KreativwirtschaftDie neuen Selbstständigen sind kreativ, innovativ und erfolgreich

Die Kreativwirtschaft gehört zu den großen Wachstumsmärkten. Die Erfolgsperspektiven einer Existenzgründung waren selten besser als heute, gerade Frauen bietet sie große Chancen. Ein Fortbildungsprojekt weist Wege in ein neues Unternehmertum.

Irgendwo im Haus liegt sie noch herum: die Ausgabe des Magazins Spiegel mit dem Kölner Dom auf dem Titelblatt, der klimabedingt von einer Wasserflut verschlungen wird. Die visionäre Titelstory stammt aus dem Jahr 1986. Wenn man Birgit Abrecht, Chefin des Büros für Solararchitektur in der Schwarzwald-Gemeinde Keltern, fragt, woher um alles in der Welt sie vor fast 20 Jahren den Mut nahm, sogar Aufträge abzulehnen, nur weil sie die Bauherren nicht von einer energiesparenden Bauweise überzeugen konnte, dann fällt ihr nur dieser apokalyptische Spiegel-Titel ein. „Ich konnte nicht anders“ sagt Birgit Abrecht dann. Damals hätte sie selbst nicht geahnt, dass sie mit traumwandlerischer Sicherheit in eine Nische steuerte, die sich heute als Zukunftsbranche mit riesigem Wachstumspotenzial entpuppt. Heute ist die 46-Jährige im Niedrigenergiebau ein bekannter Name. Sie ist Preisträgerin des Europäischen Solarpreises, und wegen ihrer langjährigen Erfahrung ist sie ein begehrtes Mitglied in Fachgremien und Umweltverbänden.

Solararchitektin Birgit Abrecht führt eines von rund 218.000 steuerpflichtigen deutschen Unternehmen der Kreativwirtschaft. Eine wachsende Branche, die sich zusammensetzt aus Architektur, bildender und darstellender Kunst, Musikwirtschaft, Buch und Pressemarkt, Design, Werbung, Filmwirtschaft, Games- und Softwareentwicklung. Mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von etwa vier Prozent ist die Kreativwirtschaft für die deutsche Wirtschaft inzwischen fast so wichtig wie die Automobilindustrie.

Rückenwind von der Bundesregierung

Auch der EU-Kulturministerrat sieht in der Kultur- und Kreativwirtschaft eines der wichtigsten Zugpferde für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. In Deutschland kommt jetzt auch von politischer Ebene Rückenwind: Bundesministerien und Bundesämter eröffnen Referate für Kulturwirtschaft, neun von 16 Bundesländern legen Kulturwirtschaftsberichte vor. Und die Bundesregierung will sich ab diesem Frühjahr mit der „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft“ als aktive Förderin der Kreativen profilieren, Licht in das weitgehend unerforschte Marktgeschehen bringen und branchenspezifische Förderprogramme und Beratungsprogramme auflegen. Dies scheint auch angebracht, denn ein Jahreseinkommen von gerade mal 11.094 Euro gaben die Versicherten der Künstlersozialkasse im Jahr 2007 an – wobei die Durchschnittseinkommen der Frauen noch etwa ein Viertel unter denen der Männer lagen.

Den nicht selten prekären Lebensverhältnisse zum Trotz: Die Arbeitszufriedenheit ist auffallend hoch. Das bestätigen Umfragen immer wieder. Denn den Kreativen zählt die Selbstentfaltung häufig mehr als der kommerzielle Erfolg und Werte mehr als Wirtschaftlichkeit. Die Berliner Unternehmensberaterin Angela Pritzkow meint dazu:

„Gerade Frauen eröffnen sich durch Selbstständigkeit in der Kreativwirtschaft viele Chancen. In vielen Branchen bieten sich hervorragende Möglichkeiten, Familie und Beruf zu verbinden. Hinzu kommt, dass die meist niedrigen Investitionen, die eine Existenzgründung erfordert, dem eher vorsichtigen Umgang von Frauen mit Geld entspricht.“

Pritzkow ist Inhaberin der F3 Marketingagentur und Initiatorin eines Forschungs- und Fortbildungs-Projektes für Gründerinnen in der Kreativwirtschaft, das vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie dem Europäischen Sozialfonds (EU) gefördert wird. Die Workshopreihe „Ich allein? Mehr als ich! Zukunft für Frauen – Selbstständig in der Kreativwirtschaft“ bietet eintägige Workshops für Gründungsinteressierte, Selbstständige und Unternehmerinnen, die zwischen April und Juni in den Kreativmetropolen Köln, Hamburg, Berlin und München stattfinden. Das scheint überfällig, denn die bestehenden Beratungs- und Förderprogramme werden von Kreativen kaum in Anspruch genommen. Sie sind bislang auf deren Märkte zu wenig zugeschnitten. Dabei sind die Kreativen in betriebswirtschaftlichen Belangen oft zu unbedarft: Wer Ideengeberin und Entwicklerin, Organisatorin und Strategin, Handwerkerin und Buchhalterin in einer Person ist, benötigt zusätzliche Ressourcen für Risikomanagement und Wachstumsstrategien.

Neue Märkte, neue Möglichkeiten

„Idealismus und wirtschaftlicher Erfolg passen zusammen, wenn die Unternehmerin den Produktionsfaktor Kreativität mit Managementfähigkeiten und Marktorientierung verbindet und strategische Allianzen eingeht.“

Das weiß Expertin Angela Pritzkow aus langjähriger Beratungserfahrung. Die Chancen für eine existenzsichernde Selbstständigkeit in der Kreativwirtschaft, da ist sie sicher, waren nie größer als heute: Der Strukturwandel eröffnet neue Absatzmärkte, moderne Technologien bieten kostengünstige Produktionsmöglichkeiten und Vertriebsmöglichkeiten und das Internet ist eine optimale Plattform für arbeitsteilige Netzwerkstrukturen. In der projektbegleitenden Analyse, bei der erstmals bundesweit Daten über Frauenunternehmen und selbstständige Frauen in der Kreativwirtschaft erhoben werden, stehen diese betriebswirtschaftlichen Potenziale und Zusammenhänge im Mittelpunkt.

Erfolgreiche Kreative machen es vor. Mit innovativen Marketingstrategien und arbeitsteiligen Netzwerkmodellen erobern sie Märkte und bilden unternehmensähnliche Strukturen, die bei überschaubarem Geschäftsrisiko existenzsichernd funktionieren und auf Wachstum ausgelegt sind.

Bestes Beispiel ist die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA), ein Netzwerk aus Schriftstellern, Journalisten, Grafikern, Softwareentwickler und Web-Designern. Mit seiner Mitgliederstruktur aus „Agenten“, „Informellen Mitarbeitern“ und „Schläfern“ parodiert es den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA (Central Intelligence Agency). Sitz der ZIA ist Berlin, doch die Mitglieder kooperieren zwischen Peking und New Jersey. Die Schriftstellerin Kathrin Passig, die die ZIA mit begründet hat, bringt die Vision auf den Punkt:

„Wir haben uns bemüht, eine Firma naturgetreu nachzubilden und dabei alles wegzulassen, was an Firmen nervt.“

Öffentlichkeitswirksamkeit für alle Mitglieder entfaltete die ZIA, als Passig im Jahr 2006 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, und das ZIA-Weblog „Riesenmaschine“ kurz darauf mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus erlaubt die auftragsbezogene Teambildung eine effektive Arbeitsteilung, ohne die einzelnen Mitglieder langfristig zu binden, branchenübergreifende Fachkenntnisse und Beziehungen sind nützlich für die Neukundenakquisition, der gemeinsame Auftritt unter dem Markennamen ZIA hilft bei Honorarverhandlungen. Und das alles, ohne nennenswerte Kosten zu produzieren: Da es sich fast ausschließlich um Online-Zusammenarbeit handelt, braucht die Agentur nicht einmal Geschäftsräume.

Von der Rapperin zur Unternehmerin

Ebenfalls ohne eigene Geschäftsräume, dafür aber recht erfolgreich ist Pyranja – die Bekannteste in der unbekannten Szene deutschsprachiger Rapperinnen. Die 29-jährige Rostockerin, die sich im Hip-Hop einen Namen gemacht hat, vertreibt ihre Songs unter einem eigenen Independent-Label. Der Kern von Pyranja Records ist ein Netzwerk aus Geschäftskontakten und Kooperationspartnern, daher kommt das Label ohne fixen Kostenapparat und Personalunterbau aus. Während der Produktionsphasen beschäftigt Pyranja für Promotion, Konzertmanagement, Verwaltung und Vertrieb bis zu vier Mitarbeiter – auf Honorarbasis oder mit Gewinnbeteiligung. So bleiben die Investitionen überschaubar und lassen sich aus Sponsorengeldern finanzieren.

Neuartige Unternehmensformen, strategische Marketing-Allianzen, Netzwerke von Selbstständigen, gemeinschaftliche Vertriebsmodelle – dort liegt die Zukunft der Kreativwirtschaft, dies will Kreativ-Expertin Angela Pritzkow den Workshop-Teilnehmerinnen mit auf den Weg geben und mit der begleitenden Ausstellung erfolgreicher Unternehmerinnen belegen. Doch die Entwicklung steht erst am Anfang, und die Kreativ-Unternehmerinnen brauchen branchenspezifische Beratung und Förderung, um den Weg zu ihrem persönlichen Geschäftsmodell zu finden - erst dann kann sich ihr Wachstumspotenzial entfalten.

Hinweis

Mehr Informationen zur bundesweiten Workshopreihe „Ich allein? Mehr als ich?! Zukunft für Frauen – Selbständig in der Kreativwirtschaft“ finden Sie unter: www.f3-kreativwirtschaft.de


Kreativwirtschaft in Zahlen und Fakten

Die Kreativwirtschaft ist bis heute in vielen Teilen ein weißer Fleck im deutschen Marktgeschehen: Wirtschaftsdaten werden nur vereinzelt und mit kaum vergleichbaren Parametern erhoben, über die steuerlich nicht erfassten Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 17.500 Euro ist so gut wie nichts bekannt - obwohl sie nach Schätzungen etwa 50 Prozent der Selbstständigen ausmachen, die Wertschöpfungskette innerhalb der einzelnen Branchen ist nur wenig erforscht. Wo es aber Zahlen gibt, da offenbaren sie einen facettenreichen, personalintensiven und quicklebendigen Markt.

Die Begriffe “Kreativwirtschaft“, „Kulturwirtschaft“ und „Creative Industries“ sind nicht einheitlich. Im Allgemeinen versteht man unter Kreativwirtschaft die Branchen Architektur, bildende und darstellende Kunst, Musikwirtschaft, Buch und Pressemarkt, Design, Werbung, Filmwirtschaft sowie die Games- und Softwareentwicklung.

Der EU-Kulturministerrat hat die Kultur- und Kreativwirtschaft im vergangenen Jahr als Zukunftsmarkt und Motor für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze ausgemacht. Mit einem Anteil von 2,6 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt (2004) liegt die wirtschaftliche Bedeutung Kreativwirtschaft zwischen der Automobil- und der Chemieindustrie. Die Zahl der Arbeitsplätze, die hier geschaffen werden, ist im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre um beachtliche drei Prozent gestiegen. Und die Zahl der Unternehmen wächst dreimal schneller als die der Gesamtwirtschaft.

Rund 218.000 steuerpflichtige Unternehmen waren im Jahr 2006 in der deutschen Kreativwirtschaft aktiv. Vom Major über GmbHs bis zum Mikrounternehmen wurde insgesamt ein Umsatzvolumen von knapp 121 Milliarden Euro erwirtschaftet. Mikrounternehmen stellen drei Viertel in der Kreativwirtschaft: Mehr als 150.000 freiberufliche Büros und gewerbliche Kleinstunternehmen erzielten im Jahr 2005 ein Umsatzvolumen von rund 17 Milliarden Euro.

In allen Teilbereichen, außer dem Einzelhandel mit Büchern und Zeitschriften, nimmt die Anzahl der Selbstständigen beziehungsweise Unternehmen zu. In einigen Bereichen (zum Beispiel Architektur-, Journalisten-/ Nachrichtenbüros, Filmwirtschaft, Werbung) werden jedoch rückläufige Umsätze (weniger als 5 Prozent) durch die Jahre der Rezession verzeichnet. Im Bereich Filmwirtschaft wurde bereits bundespolitisch reagiert und ein Zuschussprogramm zur Unterstützung dieses Bereiches im Jahr 2007 gestartet. Die derzeit erfolgreichste Branche innerhalb der Kreativwirtschaft ist die Designbranche: Sie wuchs zwischen 2004 und 2005 um 15,2 Prozent. Sie wird gefolgt von Journalisten- und Nachrichtenbüros (10,5 Prozent) und Software/ Games (7,2 Prozent). Alle Wirtschaftszweige zusammen wuchsen im gleichen Zeitraum um 5,1 Prozent.

Eine der wenigen geschlechterdifferenzierten Erhebungen bietet der Berliner Kulturwirtschaftsbericht 2005: Von den über 90.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigen im Jahr 2002, lag der Frauenanteil bei rund 50 Prozent. Hohe Anteile weiblicher Beschäftigung wurden insbesondere im Kunstmarkt (77 Prozent), der Werbung (52 Prozent) sowie dem Buch- und Pressemarkt (52 Prozent) erreicht.

Untersuchungen, die bundesweit sowohl einen Überblick über Gründerinnen in der Kreativwirtschaft, in den einzelnen Branchen beziehungsweise Teilmärkten und Auskünfte über die betriebswirtschaftliche Verfasstheit dieser Unternehmen geben, fehlen. So wurden bisher die Teilmärkte auf ihre existenzsichernde Unterschiedlichkeit wenig analysiert. Die Unterschiedlichkeit besteht zum einen in der Regulierung sowie in den Zugangsmöglichkeiten und Zugangsbarrieren, wie zum Beispiel beim Kapital oder Kundschaft. Die Schnelllebigkeit und Veränderlichkeit der Märkte unter Berücksichtigung des Faktors Kreativität erfordert hier unter anderem eine Analyse der Unternehmen und ihrer Absatzmöglichkeiten, um das Potenzial für Frauenunternehmen herauszukristallisieren.

[Quellen: Destatis, Arbeitskreis Kulturstatistik, Künstersozialkasse, Bündnis 90/Die Grünen - Kulturwirtschaft und Creative Industries 2007, Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 31/2007, Kulturwirtschaftbericht Berlin 2005.]


[Andrea Rehmsmeier; Bild: Fotolia.com]

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