Private EquityDie Heuschrecken-Dompteure

Private Equity-Investoren entlassen Mitarbeiter und haben nur ein Ziel: maximale Renditen. Haben sie ihr Ziel erreicht, verkaufen sie und suchen nach dem nächsten Opfer. So lautet die allgemeine Vorstellung. Doch Fremdkapital nützt den betroffenen Firmen oft mehr, als es scheint. Die Rahmenbedingungen hierzulande sind allerdings schlecht.

Bedrohen private Finanzinvestoren die deutsche Wirtschaft? Müssen sich Arbeitnehmer vor „Heuschrecken“ fürchten? Die Wahrheit ist verblüffend, wie ein Wissenschaftlerteam der TU München beweist. Und damit zugleich die Politik auffordert, bessere Gesetze zu machen.

Was war nicht alles in letzter Zeit über Finanzinvestoren, sogenannte Private Equity-Unternehmen, zu lesen und zu hören? Den biblischen Plagen der Heuschrecken-Schwärme gleich zögen die Firmenkäufer, die mit privatem Beteiligungskapital arbeiten, durch deutsche Lande, um Unternehmen aufzukaufen, nach kapitalistischer Manier auslutschen - und wieder zu verkaufen, nachdem Arbeitnehmer gefeuert und die Rendite in erkleckliche Höhen getrieben worden sei. Soweit die öffentliche Meinung, angefeuert vor allem durch die Investoren-Debatte, die die SPD im letzten Bundestagswahlkampf anzettelte.

Doch was ist wirklich dran an den Ängsten vor Private Equity (PE)? Welche Rolle spielt privates Beteiligungskapital bei der wirtschaftlichen Entwicklung von Unternehmen, ja der gesamten Volkswirtschaft? Und welche Rahmenbedingungen sollte die Politik für solche Investoren setzen? Diese Fragen sind der Ausgangspunkt eines umfangreichen wissenschaftlichen Gutachtens, das unter der Leitung des Professors Christoph Kaserer von der Technischen Universität (TU) München und einer Wissenschaftlergruppe im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen erstellt und im Mai 2007 veröffentlicht wurde.

Private Equity – besser als ihr Ruf

Zusammen mit seiner Kollegin Ann-Christin Achleitner, mit der er das Münchner „Center for Entrepreneurial and Financial Studies“ (CEFS) an der TU leitet, kommt Kaserer zu einem überraschenden Fazit:

„Die Heuschrecken-Debatte beschäftigt zwar die Öffentlichkeit. Im Gegensatz dazu gibt es viele gute Gründe, anzunehmen, dass private Finanzinvestoren einen positiven Einfluss auf die Unternehmen nehmen, die sie kaufen!“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Wirtschaftswissenschaftler von der TU München heilig geglaubte Kühe schlachten: Die Meinung der CEFS-Forscher und ihrer Partner wird immer häufiger eingeholt. So auch im Falle der PE-Debatte. Kaserer ist der Meinung, das Thema sei viel zu lange von der europäischen Forschung vernachlässigt worden.

Das Gutachten, das die Forschergruppe in zehnmonatiger Arbeit erstellt hat, scheut sich nicht, gleich mehrere lieb gewordene Klischees über private Finanzinvestoren akribisch zu zerlegen. Die drei wichtigsten in Kürze:

Klischee Nummer Eins: Finanzinvestoren kaufen Schrottfirmen und zerschlagen sie möglichst rasch, um vor allem daran zu verdienen, die Einzelteile zu verhökern. Falsch, sagen die Münchner Wissenschaftler. Professor Kaserer sagt:

„Die uns vorliegenden Studien zeigen, dass die übernommenen Unternehmen sich nach dem Einstieg von privaten Finanzinvestoren meist besser entwickeln als in der Phase vor der Übernahme.“

Klischee Nummer Zwei: Finanzinvestoren schminken die Firmen, die sie kaufen, kurzfristig, um sie attraktiv zu machen – es fehle ihnen also die Nachhaltigkeit. Falsch, sagen die Münchner Wissenschaftler. Professorin Achleitner erklärt:

„Es reicht ja schon ein bisschen gesunder Menschenverstand, um sich klar zu machen, dass die einfache Rechnung ‚billig kaufen – teuer verkaufen’ nicht funktioniert, wenn keine Qualität dahinter steht. Da sie nicht unbedingt einen Dummen finden, der ihnen eine miese Firma wieder abnimmt, müssen Finanzinvestoren halt eine dauerhaft gute Firma daraus machen! Nur dann funktioniert das Modell.“

Klischee Nummer Drei: Wenn Finanzinvestoren einsteigen, sind die Arbeitnehmer stets die Verlierer. Denn als erstes würden aus Profit-Interesse Stellen gestrichen oder Jobs ins Ausland verlagert. Falsch, sagen die Müncher Wissenschaftler auch hier. Natürlich komme Arbeitsplatzabbau in Sanierungsphasen vor, sagt Professor Kaserer. Aber das liege häufig daran, dass die Unternehmen vorher versäumt hätten, rechtzeitig auf die Kosten und Erträge zu schauen. Die Experten nennen das Beispiel des Armaturenbauers Grohe:

„Es kann hier überhaupt nicht davon geredet werden, dass das Unternehmen ausgesaugt wurde. Global betrachtet hat es durch den Einstieg der Finanzinvestors kaum einen Arbeitsplatzabbau gegeben. Heute ist das Unternehmen wieder gesund – es wurden also von den Investoren die Dinge getan, die nötig waren, um es zu retten!“

Das Fazit der Forschergruppe lautet: Privates Beteiligungskapital durch strategische und operative Maßnahmen schafft deutlich profitablere Unternehmen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der so finanzierten Unternehmen in Deutschland nachhaltig.“

Finanzierung durch private Geldgeber gewinnt an Bedeutung

So weit, so gut. Doch wie steht es um die Rolle von PE in der deutschen Wirtschaft? Gerade angesichts neuer Finanzierungsregeln für Banken durch Basel II und den Kapitalhunger von Neugründungen, technologischen Vorreitern und des Mittelstands wird die Finanzierung durch Finanzinvestoren immer bedeutsamer, soll sich eine Volkswirtschaft entwickeln. Doch auf diesem Gebiet ist Deutschland noch Entwicklungsland, meinen die Wissenschaftler und verweisen auf Vergleichszahlen aus dem Ausland: Privates Beteiligungskapital hatte in Deutschland im Jahre 2005 mit 11,8 Prozent bei den Investitionen einen deutlich geringeren Anteil als etwa in Großbritannien (25,2 Prozent) oder in Frankreich (16,3 Prozent). Auf der Basis der Münchner Forschungen kommen nun auch die Berliner Ministerien zu der Erkenntnis, dass die Finanzierung über privates Beteiligungskapital „weltweit an Bedeutung“ gewinnt.

Gesetzlicher Rahmen unzureichend – Politik ist gefragt

Nur: Wie steht es um die Rahmenbedingungen? Was muss die Politik tun, um die nötigen Spielregeln auf dem Markt der privaten Beteiligungen durchzusetzen? Auch da haben die Münchner Forscher eine klare Ansage. Kaserer stellt fest:

„Der gesetzliche Rahmen für PE ist in Deutschland nicht wettbewerbsfähig! Wir müssen endlich zu einer klaren Regelung der politischen, steuerlichen und juristischen Fragen kommen!“

Nach Ansicht des Forscherteams müssen die Politiker vor allem vier Schritte tun:

  1. Die Finanzinvestoren sollten zukünftig steuerlich genauso behandelt werden wie andere Investmentfonds. Professorin Achleitner sagt:

„Das würde endlich Rechtssicherheit und Steuertransparenz für die Investoren schaffen.“

  1. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sollte, ähnlich wie bei Banken, Versicherungen und bei Wertpapiergeschäften eine gewisse Kontrolle über die Fonds und ihre Manager ausüben; schwarze Schafe ließen sich dann leichter erkennen und aus dem PE-Geschäft aussortieren.
  2. Professor Kaserer regt an, dass es zudem hilfreich wäre, eine Art Selbstverpflichtung der Branche aufzusetzen und alle Beteiligten unterschreiben zu lassen. Das könnte dann etwa so sein wie ein hippokratischer Eid für Finanzinvestoren.
  3. Ganz wichtig sei es, die Arbeitnehmer in den Prozess der privaten Finanzinvestition einzubeziehen, sagt Professorin Achleitner. Dann könnten diese die Veränderungen in den Unternehmen aktiv mitgestalten – und wo sie das täten, zeige das gute Wirkung für alle Beteiligten.

Bis es soweit ist, wird es noch manche Debatte im Parlament und in den Ausschüssen geben. Von den ersten aktuellen Überlegungen der Politiker zeigen sich die Münchner Forscher nicht begeistert: Die Vorschläge blieben „weit hinter dem zurück“, was das Gutachterteam belegt und gefordert habe. Und so komme ein sachgerechtes Arrangement mit dem Thema der privaten Finanzinvestoren nicht voran, obwohl sie mehr als überfällig sei. Aber die Zeit läuft. Und die Heuschrecken-Angst steht spätestens bei der nächsten großen Übernahme wieder auf der Agenda einer aufgeregten Öffentlichkeit.

Deshalb setzen Kaserer und seine Kollegin Achleitner auf die Macht des Diskurses. Ihre Einschätzung ist klar:

„Die Heuschreckendebatte ist ja auch ein Kommunikationsproblem. Bisher war diese Kommunikation immer investorengetrieben. Das geht in Zukunft nicht mehr! Heute muss man an alle Zielgruppen bei der Kommunikation gleichermaßen denken – und zwar zum Beispiel dadurch, dass man nicht nur von den Chancen für Renditen, sondern auch von den Chancen für Arbeitsplätze spricht!“

[Bild: fotolia.com]

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