New WorkBefreiung von der Lohnarbeit?

Frithjof Bergmann, Urheber von New Work, sieht in dem Modell einen Gegenentwurf zum Kapitalismus. Wie die Arbeitswelt indes in 20 Jahren aussehen wird, kann heute niemand wirklich sagen.

Eine Menge neuer Begriffe geistert durch die Welt des Personalwesens: Generation Y, Co-Working, Work-Life-Blending, Design Thinking, Kollaboration oder Agilität, um nur einige zu nennen. Besonders heraus sticht dabei der Begriff New Work, der die zuvor genannten und andere Begriffe aufnimmt. Gemeint ist die Art und Weise, wie wir zukünftig arbeiten werden. Genauer gesagt, wie sich der Begriffsschöpfer Frithjof Bergmann, ein austro-amerikanischer Sozialphilosoph, die Arbeitswelt der Zukunft vorstellt. Dies betrifft vor allem die so genannten Digital-Worker, Kreativschaffende und Freiberufler verschiedenster Provenienz. Worum es ihm geht, hatte er 2004 in seinem Buch „Neue Arbeit, Neue Kultur“ dargelegt. Das Werk fristete zunächst ein Schattendasein und fand erst im Prozess zunehmender Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0 die ihm gebührende Aufmerksamkeit.

7 Notwendigkeiten für New Work

Man kann New Work dem Großbereich Change Management zuordnen. Bergmann sieht den Wandel in folgenden Bereichen: Struktur der Arbeit, Einstellung zur Arbeit, Technologisierung und Digitalisierung. Daraus ergeben sich sieben Trends beziehungsweise Notwendigkeiten:

1. Netzwerkkultur

Sie ist wegen ständiger und unvorhersehbarer Veränderungen notwendig. Führung schafft einen Rahmen, der kollegiale Selbstorganisation ermöglicht.

2. Wohlfühlkultur

Arbeit soll Spaß machen und angstfrei verrichtet werden. Augenhöhe statt Hierarchie.

3. Kreativität und Agilität

Die neuen Tätigkeiten verlangen Flexibilität, Wandlungsfähigkeit und Unangepasstheit. Mitarbeiter müssen kreieren, innovieren, kooperieren und projektieren. Sie müssen die Tastatur der sogenannten Soft Facts beherrschen.

4. Neue Formen der Arbeit

Die Kernmannschaft arbeitet im Verbund mit Leiharbeitern, Freelancern, Zeitarbeitern und Interimsmanagern. Der klassische Arbeitsvertrag stirbt aus. Ein Teil der Arbeit wird im Homeoffice erledigt.

5. Neue Führungsaufgaben

Zukünftig müssen anwesende Mitarbeiter und abwesende Home-Worker, fremd- und selbstorganisiert Arbeitende, festangestellte und geliehene Mitarbeiter geführt werden. New Leader dürfen sich nicht vor Macht- und Kontrollverlust fürchten.

6. Neue Arbeitslandschaften

Man vergegenwärtige sich die TV-Bilder der Architektur und Innenarchitektur der Konzerngebäude von Google und Amazon. Was dahinter steckt: Unternehmen sollen genauso angenehm empfunden werden wie die eigenen vier Wände. Raumdesigner sorgen für fließende Kommunikation und firmeninterne Wikis für umfassende Kommunikation.

7. Neue Haltung

Arbeit und Freizeit verschmelzen immer mehr. Mitarbeiter schenken dem Unternehmen Privatzeit, die Unternehmen ihren Mitarbeitern Eigenzeit während der Arbeit. Wer „always on“ ist, benötigt Entschleunigung. Die Rahmenbedingungen sollen auf das Individuum angepasst werden.

New Work als Gegenmodell zum Kapitalismus

Bergmann versteht New Work als Gegenmodell zum Kapitalismus. Das Jobsystem sei am Ende, und mit New Work böte sich die Chance, Menschen von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien, so das Anliegen des Sozialphilosophen. Freiräume, Freiheit, Flexibilität, Persönlichkeitsentwicklung und selbstbestimmte Arbeitszeit sind sein Credo. New-Work-Propagandisten meinen, dass Globalisierung und Digitalisierung der Idee neuen Schub gegeben haben.

Ich halte Bergmanns Anliegen grundsätzlich für ehren- und erstrebenswert. Der Kapitalismus ist kein in Stein gemeißeltes Wirtschaftssystem, doch hat er sich als erstaunlich wandlungsfähig erwiesen. Ein überproportional großer Anteil Sozialromantik schwächt die Wirkung seiner Botschaft erheblich ab. Wie wenig die Industrie von selbstbestimmter Arbeitszeit hält, hat der Arbeitskampf um die 28-Stunden-Woche im Zwei-Jahres-Rahmen gezeigt.

Die Ablösung industrieller Fertigung durch Eigenproduktion würde ich in das Reich der Phantasie verweisen. Das gilt ebenso für die vorgeschlagenen New-Work-Zentren, in denen Menschen gemeinsam mit Mentoren herausfinden, welches die für sie geeignete Arbeit ist. Mein Fazit: Wer heute behauptet zu wissen, wie die Arbeitswelt in zwanzig Jahren aussieht, sollte sich als Hellseher im Astro TV verdingen.

Dazu im Management-Handbuch

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