LiquiditätssicherungDie Hälfte der Unternehmen spart im Einkauf

In Krisenzeiten zählt vor allem eines: das schnelle Sichern von Liquidität und Ertrag. Viele Unternehmen versuchen dies mit Verbesserungen im Einkauf. Das bereitet den Einkäufern jedoch Probleme, denn sie sind in einer Sandwichposition: Auf der einen Seite lastet enormer Druck zum Kostensparen auf ihnen und zugleich sollen sie alles tun, damit kein Versorgungsengpass auftritt, weil Lieferanten von Insolvenz bedroht sind.

In einer Studie der Einkaufsberatung Inverto sah mehr als die Hälfte der 300 befragten - überwiegend mittelständischen Unternehmen - der Unternehmen die Reduzierung ihrer Beschaffungskosten als den Rettungsanker an, der das größte Einsparpotenzial birgt (57 Prozent); denn Verbesserungen im Einkauf wirken unmittelbar als Cashbringer. Daher haben 56 Prozent der Befragten zusätzliche Kostensenkungsprogramme im Einkauf gestartet. Die Verschiebung von Investitionen sehen 58 Prozent als besonders geeignet an, um die Liquidität zu sichern. Das eingesparte Geld verwenden die befragten Unternehmen hauptsächlich zur kurzfristigen Verbesserung ihrer Liquiditäts- und Ertragslage (76 Prozent).

Um so erstaunlicher ist es, dass fast 40 Prozent der Unternehmen keine konkreten Sparziele vorgeben, ein Drittel setzt sich lediglich bescheidene Ziele von bis zu fünf Prozent des jährlichen Einkaufsvolumens. Die gewählten Mittel im Einkauf sind in der Krise eher konventionell und kurzfristig: Intensive Gespräche mit Lieferanten sind für knapp drei Viertel der Befragten der wichtigste Hebel, 69 Prozent verhandeln bestehende Konditionen nach. Für die Zeit nach der Krise planen nur wenige Unternehmen und ergreifen strategische Maßnahmen mit langfristiger Wirkung: Lediglich 26 Prozent der befragten Unternehmen setzen eingesparte Mittel für die Produktentwicklung ein, 23 Prozent investieren in Marketing und Vertrieb.

Einkäufer können jetzt mit viel Aufmerksamkeit rechnen, denn in der Krise gewinnt der Einkauf einen höheren Stellenwert, darin sind sich mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen einig. 80 Prozent betrachten den Einkauf als Speerspitze für die Sicherung von Rentabilität und sehen ihn bei den Potenzialen zur Kostensenkung noch vor der Reduzierung von Personalkosten bei Leiharbeitskräften und Festangestellten. Die Freude über die größere Bedeutung ist bei vielen Einkäufern allerdings getrübt, denn sie sind in einer Sandwichposition: Es lastet ein enormer Druck zum Kostensparen auf ihnen. Zugleich sollen sie alles tun, damit kein Versorgungsengpass auftritt, weil Lieferanten von Insolvenz bedroht sind.

Keine Zeit für nachhaltige Lösungen?

Traditionelle Einkaufshebel dominieren und Nachverhandeln sind "in". In der Krise werden vermeintlich einfache und schlagkräftige Einkaufsinstrumente bevorzugt: Knapp 70 Prozent der Befragten verhandeln vereinbarte Konditionen nach. Aufgrund gesunkener Rohstoffpreise verhandeln 67 Prozent diese nach. Den klassischen Weg, den Druck zum Sparen direkt an die Lieferanten weiter zu geben und intensiv über Preisnachlässe zu verhandeln, gehen insgesamt 74 Prozent.

Eigene Prozesse stellen hingegen deutlich weniger der Befragten auf den Prüfstand: 50 Prozent nennen systematische Bedarfsbündelung als Hebel, 49 Prozent die Optimierung der Bedarfe und Spezifikationen, um günstiger einzukaufen. Der Ausbau von Lieferantenpartnerschaften spielt immerhin bei 49 Prozent eine Rolle. Langfristiger wirkende Hebel wie Global Sourcing (33 Prozent) und der Aufbau eines Rohstoffkostenmanagements (25 Prozent) sind aktuell weniger gefragt.

Um das eigene Net Working Capital zu reduzieren, verhandeln 58 Prozent der Befragten mit ihren Zulieferern über verlängerte Zahlungsziele. Finanzinstrumente zur Preisstabilisierung wie Hedging oder Rahmenverträge setzen 64 Prozent der Unternehmen ein, allerdings sagen 36 Prozent, dass sie diese Hebel unabhängig von der Krise nutzen.

Insolvente Lieferanten werden zum Versorgungsrisiko

Zwar sagen 53 Prozent der Befragten, dass sie ihre Versorgungslage aktuell nicht durch die Insolvenz von Zulieferern bedroht sähen, bei immerhin 26 Prozent war dies jedoch der Fall und 22 Prozent machten bei dieser Frage keine Angaben. Die Studie von Inverto ergab, dass alle betroffenen Unternehmen in erster Linie Alternativlieferanten aufbauen, um die eigene Lieferfähigkeit zu sichern (100 Prozent).

Bumerang-Effekte durch einseitige Auswahl von Einkaufshebeln

"Die sehr begrenzte Auswahl von Einkaufshebeln sehen wir kritisch, wenngleich dieses Vorgehen in der Krise verständlich ist",

bewertet Inverto-Vorstand Markus Bergauer die Studienergebnisse insgesamt. Auch in einer wirtschaftlich angespannten Lage gelte es, die gesamte Bandbreite der Einkaufsmaßnahmen zu prüfen und Lieferanten zu stabilisieren. Notwendig sei dafür aber die vollständige Transparenz über Beschaffungsmärkte, denn nur so seien überhaupt realistische und fordernde Einsparziele zu formulieren. Häufig sei sogar deutlich mehr Potenzial zur Kostensenkung möglich als sich Unternehmen dies zunächst vorstellten.

Mangelnde Transparenz über Beschaffungsmärkte sieht Inverto-Vorstand Frank Wierlemann auch als Grund für das Dilemma der Einkäufer, dass sie aktuell zwischen großem Kostendruck und dem Vermeiden von Versorgungsengpässen durch insolvente Lieferanten handeln müssen.

"Ein Unternehmen sollte die Beschaffungsmärkte und Produktionsprozesse für seine relevanten Warengruppen genau kennen."

Sonst führe dies dazu, dass Schlüssellieferanten durch Preisdruck von Insolvenz bedroht würden, anstatt beispielsweise über Benchmarking von Konditionen, Materialkosten oder Durchlaufzeiten die Optimierungspotenziale beim Lieferanten aufzuzeigen und den Zulieferer zu unterstützen:

"Pauschale Rabatt-Forderungen reichen nicht, um Einkaufskosten nachhaltig zu senken."

[po; Quelle: Inverto AG; Bild: Fotolia.com]

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