Nachhaltigkeit und Authentizität

Authentizität ist das A und O beim nachhaltigen Wirtschaften. Nur damit lässt sich Vertrauen aufbauen, sagt Leadership-Experte Lutz Becker im Interview.

Herr Becker, stehen nachhaltiges Handeln und wirtschaftlicher Erfolg im Widerspruch zueinander?

Ich habe in meinen ersten Berufsjahren gedacht, Nachhaltigkeit sei nur etwas für abgedrehte Ökos und Weicheier. Aber die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass nachhaltiges und ökologisches Handeln und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil waren immer die wirtschaftlich erfolgreich, die die Antworten auf die drängenden gesellschaftlichen Probleme ihrer jeweiligen Zeit hatten. George Stevenson und Henry Ford haben Mobilitätslösungen entwickelt. Steve Jobs hat die Kommunikation revolutioniert. Ideen, die die Gesellschaft dankbar aufgegriffen und in Kultur und Wirtschaft verankert hat.

Ist Nachhaltigkeit ein neues Thema?

Ganz und gar nicht. Aus der Forstwirtschaft kennen wir das Thema schon seit Jahrhunderten und Edward Baumstark hat schon 1835 in seiner Kameralistischen Encyclopädie konkret von ökonomischer Nachhaltigkeit gesprochen. Und gerade für die europäischen Familienunternehmen des 19. und 20. Jahrhunderts spielte ökonomische Nachhaltigkeit eine große Rolle. Die wurde im amerikanisch geprägten Turbokapitalismus der Jahrtausendwende allerdings systematisch diskreditiert. Dass ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit zwei Seiten der gleichen Medaille sind, ist eine noch recht junge Erkenntnis, die noch nicht in allen Köpfen angekommen ist.

Warum tun sich viele Unternehmen dann so schwer mit Nachhaltigkeit?

Das hat viel mit Pfadabhängigkeiten und sozialem Status der handelnden Personen zu tun. Wenn es als Automobilingenieur stets mein Lebenstraum war, hochgezüchtete Achtzylinder-Motoren zu bauen, werde ich mich sehr schwer damit tun davon abzurücken, auch wenn es längst bessere Alternativen gibt. Und die Chefetagen der großen Automobilbauer sind genau von dieser Dinosaurier-Kultur geprägt.

Welche Potenziale sehen Sie, wenn ein Unternehmen sich nachhaltiger aufstellt?

Das Problem sind die Pfadabhängigkeiten. Es ist immer schwer, die Pferde zu wechseln und dafür noch den richtigen Zeitpunkt zu finden. Das Leben bestraft die, die zu spät kommen, aber die, die zu früh kommen, werden auch nicht belohnt. Deshalb müssen Führungskräfte ihr Augenmerk einerseits auf systematische Früherkennung, andererseits auf Reagibilität lenken. Man sollte immer alternative Szenarien bedienen können und, vor allem in Zeiten der Internet-Ökonomie, alternative Geschäftsmodelle im Köcher haben.

Sind Öko-Gütesiegel hilfreich?

Es gibt seriöse Siegel und solche, die vor allem unbequeme Wahrheiten verschleiern. Ich glaube, Authentizität des unternehmerischen Handels und das damit aufgebaute Vertrauenspotenzial sind hundertmal wichtiger als das beste Siegel. Und außerdem besagt das Siegel ja nur, dass ich den Standard einhalte. Erfolgreich waren aber immer die, die durch ihr Verhalten eigene Standards gesetzt haben.

Was können Führungskräfte im Unternehmen tun, um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen?

Sie sollten sich zuerst einmal bewusst machen, dass wir uns mit der Art und Weise, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, selbst den Boden unter den Füßen wegziehen. Und dann sollten sie genau das machen, was jeder Unternehmer tun würde, nämlich die Frage stellen, mit welchen Innovationen man in welchen Märkten erfolgreich sein kann. Und dann wird man erkennen, dass Nachhaltigkeit kein lästiges Risiko, sondern ein enormes Potenzial ist. Dann muss ich überlegen, wie ich das gesellschaftliche Problem besser löse als die anderen Marktteilnehmer. Den Rest werden Markt und Wettbewerb eher früher als später erledigen.

Was zeichnet nachhaltige Unternehmensführung aus?

Authentizität. Führungskräfte stehen in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. unter immer stärkerer Beobachtung. Greenwashing und andere „Hidden Agendas“ werden immer schneller entlarvt. Ich kann in
Anlehnung an Philippe Rixhon (ein Autor in unserer Buchreihe „Die Neue Führungskunst“) nur betonen, dass Führungskräfte in einem Glashaus leben. Entweder man richtet sich danach, oder man wird vom Markt gerichtet.

Wer ist denn der größte Feind der Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Die liebe Gewohnheit, die bekanntlich der Feind jeden Fortschritts ist.

In dem von Ihnen mitherausgegebenen Buch „Unternehmen nachhaltig führen“ lassen Sie 20 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Industrie zu Wort kommen. Welche Aussage hat Sie am meisten beeindruckt?

Ja, wir haben wirklich die besten Autoren gefunden, die wir finden konnten. Jeder einzelne Autor gehört in seinem Bereich zu den brillantesten Köpfen Europas. Mich treibt schon lange ein geniales Diktum von Reinhard Pfriem herum, dass „Strategien kulturelle Angebote an die Gesellschaft“ sind. Die Unternehmensführer, die den Zeitgeist am konsequentesten in allen Adern ihres Unternehmens aufgreifen, werden belohnt.

Herr Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Quelle: Das Interview wurde geführt von der Symposion Publishing GmbH

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