigende Lohnkosten. Für Konzerne rücken verstärkt Vietnam und Indien als alternative Standorte in den Fokus.

Die Zeiten, in denen China bei multinationalen Unternehmen attraktivstes Niedriglohnland und Produktionsstandort war, sind vorbei. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Untersuchung "China Manufacturing Competitiveness". Diese wurde gemeinsam von der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton und der Amerikanischen Handelskammer in Shanghai erstellt. Mehr als die Hälfte der in China aktiven, befragten ausländischen Unternehmen glaubt, dass China seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Low-Cost-Ländern einbüßen wird. Daher plant bereits rund ein Fünftel der Firmen in den kommenden Jahren Standorte von China in andere Regionen wie Vietnam und Indien zu verlagern.

Die Gründe für den Attraktivitätsverlust liegen vor allem im Erstarken der chinesischen Währung Renminbi sowie den steigenden Lohnkosten. Ron Haddock, Partner und Chinaexperte bei Booz Allen Hamilton, sagt:

"Multinationale Unternehmen und Investoren müssen ihre gesamte Produktions-Strategie, die sie in den letzten Jahrzehnten in China verfolgt haben, grundlegend überdenken. Kostenwandel und Währungsstruktur haben sich substantiell verändert. Daher müssen Unternehmen ihre Standorte und Unternehmensaktivitäten in China kritisch auf den Prüfstand stellen."

Starke Währung und Lohninflation machen alte Standortvorteile zunichte

Sieben von zehn der Konzerne nennen das Erstarken der chinesischen Währung als Ursache dafür, dass Chinas Wettbewerbsfähigkeit als Standort sinkt. Über die Hälfte der Konzerne sieht die Lohninflation als wichtigsten Grund. So stiegen die Gehälter bei Managern durchschnittlich um 9,7 Prozent und bei Arbeitern um 7,6 Prozent. Während die Kosten auf der einen Seite steigen, hinkt China auf der anderen Seite globalen Standards in punkto Standortfaktoren noch immer hinterher.

Die teilnehmenden Unternehmen nennen vor allem die logistische Infrastruktur, den Zugang zu Technologien, Management-Kapazitäten und den Schutz geistigen Eigentums als Schwachstellen. Auch die Mitarbeiterbindung ist laut Umfrage ein großes Problem und für 33 Prozent der Befragten schuld am Verlust der Wettbewerbsfähigkeit.

Unter den 20 Prozent jener Firmen, die bereits konkrete Pläne verfolgen, ihre chinesischen Standorte in andere Länder zu verlagern, geben 89 Prozent an, in China ursprünglich aufgrund der niedrigen Lohnkosten investiert zu haben. Heute aber seien Lohnniveau und geringe Steuersätze anderer Länder attraktiv geworden. Vietnam ist Spitzenreiter unter den alternativen Standorten. 63 Prozent der Befragten nannten den asiatischen Staat als beste Alternative zu China. Für 37 Prozent ist Indien die erste Wahl.

Duale Strategie als Schlüssel zum Erfolg

Die Untersuchung zeigt auch: Profitabel sind vor allem solche Player, die China sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt sehen und sich nicht allein auf einen der beiden Aspekte fokussieren. Firmen, die den Markt integriert bearbeiten, sind deutlich erfolgreicher als jene, die sich nur auf eines der Ziele konzentrieren. Trotz der potentiell höheren Ertragschancen versucht nur ein Viertel der Firmen, Produktionsaktivitäten und inländischen Absatz miteinander zu vereinen.

Steigende Kosten und eindimensionale Marktbearbeitung bilden jedoch nicht die einzigen Ursachen, weshalb multinationale Unternehmen in China unprofitabel arbeiten. Der überwiegende Teil der Konzerne ist nicht in der Lage, Best-Practice-Strategien in China anzuwenden. Nur elf Prozent stützen sich auf durchgängig integrierte Planungssysteme wie Enterprise Ressource Planning (ERP) und Manufacturing Ressource Planning (MRP). Noch weniger Unternehmen setzen differenzierte analytische Inventur-Berechnungs-Tools und -Verfahren ein. Nur vier Prozent wenden Best-Practice-Strategien im Bereich des Supply Chain Risk Management an.

Noch werden Investitionen für Infrastruktur in neuen Ländern gescheut

Derzeit hält die Mehrheit der Konzerne an ihren chinesischen Standorten und Aktivitäten fest. 78 Prozent planen, den chinesischen Heimatmarkt als Absatzmarkt weiter zu erschließen. 39 Prozent geben dabei jedoch an, den Aufwand zu scheuen, eine neue Supply Chain in anderen Low-Cost-Regionen aufzubauen. Das heißt, nicht Standortvorteile im Reich der Mitte, sondern die Hemmschwelle, an anderer Stelle zu investieren, fallen beim Thema Standort momentan noch zugunsten Chinas aus.

Für Konzerne, die ihre China-Strategie überdenken, kann die Vorgehensweise erfolgreicher Firmen ein hilfreiches Vorbild sein. Haddock erklärt:

"Unternehmen, die in China am profitabelsten sind, sehen China inzwischen in einer erweiterten globalen Perspektive und nicht nur als ein Schwellenland. Wir nennen diese Unternehmen 'Globale Integratoren'. Diese haben ihr Engagement vor Ort in ihre globale Marktplanung integriert."

Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Strategie haben die meisten Investoren in China allerdings noch einen weiten Weg vor sich.

Booz Allen und die Amerikanische Handelskammer in Shanghai haben 66 der größten multinationalen Unternehmen in China befragt. Diese repräsentieren mehr als zehn Prozent der 600 größten multinationalen Unternehmen in China. Dabei wurden Online-Fragebögen, vor-Ort-Besuche und Tiefeninterviews eingesetzt. Von den befragten Unternehmen waren 81 Prozent vollständig in ausländischem Besitz, zehn Prozent waren Joint Ventures zwischen multinationalen und chinesischen Partnern und neun Prozent fielen in die Kategorie "Sonstige".

[dw; Quelle: Booz Allen Hamilton; Bild: fotolia]

 

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