KurzpraktikaAzubis schnuppern in fremde Lebens- und Arbeitswelten
Wolfram Keppler, Mitarbeiter der Agentur für Soziales Lernen Mehrwert in Stuttgart, sagt:
„Über die mangelnden Rechen- und Rechtschreibkenntnisse vieler Schulabgänger wird oft geklagt. Selten werden aber ihre sozialen Defizite thematisiert.“
Dabei sind diese oft beachtlich. Aufgewachsen als Einzelkinder, häufig von nur einem Elternteil erzogen, haben viele nicht gelernt, sich in größere soziale Gemeinschaften einzufügen. Auch weil ihre sozialen Kontakte oft nur aus Gleichaltrigen bestehen, sieht man von Eltern und Lehrern ab.
Doch dann ist die Schulzeit beendet. Und plötzlich sollen die Einzelkinder sich in ein Unternehmen eingliedern und mit teils 30 oder gar 40 Jahre älteren Kollegen im Team agieren. Nicht nur dies „stresst“ viele Schulabgänger. Auch sich in die Lebenswelt und in die Bedürfnisse fremder Menschen hineinzuversetzen, ist für manche ungewohnt, betont Oliver Niemeyer, Ausbildungsleiter bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall:
„Genau diese Fähigkeit ist aber im Kundenkontakt gefragt. Auch deshalb spielt das Thema soziale Kompetenz in der beruflichen Ausbildung eine immer größere Rolle.“
Die Persönlichkeit soll reifen
Beim Fördern dieser Kompetenz setzen die Unternehmen nicht nur auf die klassischen Teamtrainings. Sie integrieren in die Ausbildung auch zunehmend Bausteine, bei denen die jungen Mitarbeiter in für sie fremde Lebenswelten eintauchen, berichtet Keppler – auch solche ohne direkten Bezug zu ihrer Arbeit. So bietet zum Beispiel der Verbindungs- und Befestigungsspezialist Würth, Künzelsau-Gaisbach, seinen Azubis die Möglichkeit, eine Woche in einem Behindertenheim zu arbeiten. Die Azubis beim nur wenige Kilometer entfernt ansässigen Bausparriesen Schwäbisch Hall können eine Woche in einem Altenpflegeheim arbeiten. Und die Azubis beim Chemiegiganten BASF in Ludwigshafen können ein Kurzpraktikum in einer sozialen Einrichtung absolvieren – zum Beispiel in einer Behindertenwerkstatt, Drogenberatungsstelle oder Altenpflegeeinrichtung.
Gemeinsam ist den Kurzpraktika: Sie sollen einen Beitrag zur persönlichen Entwicklung der Azubis leisten. Indem die jungen Männer und Frauen für ein, zwei Wochen aus ihrem Alltag heraustreten, soll ihnen ein neuer Blick auf ihre Lebenssituation eröffnet werden. Keppler betont:
„In den Praktika erfahren sie, dass vieles, was ihnen selbstverständlich erscheint, gar nicht selbstverständlich ist. Zum Beispiel ein Dach über dem Kopf zu haben, gesund zu sein, einen Job zu haben.“
Solche Erfahrungen veranlassen die Auszubildenden, gewohnte Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen – sofern die „Ausflüge“ in eine andere Lebenswelt adäquat vor- und nachbereitet werden. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass die Praktika nur Stippvisiten in eine exotische Welt sind. Thomas Wagner, Ausbildungsleiter bei Würth, meint:
„Dann wäre der Lerneffekt gleich null. Eine solche Herangehensweise würde auch den Menschen, die in den sozialen Einrichtungen leben und arbeiten, nicht gerecht.“
Betreuung ist wichtig
Deshalb bereiten die Unternehmen ihre Azubis auf die Praktika vor. Die Schwäbisch Hall-Auszubildenden treffen sich zum Beispiel vorab mit der Leiterin des Seniorenpflegeheims. Sie stellt ihnen das Heim vor und erklärt ihnen die Arbeitsabläufe. Außerdem spricht sie mit den Praktikanten über ihre Erwartungen und definiert mit ihnen Lernziele. Mit dem Pflegedienstleiter erarbeiten die Azubis zudem Verhaltensmuster für „typische Konfliktsituationen“. Ähnlich verläuft die Vorbereitung in den anderen Unternehmen.
Auch eine Betreuung während der Praktika ist unverzichtbar. Denn ab und zu ergeben sich Situationen, in denen die Azubis trotz Vorbereitung nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Wolfram Keppler nennt Beispiele: Eine behinderte Person sucht intensiv körperliche Nähe oder wird scheinbar grundlos aggressiv. Oder: Eine verwirrte Seniorin fragt immer wieder „Wann kommt mein Mann?“, obwohl dieser schon vor Jahren starb.
Erlebnisse und Erfahrungen auswerten
Nach den Praktika findet eine Nachbereitung statt. Dort reflektieren die Auszubildenden zum Beispiel: Was haben wir gelernt und was nehmen wir davon in unseren Arbeitsalltag mit? Darauf legen die Unternehmen großen Wert. Denn die Praktika sollen keine verlängerten Betriebsausflüge sein.
In den Praktika sammeln die jungen Männer und Frauen immer wieder überraschende Erfahrungen. So waren zum Beispiel die Schwäbisch Hall-Azubis im vergangenen Jahr „völlig baff“, wie kaputt sie nach den Schichten im Altenheim waren – „vom vielen Stehen, Laufen und Heben“. Es erstaunte sie auch, wie routiniert die Pflegekräfte in Stresssituationen reagieren – „zum Beispiel, wenn drei, vier Leute gleichzeitig rufen“. Erstaunt waren sie laut Ausbildungsleiter Niemeyer auch darüber, „wie wenig Altenpfleger verdienen, obwohl an sie sehr hohe Anforderungen gestellt werden“. Einig waren sich denn auch die Teilnehmer zum Schluss: „Die Arbeit im Altenheim war zwar interessant; auf Dauer arbeite ich aber lieber in der Bausparkasse.“
Auch dies ist laut Keppler ein wichtiges Resultat solcher Praktika: Die jungen Mitarbeiter lernen die Vorzüge ihrer Arbeit zu sehen und zu schätzen – weil sie danach eine Vergleichsmöglichkeit haben. Diese fehlt vielen Berufseinsteigern.