PersonalmanagementSprechen alle Englisch?

Unternehmen unterschätzen die Bedeutung der Sprache im Auslandsgeschäft gewaltig. Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen.

Landläufig gehen die Entscheidungsträger davon aus, dass alle Gesprächspartner eine gemeinsame Sprache beherrschen; fast immer ist das Englisch. „Wir können ja alle Englisch…“, heißt es lapidar. Doch damit fangen viele Probleme an. Das Dolmetschen und Übersetzen wird sträflich vernachlässigt.

Personalmanagement unterstützt bei der Sprachkompetenz zu wenig

In der Studie „Internationale Personal-Maßnahmen und erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensstrategie“ wurden 69 Führungskräfte international agierender Unternehmen befragt, um unter anderem herauszufinden, wie Sprachdifferenzen überwunden werden. Ein Ergebnis: Die Hälfte der Befragten aus dem Personalbereich sagt, sie würden Sprachtrainings beziehungsweise sprachliche Unterstützung organisieren und einkaufen. Doch werden diese Bemühungen von den Fachabteilungen ganz anders wahrgenommen. Nur jeder zehnte Manager sieht das genauso. Oft werden Übersetzungsdienstleistungen im letzten Moment eingekauft, oder Sprachtrainings werden nur auf Anfrage organisiert. Und die Qualität und Ergebnisse werden meistens nicht ausreichend überprüft.

Schon das Problemverständnis in den Unternehmen selbst zeigt also große Unterschiede. Die Personalabteilungen gehen oft davon aus, dass alle Englisch sprechen, dass ausreichend Dolmetscher zur Verfügung stehen und dass Dokumente, wie zum Beispiel Ablaufbeschreibungen oder Maschinenbeschriftungen, mehrsprachig oder visualisiert sind. Die Fachabteilungen sehen da aber sehr viele Defizite.

„Irgendwie Englisch“ reicht nicht aus

Erfahrung in internationalen Projekten zeigen: Natürlich sprechen alle Teammitglieder „irgendwie Englisch“. Viele Teammitglieder sprechen es jedoch nicht wirklich „fließend“ oder „verhandlungssicher“ – oder was immer sie in ihrer Not in Unternehmen behaupten müssen, die irgendwann Englisch zur Konzern- oder Stützsprache erklärt haben. Und da der Mythos „Englisch kann doch jeder“ regiert, erfordert es Mut, in Meetings oder Telefonkonferenzen Verständnisfragen zu stellen und damit zuzugeben, dass man es nicht verstanden hat. Das kommt häufig vor. Denn nur ein Drittel der in der Studie befragten Manager meint, dass wirklich alle so Englisch sprechen, wie es der Arbeitssituation angemessen wäre.

Hapert es beim sprachlichen Verständnis, kann es passieren, dass informelle Kommunikationskanäle etabliert werden, um das Geschehen ohne Gesichtsverlust zu erfassen und Informationen auszutauschen. Diese Kanäle und die dort ausgetauschten Botschaften entwickeln schnell ein Eigenleben. Eine Gefahr besteht darin, dass unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Aufgaben anzugehen sind, von Sprachproblemen überlagert werden. Folge: Sachprobleme schaukeln sich hoch, die emotionalen Gräben zwischen den Kulturen vertiefen sich.

Dominanz der Muttersprachler

Bei den meisten internationalen Besprechungen sprechen die verschiedenen Gruppen eine andere Muttersprache,  was meistens die Verhandlungsgeschwindigkeit reduziert. Unter Nicht-Muttersprachlern zeigen sich deshalb eine erhöhte Rücksichtnahme sowie verständlichere und einfache Ausdrucksweisen. Sogenannte Nativespeaker wissen jedoch oft nicht, auf was sie dabei Rücksicht nehmen müssen. Ihnen fehlt das Bewusstsein für die Verständnisschwierigkeiten anderer Sprecher. Es wird schnell gesprochen mit Slang-Ausdrücken und regionalen Akzenten.

Nichtmuttersprachler empfinden das als Strategie gezielter Dominanz, als Ausnutzen des eigenen Sprachvorteils. Das mag in Einzelfällen stimmen. Viel öfter fehlt englischen Sprechern einfach die Erfahrung, wie mühsam es sein kann, in einer Fremdsprache zu arbeiten. Ein Leiter eines internationalen Teams zog daraus eine simple Konsequenz: Er verpflichtete die US-Teilnehmer dazu, eine zweite Projektsprache zu lernen und wechselte in Meetings hin und wieder in diese Sprache. Ergebnis: Alle Teammitglieder gaben sich mehr Mühe mit der Verständlichkeit. Denn unterschätzen sollte man Sprachprobleme nicht: Wie sollen Projekte gelingen, wenn nicht einmal alle mitbekommen, was gemailt, gesagt oder vereinbart wird. 

Sprachlücken schließen ist aufwendig, aber notwendig

Auf die Frage: „Alle sprechen die Konzernsprache – zum Beispiel Deutsch“ wird dies von 40 Prozent und „Alle sprechen Englisch“ von insgesamt 25 Prozent der in der Studie Befragten aus allen Unternehmensbereichen bestätigt. Wie werden jedoch die verbleibenden Mitarbeiter über die Unternehmensgeschicke informiert? Gerade bei länderübergreifenden Übernahmen und Fusionen ist eine durchgängige Kommunikation wichtig, die alle richtig verstehen. Sonst wird die Entwicklung in eine Richtung gelenkt, die niemand will.

Dafür zu sorgen, dass alle in der richtigen Sprache informiert werden, ist mit hohen Kosten, persönlichen Mühen der Übersetzung und mit Rücksichtnahme verbunden. Es lohnt sich aber, die Schere zwischen dem Top-Management und den Mitarbeitern in den verschiedenen Ländern zu schließen und alle schneller ins Boot zu holen. Es sollte daher gerade durch das Personalmanagement unbedingt verstärkt werden.

Wenn Mitarbeiter ins Ausland entsendet werden, ist es unabdingbar, dass der Fremde die Sprache der Gastgeberkultur lernt. Es ist auch eine große persönliche Bereicherung, und jeder, der eine Sprache gelernt hat, weiß, wie sich die Türen und die Herzen der Menschen öffnen, wenn Neugier und ein tiefergehendes Verständnis für die Kultur bestehen. Auslandsgeschäfte bedeuten eben nicht nur Zahlen, Daten, Fakten, sondern sie basieren auf  Beziehungspflege, zu der auch die jeweilige Sprache gehört.

Zur Studie „Internationale Personal-Maßnahmen und erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensstrategie“

Befragt wurden 69 Führungskräfte aus den Bereichen Personal und HR einerseits, sowie Geschäftsführer, Fachbereichsleiter und Projektmanager andererseits; aus mittelständischen Unternehmen und Konzernen mit ein bis über 100 Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Spanien, Italien, China, Holland, Mexiko und Russland.

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