KonfliktrhetorikKonflikte grammatikalisch lösen

Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Wer in Konflikten die richtige Zeitform wählt, weicht verhärtete Fronten auf und trägt zur Lösung des Konflikts bei.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen morgens ins Büro und brauchen erst einmal einen Kaffee. Sie steuern die Teeküche an und greifen nach der Kaffeedose. Sie ist leer. Auf diese Enttäuschung folgt an deutschen Arbeitsplätzen regelmäßig ein Schlagabtausch wie dieser: „Du hast wieder den letzten Kaffee getrunken, ohne neuen zu besorgen. Genau wie letzten Monat.“ „Das geschieht Dir recht. Als ich gestern vor dem Termin noch dringend etwas kopieren wollte, musste ich erst in den Keller rennen und neues Papier holen, weil Du wieder nicht nachgefüllt hast.“

Zeitform kontrollieren und Konflikte lösen

Es gibt einen Weg, derartige Konflikte, die sich zu verselbständigen drohen, in den Griff zu bekommen: die Kontrolle der sprachlichen Zeitform. Mitarbeiter oder Führungskräfte, die regelmäßig aneinandergeraten, können die Wirkung unterschiedlicher Zeitformen nutzen, um statt schlechtem Klima eine Lösung zu erzielen.

Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie am Ende eines Streits vergessen haben, womit er überhaupt angefangen hat? Meist liegt das daran, dass es gar nicht mehr um den eigentlichen Konflikt geht, sondern der Streit auf einer ganz anderen Ebene eskaliert. Weil wir Konflikte für uns entscheiden wollen, neigen wir dazu, abzudriften und unser Gegenüber mit vergangenen Missetaten oder unliebsamen Eigenschaften zu konfrontieren, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Dieses Abdriften geht mit dem Wechsel der Zeitform einher.

Um was geht es im Konflikt wirklich?

Der antike Rhetoriker Aristoteles hat die Theorie aufgestellt, dass alle Kommunikationsthemen einer dieser drei Kategorien angehören:

  • Schuld
  • Werte
  • Wahl

Sind Sie sich dieser Tatsache nicht bewusst, kann ein Streit aus dem Ruder laufen. Achten Sie dagegen darauf, worum es in einem Konflikt eigentlich geht, lässt sich ohne Umschweife eine Lösung in die Wege leiten. Ihr Ziel in einem Konflikt werden Sie nur erreichen, wenn Sie Ihre Argumente an der richtigen inhaltlichen Kategorie orientieren.

Vom Thema eines Streits können wir auf die Zeitform schließen, in der der Konflikt geführt werden sollte. Aristoteles hat ausgeführt, dass jede der drei oben genannten Themenkategorien mit einer Zeitform einhergeht, in der diese Themen rhetorisch behandelt werden:

  • Schuld = Vergangenheit
  • Werte = Gegenwart
  • Wahl = Zukunft

Das bedeutet: Stellen Sie fest, dass die Zeitform, in der ein Konflikt geführt wird, nicht zum eigentlichen Thema passt, können Sie den Konflikt lösen, indem Sie zur passenden Zeitform wechseln.

Konflikte, in denen es um Schuld geht

Beim obigen Streitgespräch zwischen den Mitarbeitern geht es von Anfang an um Schuld. Die rhetorische Zeitform des Konflikts ist die Vergangenheit. „Wieder“ wurde der Kaffee nicht nachgefüllt, genau wie „letzten Monat“. „Gestern“ wurde versäumt, Papier im Kopierer nachzufüllen. Schuldfragen werden immer in der Vergangenheit diskutiert.

Die Zeitformen der Vergangenheit sind die richtige Wahl, wenn es tatsächlich darum geht zu klären, wer etwas getan hat – wer schuld ist. In der alltäglichen Konfliktkommunikation sind sie dagegen selten von Nutzen, wenn der Konflikt konstruktiv aufgelöst werden soll.

Konflikte, in denen es um Werte geht

Wenn in einer Firma diskutiert wird, welche Einsparmöglichkeiten es gibt, steht meist auch die Frage nach Entlassungen auf der Tagesordnung. Vielleicht sind Sie als Führungskraft aber ganz und gar nicht der Meinung, dass man ausgerechnet beim Personal kürzen sollte. Darüber geraten Sie mit Kollegen aus der Geschäftsführung in Streit. Lieber stellen Sie Ihren Jahresbonus zur Disposition, um Ihre Angestellten vor einer unnötigen Kündigung zu schützen.

In diesem Konflikt geht es um Werte. Aristoteles nannte die Sprachform der Gegenwart „demonstrative Rhetorik“. Sie wird verwendet, um etwas zu demonstrieren, zum Beispiel einen Standpunkt. Die Rhetorik der Gegenwart kommt bei Lob und Verurteilung zur Anwendung, unterscheidet zwischen gut und schlecht, richtig und falsch und grenzt Personen oder Gruppen mit unterschiedlichen Meinungen voneinander ab.

Konflikte um Werte im Präsens austragen

Um also im obigen Einsparungskonflikt zum Ziel zu gelangen, sollte nicht in der Vergangenheitsform argumentiert werden: „Hättet Ihr vom Marketing im letzten Quartal nicht Euer Budget überschritten, hätte es das Problem nie gegeben.“ Hier ist sofort wieder die Schuldfrage im Spiel. Eine Formulierung im Präsens hingegen verspricht mehr Erfolg: „Es ist unnötig, Personal zu entlassen. Ich kann stattdessen gern auf meinen Bonus verzichten.“

Die Zeitform der Gegenwart sollten Sie immer dann wählen, wenn es in einem Konflikt um Werte geht. Verfällt die andere Partei in Schuldzuweisungen – und damit in die Vergangenheit – ,wechseln Sie ins Präsens, um Ihren Standpunkt sachlich darzulegen.

Konflikte, in denen es um eine Entscheidung geht

In der Mehrzahl der Konflikte geht es um Entscheidungen, die getroffen werden müssen – um eine Wahl. Entscheidungen und ihre Folgen liegen in der Zukunft, und das sollte auch Ihre Sprache reflektieren. Die Lösung: das Futur. Die Rhetorik der Zukunft heißt bei Aristoteles „deliberative Rhetorik“, weil es bei ihr um Entscheidungen geht. Der wichtigste Aspekt dieser Sprachform ist das „Vorteilhafte“. Sie orientiert sich nicht an Werturteilen oder Schuldfragen, sondern daran, was zweckdienlich ist. Das macht sie zur Rhetorik der Pragmatiker.

Die Zeitformen der Zukunft sind also immer dann zu empfehlen, wenn Ihr Ziel die gemeinsame Entscheidungsfindung ist, Sie also eine Wahl haben. Sie ist lösungsorientiert und geeignet, Konflikte zu einem konstruktiven Ausgang zu führen.

Fazit

Die Unterschiede zwischen den drei Zeitformen der Rhetorik können über Erfolg oder Misserfolg, Lösungsfindung oder verhärtete Fronten aufgrund eines Konflikts entscheiden. Die Rhetorik der Vergangenheit, in der es um Schuld geht, droht Bestrafungen an. Die Rhetorik der Gegenwart kann dazu führen, dass Menschen sich annähern, birgt aber auch die Gefahr der Trennung. Die Rhetorik der Zukunft wiederum bietet Aussicht auf eine Lösung. Bei den meisten Konflikten ist sie deshalb erste Wahl.

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