KommentarBesser gewappnet gegen die Krise als wir glauben - Kennen die Deutschen ihre Wirtschaft nicht?

Die Deutschen jammern gerne und verweisen auf Konzerne, die Arbeitsplätze abbauen und die Produktion ins Ausland verlagern. Dabei vergessen sie: Maßgeblich für den Erfolg der Wirtschaft sind die vielen "Hidden Champions", die im internationalen Wettbewerb sehr erfolgreich sind und mit dazu beitragen, dass Deutschland Exportweltmeister ist, meint Hermann Simon in seinem Beitrag.

Von: Prof. Dr. Hermann Simon, Simon-Kucher & Partners

Die aktuelle Börsenkrise schlägt auf die ohnehin labile Stimmung. Selbst in guten Jahren hat die öffentliche Meinung nicht das Niveau erreicht, das der tatsächlichen Stärke der deutschen Wirtschaft entsprach. Hingegen sind die Deutschen in der Übertreibung nach unten zum einen schnell und zum anderen besonders gründlich. Die mehrfachen Börsenschocks der letzten Tage waren nirgendwo ausgeprägter als in Deutschland. Die amerikanische Wall Street blieb demgegenüber erstaunlich gelassen.

In Wirklichkeit ist die deutsche Wirtschaft krisenfester als fast alle glauben. Fakt ist, dass die Deutschen ihre eigene Wirtschaft nicht kennen. Das gilt für Politiker, Journalisten und erst recht für Otto Normalverbraucher. Seit Jahren liest man, dass die großen Unternehmen Mitarbeiter entlassen, Arbeitsplätze abbauen und Betriebe verlagern. Auch die Krisen weniger Banken wie WestLB, SachsenLB oder IKB haben einen überproportionalen Einfluss auf die Stimmung. Doch das ist nicht der Kern der deutschen Wirtschaft.

In Wirklichkeit ist dieser Kern ein ganz anderer! Wie kann es denn angesichts allseits wahrgenommenen Misere sein, dass wir seit Jahren Exportweltmeister sind? Wie kann es denn sein, dass die deutsche Wirtschaft in anderen Ländern bewundert wird? Wie kann es sein, dass Franzosen, Italiener, ja selbst Amerikaner und Japaner ihre deutschen Konkurrenten fürchten – was auch kaum bekannt ist? Wie passt das alles zusammen? Da stimmt doch etwas nicht.

Die Speerspitze der deutschen Wirtschaft entgeht dem Radarschirm der meisten Menschen in unserem Lande. Dabei verfügt kein Land der Welt über bessere Unternehmen. Kein Land der Welt hat annähernd so viele Weltmarktführer. Vermutlich ist auch kein Land der Welt auf einer breiten Front so innovativ. In Deutschland gibt es mehr als 1.200 mittelständische Weltmarktführer, die "Hidden Champions". Ihre Verborgenheit steht im krassen Gegensatz zu ihren herausragenden Erfolgen in der Ära der Globalisierung und ihrer Krisenfestigkeit.

Hier sind die unglaublichen Fakten:

  • Diese Unternehmen haben in den letzten zehn Jahren über eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 350.000 in Deutschland.
  • Sie wachsen jedes Jahr mit „chinesischen Raten“ von knapp zehn Prozent und haben ihren Umsatz in den letzten Jahren um das Zweieinhalbfache gesteigert. So sind über einhundert neue Milliardenunternehmen entstanden.
  • Die Marktanteile sind in der Welt und in Europa durchgängig gestiegen. Besonders beeindruckend ist der Anstieg des relativen Marktanteils von 1,56 in 1995 auf 2,34 in 2004 (relativer Marktanteil = eigener Marktanteil/Marktanteil des stärksten Konkurrenten, also das schärfste Maß der Wettbewerbsstärke).
  • Die Hidden Champions befinden sich in einer Phase massiver Innovation. Die Innovationseffizienz gemessen in Kosten pro Patent ist dabei fünfmal besser als in Großunternehmen (2,7 Millionen Euro Kosten pro Patent in Großunternehmen, 500.000 Euro bei den Hidden Champions). Sie haben sechsmal so viele Patente pro Mitarbeiter wie die Großen.
  • Eine klare Mehrheit der Hidden Champions-Unternehmer sagt, dass sie von Krisen profitieren, da schwächere Wettbewerber in die Knie gehen. Marktanteile werden nicht in guten Zeiten, sondern in Krisen neu verteilt. Die Krise ist die Stunde der deutschen Hidden Champions.

Natürlich sind in Krisensituationen Finanzkraft, weltweite Präsenz und Wettbewerbsüberlegenheit entscheidend. Bei all diesen Risikopuffern können die deutschen Hidden Champions glänzen. Die Krise wird dadurch abgemildert, dass sich die Hidden Champions von transatlantischen zu eurasischen Unternehmen wandeln. Vor zehn Jahren kamen 76,8 Prozent ihrer Umsätze aus Transatlantica, sprich Westeuropa und Nordamerika. Heute kommen bereits 75,6 Prozent aus Eurasia, das heißt Europa (West und Ost) und Asien. Die Umsatzanteile von Asien und Osteuropa sind seither um 67,3 bzw. 125 Prozent gewachsen. Diese Regionen sind aber von der aktuellen Krise weit weniger betroffen als Nordamerika. Wie mir noch in dieser Woche hochrangige chinesische Gesprächspartner versicherten, gehen sie nicht davon aus, dass Chinas Wachstum massiv zurückgehen wird.

Ein enormes positives Stimmungspotenzial ließe sich mobilisieren, wenn mehr Menschen in unserem Lande die Hidden Champions, die wirkliche Speerspitze unserer Wirtschaft, kennen würden. Dann brauchen wir weniger Angst vor der Krise und dem internationalen Wettbewerb zu haben. Weniger Angst bedeutet mehr Optimismus und der ist bekanntlich die Grundlage für eine gute Zukunft.


Prof. Dr. Hermann Simon ist Gründer und Vorsitzender der weltweit tätigen Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners und Autor des Buches "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts. Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer".

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