Mobiles Internet und Web 3.0

Smartphones, Tablets, Apps – das mobile Internet revolutioniert auch die Machtverhältnisse zwischen Unternehmen und Kunden. Ein Kommentar.

Eigentlich sind wir immer auf Achse. Suchende, Findende, Nomaden in Zeit und Raum. Da kommen uns die internetfähigen mobilen Endgeräte gerade recht. Endlich sind wir autonom vom Rechner im Büro und daheim. Nun kann uns die ganze Welt Heimat und Arbeitsplatz sein. „Mobile Marketing“ darf mit Fug und Recht als die Herausforderung der nächsten Jahre gelten. Und der mobile Surfer wird zur größten Zielgruppe aller Zeiten. 

Für Menschen im Unruhezustand ein Traum: Auf Knopfdruck und mit etwas Fingerspitzengefühl sind wir nun von unterwegs aus jederzeit mit unserem lokalen Umfeld und dem Internet der Menschen und Dinge in Echtzeit vernetzt. Informationslücken können mir nichts dir nichts geschlossen werden, was Sicherheit schafft. Männer können ihre Auge-Hand-Koordination trainieren und Frauen die Umgebung nach Brauchbarem scannen. All dies sind Aspekte, die, evolutionsgeschichtlich gesehen, sehr wichtig für uns sind.

Laut Wikipedia versteht man unter dem Web 3.0 das semantische Web. Für mich jedoch ist es das mobile Internet. Über Smartphones, Tablets und Apps entsteht gerade eine völlig neue Qualität von Kommunikation und Miteinander – verbunden mit totaler Transparenz. Dies wird ermöglicht durch Technologien, die mehr oder weniger vollautomatisch eine digitale Informationsschicht über die reale Welt legen – und uns so mit dem kompletten Online-Wissen verbinden.

Natürlich ist das Verknüpfen von Online und Offline schon seit geraumer Zeit möglich, doch durch das Gebundensein an stationäre Computer war dies bis vor kurzem vergleichsweise zäh – und ziemlich beschwerlich. So haben wir im Web 2.0 nur geübt. Unternehmen haben die berühmte Weisheit der Vielen oft genug nur für den schönen Schein in Anspruch genommen, die Mitmach-Bereitschaft der Kunden ausgenutzt, die Wahrheit weiter vernebelt und ihre Kunden immer noch gern über den Tisch gezogen. Doch jetzt wird es ernst.

Das Web 1.0

Das Web 1.0 beschreibt die Anfänge der kommerziellen Nutzung des World Wide Web, wobei die Kommunikation seinerzeit einseitig war und im Wesentlichen über Webseiten lief. Dort redeten die Unternehmen, die Kunden hörten brav zu und kauften dann. Heute ist es genau umgekehrt. Die Kunden kaufen, reden dann darüber und bringen so Dritte zum Handeln. Heute sind es die Unternehmen, die zuhören sollten, denn die Kommunikationshoheit ist inzwischen zu den Kunden gewandert. Diese sind die neuen Vermarkter. Soziale Netzwerke sind die Schlagzahlgeber und Suchmaschinen das neue Weltgewissen. 

Das Web 1.0 hingegen war ein Web der Technokraten, es gehörte den Unternehmen. Es stand für Produkte und Handel, für territoriale Gelüste und Machtexzesse, für Monologe und Top-down-Hierarchien. Das Vorgehen war monochron: analytisch, logisch, unterkühlt strukturiert, in allem einer selbstzentriert fixierten Linie folgend. Von Wertschöpfungsketten und dem Abgreifen von Zahlungsbereitschaften sprach man gern. Die Pest der Shareholder-Value-Denke war allgegenwärtig, und das Fußvolk der Mitarbeiter wurde als Humankapital postuliert.

Das Web 2.0

Das Web 2.0. etikettiert eine neue Generation des Internet und grenzt es von früheren Nutzungsarten eindeutig ab. Sein Wesen ist polychron: geprägt durch Meinungsaustausch, einen hohen Kommunikationsgrad und einen ungehinderten Informationsfluss. Bei hoher Aktivitätsdichte findet eine lockere Vernetzung in alle möglichen Richtungen statt. Mit seinen Social-Media-Plattformen markiert es das Ableben des Von-oben-nach-unten-Monologs und den unumkehrbaren Beginn eines gleichrangigen Kreuz-und-quer-Dialogs zwischen Usern sowie mit Unternehmen und ihren Anspruchsgruppen. 

Das Web 2.0 gehört den Menschen. Es steht für Gespräche und gemeinsames Handeln, für Teilen und Gleichrangigkeit, für transparente Beziehungen und authentische Interaktion. Bezeichnenderweise wurde der technokratisch anmutende Begriff Web 2.0 auch recht flott in den Hintergrund gedrängt. Heute sprechen wir von Social Media. Ihre Foren, Marktplätze und Portale haben nicht nur eine neuartige Infrastruktur bereitgestellt, sondern auch die Basis für einen Wertewandel geschaffen, der den Beginn einer neuen Gesellschaftsphilosophie markiert.

Das Web 3.0

Während das Web 1.0 fürs Jagen stand, steht das Web 2.0 für die Hege und Pflege von Beziehungen. Nun ist die durchgängige Verschmelzung von Online und Offline dran. „Mixed Reality“ nennt man das auch. In dieser neuen Realität des Web 3.0 fahren Unternehmen über ethisch korrektes Handeln, beobachtendes Zuhören, motivierendes Einbinden und intelligentes Verknüpfen schließlich die Netzwerk-Ernte ein. Schnelligkeit, Menschlichkeit und Offenheit sind die wesentlichen Treiber dafür. 

Früher mussten wir, um unsere Erfahrungen in die Welt hinauszuschicken, erst nach Hause gehen und warten, bis der Rechner hochfuhr. Heute wird das, was wir erleben, via Touchscreen postwendend mit der ganzen Welt geteilt – wenn wir es denn wollen. Unternehmen müssen anklopfen, bevor sie mit ihren Botschaften hereingelassen werden. Während unser Blick über die Auslagen eines Schaufensters wandert, checkt unser digitaler Helfer die Reputation des Händlers, die ökologische Haltung des Anbieters, den „Fan-Faktor“ der Marke und die Preise im Vergleich.

Strichcodes leiten den Interessierten zu unabhängigen Portalen, wo Hintergrundinfos zur Verfügung stehen. Oder man schießt ein Foto und sendet es an eine visuelle Suchmaschine. Die erkennt das Objekt und verweist auf Onlineshops, in denen man das Produkt günstiger bekommt. Mithilfe von Geodaten sowie neuen Technologien wie Augmented Reality (AR) und Location Based Services (LBS) sind die Anbieter ihren Kunden näher als je zuvor. So werden mobil verfügbare Infos aus dem Web immer mehr zur Grundlage von Kauf-, Nutzungs- und Lebensentscheidungen.

Die mobile Revolution

Eines Tages werden wir die digitale Welt, auf welche Art auch immer, wohl inkorporieren, wobei sich das in unseren Hirnarealen gespeicherte Wissen mit virtuellen Informationen verbinden kann. Obwohl das noch Zukunftsmusik ist, kann man schon heute über die Funktion der Gesichtserkennung – vom Gegenüber unbemerkt – mit Hintergrundinformationen über bestimmte Personen versorgt werden und auf diese Weise Freund von Feind unterscheiden. Versicherungen nutzen das Smartphone als Blackbox im Auto, um unser Fahrverhalten zu speichern und auf dieser Basis individuelle Tarife zu berechnen. 

Um Kreditkartenmissbrauch vorzubeugen, können der Standort des Handys und der Einsatzort der Kreditkarte abgeglichen werden. Bei Diskrepanzen erfolgt sofort eine Meldung. Im Zuge von Nachhaltigkeitsprojekten registrieren Bürger per Handy unhaltbare Zustände in ihrer Gegend und senden das an die zuständigen Stellen. Für solch gute Taten gibt es Punkte, Stempel und virtuelle Medaillen. Und das sind jetzt nur einige wenige Anwendungsmöglichkeiten von vielen.

Egal, ob es dabei um Markeninszenierung, Loyalisierung oder um reinen Abverkauf geht: Produkte, Webseiten, und letztlich das komplette Marketing smartphonefähig zu machen, ist in Zukunft ein Muss. Und mehr noch: Schon bald wird es ausschlaggebend für den Geschäftserfolg sein, mit seinen Angeboten bei mobilen Suchanfragen unter den ersten drei Treffern zu landen. 

Alles wird „sozial“

Immer mehr Fachleute schlagen vor, sich von den Punkt-Null-Begriffen, die in Anlehnung an die Versionsnummern von Softwareprodukten entstanden, zu lösen. Die gemeinsame Klammer zwischen 2.0 und 3.0 heißt Social Web. Es hat schon längst damit begonnen, eine universelle Ethik zu begründen. „Social“ umfasst dabei ein ganzes Wertebündel rund um die Begriffe gesellschaftlich, gesellig und sozial. Erst mit dem Entstehen des Social Web konnten Netzwerke von einer Größe entstehen, die die ganze Welt zusammenführen. 

Im Social Web bleibt (fast) nichts mehr verborgen, und Öffentlichkeit erzeugt immer sozialen Druck, der zu fairem Verhalten führt, wie Untersuchungen aus der Spieltheorie zeigen. Nur hinter verschlossenen Türen kann man heute, wenn überhaupt, auf Deutsch gesagt noch die Sau rauslassen. Doch verschlossene Türen gibt es in einer Netzwerkgesellschaft nicht mehr. Mauscheln in Hinterzimmern lässt man besser sein, denn irgendjemand schaut immer durchs Schlüsselloch – und erzählt der Welt im Web, was er dort sieht.

So stehen wir über geographische und kulturelle Grenzen hinweg nicht nur vor einem Offline-Online-Verschmelzungsprozess, sondern (hoffentlich) auch vor einem solchen, der gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit tatsächlich wahr werden lässt. In der Luft liegt ein „One-World-Feeling“. Das schon so lange vorhergesagte globale Dorf ist endlich gebaut. Jetzt müssen wir es nur noch gemütlich für alle machen.

Dazu im Management-Handbuch

Ähnliche Artikel

Gesundheitstipps