KrisenmanagementTop-Management verschließt die Augen vor der Rezession

Das Top-Management vieler Unternehmen ist aufgrund der Wirtschaftskrise verunsichert und reagiert nur langsam mit Maßnahmen darauf. So konzetrieren sich 65 Prozent der finanziell angeschlagenen Unternehmen zu wenig auf den Erhalt ihrer Liquidität. Diese Unentschlossenheit führt dazu, dass 40 Prozent der Manager unterhalb der CEO-Ebene ihren Chefs kein überzeugendes Krisenmanagement zutrauen.

Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie der internationalen Strategieberatung Booz & Company. Die alarmierende Erkenntnis: Weltweit herrscht in vielen Unternehmen ein dramatischer Mangel an Führungsstärke und geeigneten Strategien, um den besonderen Anforderungen einer Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes adäquat zu begegnen.

Verunsicherung auch in deutschen Vorstandsetagen

Auch die Top-Manager deutscher Unternehmen scheren nicht aus diesem Trend aus. Immerhin sind hier schon drei von vier finanzstarken Unternehmen strategisch für die Krise gerüstet. Dagegen herrschen in den Führungsgremien angeschlagener Unternehmen erhebliche Verunsicherung und ein Hang zum Altbewährten: 62 Prozent sind nicht von ihrem Krisen- und Cashmanagement überzeugt. Stefan Eikelmann, der Sprecher der Geschäftsführung von Booz & Company im deutschsprachigen Raum, meint dazu:

"Oft fehlt es an Mut bzw. an Durchsetzungskraft, notwendige Maßnahmen wie Kostensenkungen und Restrukturierungen konsequent anzugehen. Das Ausmaß der Krise ist so immens, dass sich viele Unternehmenslenker am sichersten fühlen, wenn sie in gewohnter Weise weiter agieren. Doch was bisher funktioniert hat, ist künftig keine Erfolgsgarantie mehr. Die langfristige Absicherung des Unternehmens steht jetzt ganz oben auf der CEO-Agenda. Exzellente Manager verlieren unabhängig von der Unternehmenssituation ihre Chancen nicht aus dem Blick. Strategische Investments, beispielsweise in den Bereichen Forschung und Produktentwicklung, können sich nach der Krise doppelt auszahlen."

Wachstumspotenziale bleiben ungenutzt

Ein weiteres Studienergebnis: Ein Viertel der solide aufgestellten Unternehmen schöpft seine Wachstumspotenziale nicht aus und geht Investitionen, Expansionen und Unternehmensübernahmen nur inkonsequent an. Damit vergibt diese Gruppe die Chance auf wirtschaftliche Erfolge in oder zumindest nach der Krise.

75 Prozent der befragten Manager beurteilen die finanzielle Situation ihrer Unternehmen noch immer positiv. Nur 20 Prozent befürchten eine Verschlechterung ihrer Situation. Mehr als jeder zweite Top-Manager (54 Prozent) geht sogar davon aus, sich im Zuge der Krise einen Wettbewerbsvorteil verschaffen zu können. Gerade einmal 13 Prozent schätzen die Finanzstärke ihres Unternehmens als schwierig ein. Stefan Eikelmann warnt:

"Wenn in Führungsetagen weiterhin abgewartet wird, anstatt ein strategisch ausgefeiltes Krisenmanagement zu entwickeln, bleiben diese Vorstellungen wohl Wunschdenken."

Globale Rezession erfordert drastische Maßnahmen

Dabei ist unklar, wie lang und hart der Abschwung die Weltwirtschaft treffen wird: Führende Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen zumindest für das laufende Jahr mit einem erheblichen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und einem Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion.

Wenn die Exporte tatsächlich wie prognostiziert um 9 Prozent zurückgehen, stehen einige Industriezweige vor erheblichen Problemen, die durch staatliche Stützungsaktionen und tarifliche Zugeständnisse der Gewerkschaften bestenfalls abgefedert werden können.

Immerhin bezweifelt ein Drittel der Befragten, dass Regierung, Wirtschaft und Gewerkschaften in diesem Punkt effizient genug zusammenarbeiten. 40 Prozent der Befragten gehen darüber hinaus von einer drastischen Reduktion der Aktivitäten in den Bereichen Umweltpolitik sowie Corporate Social Responsibility aus. Das betrifft vor allem die in diesem Sektor einflussreichsten Branchen Energie und Transportwesen.

Weitere Studienergebnisse:

  • Die Skepsis gegenüber der Krisenresistenz des eigenen Unternehmens nimmt unterhalb der ersten und zweiten Führungsebene deutlich zu. So sprechen 51 Prozent dieser Führungskräfte dem Topmanagement die Fähigkeit ab, eine geeignete Strategie für die Wirtschaftskrise entwickeln und umsetzen zu können.
  • Einzig die Finanz- und Bankenbranche glaubt an eine sinnvolle Zusammenarbeit von Unternehmen, Regierung und Gewerkschaften, um die Industrie zu stabilisieren.
  • Dagegen sind 56 Prozent der Befragten Telekommunikationsmanager (Telekommunikations- und Medienindustrie: 42 Prozent, Transport- und Logistikindustrie: 41 Prozent) sehr skeptisch, was die Erfolgsaussichten einer Kooperation der unterschiedlichen Stakeholder angeht.

Über die Studie

Die Umfrage von Booz & Company zur Finanzkrise wurde im Dezember 2008 durchgeführt. 828 Top-Manager (CEOs, Vorstände sowie maximal zwei Ebene darunter) aus allen bedeutenden Branchen - von Financial Services über Gesundheitswesen und Energie bis hin zu Konsumgütern - beteiligten sich. Westeuropa ist mit 38 Prozent am stärksten im Befragungssample vertreten, gefolgt von Nordamerika mit 30 Prozent und den Neuen Märkten mit 28 Prozent.

[po; Quelle: Booz & Company; Bild: Fotolia.com]

Dazu im Management-Handbuch

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