MotivationMenschen sind keine Automaten

Menschliches Verhalten lässt sich nicht durch Pläne und Anreize steuern. Ein Plädoyer für weniger Fremdlenkung von Mitarbeitern.

Als 2004 die Praxisgebühr eingeführt wurde, war der Plan ganz klar: Wenn der Arztbesuch Geld kostet, suchen weniger Menschen wegen jedem kleinen Wehwehchen einen Arzt auf. Versicherte würden sich bewusst entscheiden, ob eine laufende Nase wirklich Grund genug ist, sich ärztlichen Rat einzuholen, und so den Krankenkassen eine Menge Geld sparen. Und zusätzlich würden die Fachärzte entlastet, weil die Versicherten nur mit Überweisung zu ihnen kämen. So weit, so gut. Klingt ja auch erst einmal logisch. Oben zehn Euro Unterschied einwerfen, unten die Entlastung der Kassen rausbekommen. Wie bei einer Kaffeemaschine. Oben Knopf drücken, unten Tasse drunterstellen. Kaffee fertig.

Menschliches Verhalten folgt keinen Kausalketten

Und, hat der Plan funktioniert? Nein. Was tatsächlich passierte, hatte niemand vorhergesehen: Während Geringverdiener und Hartz-4-Empfänger selbst bei starker Erkrankung auf einen Arztbesuch verzichteten, weil sie sich die Praxisgebühr nicht leisten konnten, stürmten andere schon wegen eines blauen Flecks die Arztpraxen. Wenn die Praxisgebühr für das Quartal nämlich schon mal bezahlt war, dann musste sie auch den Rest des Quartals ausgenutzt werden. Schließlich will jeder was für sein Geld haben. Bezahlt ist bezahlt! Der Effekt: Die Wartezimmer waren überfüllter als vorher, und aufgrund des enormen bürokratischen Aufwandes stiegen die Versicherungsbeiträge der Kassenpatienten sogar noch an. Dabei klang der Plan doch so schön.

Nun mögen Sie sich fragen: Wenn nicht durch eine Praxisgebühr, wie könnten Menschen dann dazu gebracht werden, weniger zum Arzt zu gehen? Was können Führungskräfte tun, um das Verhalten von Menschen zielsicherer zu steuern? Falsche Frage. Menschliches Verhalten ist komplex. Erst recht komplex sind interagierende Gruppen von Menschen, also zum Beispiel Unternehmen oder Gesellschaften. Und komplexe Systeme verhalten sich grundsätzlich nicht linear. Sie folgen also nicht Wenn-Dann-Kausalketten. Niemals!

Kausales Denken führt in die Sackgasse

Das Verhalten der Menschen kann nicht einfach durch einen Plan geändert werden, denn jedem Plan liegt ein vereinfachtes Welt- und Menschenbild zugrunde, das nichts mit der Realität zu tun hat. Kausales Denken im Sinne von Ursache-Wirkung-Ursache-Wirkung führt also zwangsläufig in die Sackgasse. So, und wer das erst einmal verdaut hat, fragt sich, was Führungskräfte dann überhaupt noch tun können. Meine Antwort: Eine Menge. Sie können aufhören, Menschen lenken zu wollen – und sie selbst lenken lassen. Zum Beispiel, indem sie Kontexte bauen, in denen Mitarbeiter freiwillig und selbstorganisiert leisten. Nur eines sollten sie niemals tun: an Menschen arbeiten. Denn Menschen sind keine Kaffeemaschinen.

Dazu im Management-Handbuch

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