MikropolitikNutzen und Schaden von Machtspielen

Druck ausüben, sich anbiedern, Beziehungen knüpfen – das Arsenal mikropolitischer Verhaltensweisen ist groß. Doch nicht immer dienen sie der eigenen Karriere oder schaden dem Unternehmen.

Im Ringen um Macht müssen sich Vorstände und Top-Manager gegen Widersacher behaupten. Einmal ist es die eigene Position, die gefestigt oder ausgebaut werden soll, ein anderes Mal geht es darum, aufstrebende Jung-Manager auszuzeichnen, in den Führungskader zu integrieren oder einfach ruhig zu stellen. Mikropolitik spielt im Unternehmen immer eine große Rolle.

Dass sogenanntes mikropolitisches Verhalten unter Umständen den Aufstieg auf der eigenen Karriereleiter fördert, haben Wissenschaftler herausgefunden. Michael Schiffinger und Johannes Steyrer von der Wirtschaftsuniversität in Wien konnten schon vor einigen Jahren in einer Studie mit über 100 Führungskräften aus Österreich belegen, mit welchen Mitteln jemand in Unternehmen vorankommt:

  • Offenen Druck ausüben, also Macht ausspielen, oder psychologischen Druck gegenüber Kollegen oder Mitarbeitern praktizieren.
  • Beziehungen im Unternehmen auf die Personen ausrichten, die einem nützlich sind oder von denen man selbst unterstützt wird.
  • Sich anbiedern, indem unterwürfig Gefälligkeiten erwiesen und Komplimente an karrierefördernde Personen verteilt werden, sowie das Streben nach Anerkennung durch einflussreiche Personen.
  • Einschüchtern, also den Eindruck von Macht und Gefährlichkeit erwecken.
  • Koalitionen bilden und an tragfähigen, von Loyalität gekennzeichneten Beziehungen arbeiten.
  • Informationsweitergabe steuern und dabei selektiv und gezielt vorgehen, so dass eigenen Ziele unterstützt werden.

Interessen und Konflikte spielen eine große Rolle

Normalerweise stellt man sich Unternehmen als rational konzipierte und gesteuerte Organisationen vor. Im Vordergrund stehen Strukturen, Regeln und Prozesse, denen sich alle Mitarbeiter fügen. Der (mikro-)politische Ansatz aus der Organisationsforschung stellt dem eine handlungsorientierte Perspektive gegenüber, bei der Macht(kämpfe), Interessen, Konflikte, Aushandlungen und Intransparenz eine zentrale Rolle spielen und die Organisation des Unternehmens in gleicher oder sogar noch stärkerer Weise als alle formalen Regelungen prägen.

Stichwort

Mit Mikropolitik ist in der Organisationsforschung das Arsenal an Techniken gemeint, mit denen Macht im Unternehmen aufgebaut und eingesetzt wird, um eigene Interessen durchzusetzen und zu verteidigen. Dabei hat Mikropolitik sowohl eine konstruktive und produktive als auch eine destruktive und störende Seite.

Diese Beschreibung von Mikropolitik stammt von Oswald Neuberger. Der Psychologe und Experte für mikropolitische Verhaltensweisen in Organisationen unterscheidet in Sachen Mikropolitik:

  • Mikropolitische Haltungen wie Opportunismus und Machiavellismus
  • Mikropolitische Strategien wie Diplomatie oder „Shotgun“
  • Mikropolitische Taktiken wie rationales Argumentieren, Druck ausüben, Koalitionen bilden, Informationen manipulieren oder schmeicheln

Mikropolitik sollte ein Thema der Personalentwicklung sein

Mikropolitik spielt seiner Ansicht nach in Unternehmen eine zentrale Rolle, wobei jedoch nur selten darüber gesprochen werde. Dennoch sei es wichtig, solche Handlungen und Vorgänge zu benennen, denn der Mikropolitik ließen sich auch positive Seiten abgewinnen. Ein offener und offensiver Umgang der Unternehmen mit ihr sei notwendig. Mikropolitik sollte vor allem in der Personalentwicklung ein Thema sein, um ihre negativen Auswirkungen eindzuämmen und die positiven zu nutzen. Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes, sieht in seinem Buch „Darwiportunismus“ mikropolitische Haltungen als generellen Trend. Er schreibt:

„Die andere Grundposition wird durch den Opportunismus der Mitarbeiter bestimmt. Die junge Berufsgeneration, die seit kurzem in die Hightech-Arbeitswelt eingestiegen ist, handelt so, dass nach Möglichkeit ihr eigener Vorteil im Mittelpunkt steht, im Extremfall selbst dann, wenn es dem Unternehmen schadet. Loyale Bindung an das Unternehmen erscheint für sie zunächst unattraktiv, viel wichtiger dagegen sind Beschäftigungsfähigkeit und Marktwert. Dabei ist sie selbstmotiviert und ehrgeizig, aber ihre Ziele sind nicht unbedingt die ihres Unternehmens.“

Trotz dieses Innenlebens scheinen Organisationen dennoch zu funktionieren. Wolfgang Elšik, Leiter des Instituts für Personalmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien, hat einige positive und negative Wirkungen von Mikropolitik herausgearbeitet. Wer sich mikropolitisch verhält, kann mit folgenden positiven Wirkungen für sich selbst rechnen:

  • Mehr Macht und Einfluss im Unternehmen
  • Zusätzliche Ressourcen für die eigene Arbeit
  • Belohnung durch Aufstieg, Karriere oder höheres Gehalt

Positive und negative Wirkungen von Mikropolitik

 

Allerdings kann der Schuss auch nach hinten losgehen, denn wer mit mikropolitischem Verhalten bei Kollegen und Vorgesetzten scheitert, verliert an Glaubwürdigkeit und Macht und in letzter Konsequenz womöglich auch seinen Arbeitsplatz. Auch für das Unternehmen lassen sich positive und negative Effekte der Mikropolitik feststellen. Die positiven Effekte sind ein Grund dafür, dass Mikropolitik auch zur Stabilität von Organisationen beitragen kann – gerade weil diese so alltäglich ist:

Positive EffekteNegative Effekte
Sozialdarwinismus: die „Starken“ setzen sich im Unternehmen durch; im Prozess der Entscheidungsfindung werden viele Aspekte diskutiert; mehr Meinungsvielfalt.Es werden die falschen Ziele gefördert, die richtigen nicht erreicht, wenn mikropolitische Akteure opponieren;
Informationen werden nicht weitergegeben.
Change Management wird gefördert und Trägheit überwunden, da mikropolitische Akteure die Dinge vorantreiben.„Opfer“ der mikropolitischen Akteure sind frustriert, misstrauisch und demotiviert.
Mikropolitische Akteure helfen bei der Umsetzung von Neuerungen, wenn sie darin einen Nutzen für sich erkennen.Ressourcen werden falsch eingesetzt – zum Nutzen Einzelner, aber nicht des Unternehmens.

Mikropolitik ist also nicht per se schlecht. Sie schafft und verhindert Regeln in der Organisation und macht deutlich, welches Verhalten akzeptiert wird und welches nicht. Kein Unternehmen kann auf Dauer nur durch die offiziell beschriebenen Regeln und Strukturen geführt werden. Alle sind auf das persönliche Engagement der Mitarbeiter angewiesen – jenseits von Dienst nach Vorschrift.

Mikropolitik und Mobbing

Besonders negative Auswirkungen hat Mikropolitik, wenn sie in gezieltes Mobbing umschlägt. Wenn Mitarbeiter und Führungskräfte um Macht, Einfluss, Kompetenzen und Ressourcen rangeln oder ihre Profilneurosen ausleben, kann der „Schwächere“ schnell zum Opfer werden.

Wie und unter welchen Umständen das passieren kann, darüber streiten sich die Experten. Denn es gibt kaum gesicherte Erkenntnisse, und Betriebe und Führungskräfte mauern, wenn Externe hier Feldforschung betreiben wollen. So lässt sich auch im Einzelfall nicht immer ausmachen, wer tatsächlich Täter und wer Opfer ist. Unter Umständen ist auch ein solches Wechselspiel Teil der Mikropolitik. In der Forschung werden zwei Formen von Mobbing unterschieden:

  • Streitbezogenes Mobbing: charakterisiert durch einen stark eskalierten persönlichen Konflikt
  • Raubgieriges Mobbing: Das Opfer hat keine provokativen Handlungen unternommen, die das Verhalten des Täters rechtfertigen; dieser will aber seine Macht demonstrieren.

Mikropolitik produktiv machen

Mikropolitik findet im Wechselspiel zwischen Sachorientierung und Eigennutz statt, hat das Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (iafob) in Zürich in einer Studie herausgefunden. Danach wird Mikropolitik dann akzeptiert, wenn sie sachorientiert eingesetzt wird. Dazu gehören: offene und ehrliche Kommunikation, kongruentes Taktikverhalten, der Erhalt von Wertschätzung sowie der Nutzen für die Organisation. Auch wenn die Befragten das Verhalten von Kollegen meist als unfair im Vergleich zum eigenen einschätzen, findet sich in dieser Studie doch ein Ansatz für eine konstruktive Mikropolitik, die folgende Charakteristika aufweisen sollte:

  • Frühzeitige Antizipation von Konflikten und Widerständen
  • Berücksichtigung der Interessen von „abwesenden“ Personen
  • Möglichkeiten zur offenen Kontroverse
  • Aktiver Einsatz von Machtpromotoren
  • Sorgfältige Auswahl der Projekttreiber
  • Aktive Beziehungspflege innerhalb und außerhalb des Projektes
  • Umsetzung von Interessen ausgleichenden Lösungen
  • Mediationsangebote
  • Vereinbarung von Regeln akzeptierter und nicht akzeptierter Mikropolitik
  • Projektreviews zur Mikropolitik

Mikropolitik lässt sich nicht verhindern. Sie kann aber konstruktiv sein, indem ihre negativen Wirkungen eingedämmt und positive Wirkungen genutzt werden.

Beispiele für mikropolitische Taktiken

  • Ich kündige Konsequenzen an, falls meine Vorgaben nicht erfüllt werden.
  • Gegebenenfalls wende ich mich direkt an höhere Instanzen.
  • Ich verspreche Gegenleistungen, falls meine Anliegen erfüllt werden.
  • Meine eigentlichen Absichten lasse ich öfter im Unklaren.
  • Um einen guten Eindruck zu hinterlassen, arbeite ich öfter länger oder zu ungewohnten Zeiten.
  • Ich drücke beruflich relevanten Personen öfter meine Wertschätzung aus.
  • Ich bemühe mich, als Erfolgstyp zu erscheinen.
  • Ich wähle nach Möglichkeiten Aufgaben, die mich in Kontakt mit mächtigen Personen bringen.

Quelle: Michael Schiffinger und Johannes Steyrer. Der K(r)ampf nach oben – Mikropolitik und Karriereerfolg in Unternehmen. In: zfo 3/2004

Dazu im Management-Handbuch

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