ProjektleitungMit Konflikten im Projektteam richtig umgehen

Ausgleich und Vermittlung können der richtige Weg sein, um einen Konflikt beizulegen. Doch nicht immer: Manchmal ist eine gezielte Eskalation die bessere Strategie. Bei jeder Konfliktsituation sollten Sie daher abwägen, welche Lösungsmöglichkeiten sinnvoll sind und welche Vorgehensweise Sie wählen.

Wer neu in ein Unternehmen kommt und dort gleich ein Projekt übernehmen muss, kann leicht in eine Situation geraten, die nur schwer zu verstehen und zu managen ist. So erging es Andrea G., die ihren Job gerade erst angetreten hatte und es nun als Projektleiterin mit einem „eingefrorenen Konflikt“ zu tun bekam.

Konflikte sind nicht immer laut und heftig

Im Team von Andrea G. saßen Mitarbeiter aus zwei Fachbereichen, zwischen denen es in der Vergangenheit regelrechte Grabenkämpfe gegeben hatte. Der Konflikt war nie wirklich gelöst worden, sondern quasi „eingefroren“. So gab es im Projekt zwischen den Mitarbeitern der beiden Fachbereiche zwar keine direkte Konfrontation, doch bekriegte man einander weiterhin auf subtile Weise, etwa indem Aufgaben sabotiert, blockiert oder verschleppt wurden.

Ein erkalteter Konflikt wie im Beispiel von Andrea G. kann schnell den Projekterfolg gefährden. Zwischen den Konfliktparteien gibt es zwar keine offenen Kämpfe mehr, aber man geht sich möglichst aus dem Weg. Frustration und Enttäuschung beherrschen die Stimmung, weil der Glaube daran, die Auseinandersetzung noch lösen zu können, aufgegeben wurde. Der Konflikt existiert weiter, doch alle Beteiligten tun so, als wäre alles gar nicht so schlimm. Als Projektleiter sehen Sie sich mit einer seit Jahren eingefahrenen Konfliktsituation konfrontiert, der Sie mit einem einfachen Konfliktlösungsgespräch kaum beikommen können.

Für den Umgang mit Konflikten gibt es verschiedene Möglichkeiten. Oft sind Ausgleich und Vermittlung der geeignete Weg, um einen Konflikt im Projektteam beizulegen. Manchmal braucht es aber auch andere Strategien – bis hin zur gezielten Eskalation des Konflikts.

Prävention wäre allemal besser

Ihn gar nicht erst entstehen lassen – das ist sicherlich die effizienteste und eleganteste Art, mit einem Konflikt umzugehen. Das setzt freilich voraus, die Vorboten eines Konflikts zu erkennen und die aufkeimenden Differenzen sofort zu klären.

Das Tragische an guter Konfliktprävention ist nur: Kaum jemand bemerkt sie, niemand würdigt sie. Ganz anders wirkt da doch ein Feuerwehreinsatz, wenn die Flammen bereits hochschlagen. Da betritt die heroische Führungskraft die Bühne und demonstriert dem staunenden Publikum, wie sie das Feuer löscht und den eskalierten Konflikt befriedet. Das macht Eindruck, damit kann man Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich ziehen. Wer hingegen würde von einem Projektleiter Notiz nehmen, der verhindert hat, dass es überhaupt zu diesem Einsatz kommen musste?

Prävention ist nichts für Helden

In der Tat: Professionelle Konfliktprävention wird von einem unaufmerksamen Projektumfeld kaum wahrgenommen. Der Nutzen ist zwar enorm, wenn Sie Konflikte von vornherein vermeiden – denn jeder Konflikt bringt Reibungsverluste und Verzögerungen und kann das Projekt in eine Krise stürzen. Doch nur wenige Sachkundige werden das erkennen und anerkennen.

Wer als Projektleiter gerne im Mittelpunkt stehen und ob seiner Heldentaten bewundert werden möchte, wird sich daher kaum mit Krisenprävention abgeben. Das Vorgehen passt eher zu Menschen, die zügig und unspektakulär zu Ergebnissen kommen wollen. Immerhin, irgendwann dürfen auch sie mit Anerkennung rechnen: „Ich weiß nicht, weshalb bei dem immer alles so problemlos läuft", wird man sich eines Tages in ihrem Umfeld wundern.

  Deeskalierend Eskalierend
Präventiv
  • Spielregeln vereinbaren
  • Risiken analysieren
  • Präventivmaßnahmen einleiten
  • Sorgen, Ängste ansprechen
  • Konfrontationssitzungen
  • Schwierige Szenarien durchspielen
Kurativ
  • Konfliktverlauf rekonstruieren
  • Konfliktlösungsgespräche
  • Schlichtung / Mediation
  • Provozieren und „anheizen“
  • Konfrontationssitzungen
  • Gegen die Wand fahren lassen

Deeskalieren – oder vielleicht doch eskalieren?

Die meisten Interventionen sind kurativer Natur. Der Konflikt ist entstanden und es ist Ihre Aufgabe als Projektleiter, zu intervenieren – also den Konflikt zu lösen, zu begrenzen, zu kontrollieren oder zu regeln. Grundsätzlich haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können versuchen, die Spannungen abzubauen, indem Sie deeskalieren. Oder Sie eskalieren die Situation, indem Sie den Konflikt gezielt anheizen, um so eine Klärung zu erzwingen.

Wenn Sie wissen, was den Konflikt ausgelöst und angetrieben hat, können Sie dieses Wissen zur Deeskalation nutzen. In diesem Fall kann ein strukturiertes Konfliktlösungsgespräch sinnvoll sein, in dem die Beteiligten den Konflikt direkt austragen und klären. Als Moderator des Gesprächs können Sie gemeinsam mit den Kontrahenten den Konfliktverlauf rekonstruieren, ihnen die nicht gewünschten Wirkungen ihres Handelns vor Augen führen und eine Vereinbarung treffen. Ist der Konflikt schon sehr weit eskaliert, kann auch ein Schlichter oder Mediator erforderlich sein, um den Konflikt beizulegen.

Manchmal hilft auch, Öl ins Feuer zu gießen

Doch nicht immer sind deeskalierende Interventionen sinnvoll oder effektiv. Erinnern wir uns an den „eingefrorenen Konflikt“, mit dem es Andrea G. zu tun hatte. Hier erscheint es angebracht, dem Konflikt erst einmal einzuheizen – ihn quasi aufzutauen, damit er wieder sichtbar wird. Denn eines der großen Probleme bei kalten Konflikten liegt in der unausgesprochenen Vereinbarung zwischen den Parteien, so zu tun, als sei alles gar nicht so schlimm. Keiner sieht sich deshalb veranlasst, das Problem zu lösen. Eine gezielte Eskalation des Konflikts kann hier wie ein Weckruf wirken.

Der Projektleiterin Andrea G. machte der kalte Konflikt zwischen den beiden Fachbereichen das Leben schwer. Ungereimtheiten im Zusammenspiel der Projektmitarbeiter behinderten das Projekt Tag für Tag aufs Neue, wurden aber von den Beteiligten ständig kleingeredet. Schließlich entschied sich die Projektleiterin dazu, die nächste Projektbesprechung zur Konfrontationssitzung zu machen. Als das Team beisammen saß, heizte sie den Konflikt mit einer gezielten Provokation an: Sie gab den Mitarbeitern eines der beiden Fachbereiche die alleinige Schuld für die mangelhafte Kooperation. Wie erwartet setzten sich die Beschuldigten zur Wehr, was wiederum die Gegenseiten provozierte. So kam der Konflikt endlich offen auf den Tisch – und Andrea G. erhielt die Chance, mit ihm umzugehen.

Nicht immer lässt sich ein Konflikt durch eine einfache Provokation entfachen. Manchmal, wenn auch der beste Zündstoff versagt, bleibt nur die maximale Eskalation – sprich: Sie lassen als Projektleiter das Projekt bewusst gegen die Wand fahren. Das ruft den Auftraggeber oder die Führungsriege auf den Plan und kann für den notwendigen Druck sorgen, die Probleme endlich zu lösen.

Survival-Tipps

  • Konflikte sind teuer und ineffizient. Lassen Sie es deshalb gar nicht erst so weit kommen. Vorsorge ist immer besser als Nachsorge.
  • Wenn es zum Konflikt gekommen ist, versuchen Sie ihn rechtzeitig zu lösen, zu begrenzen, zu kontrollieren oder zu regeln. Andernfalls droht eine weitere Eskalation.
  • Analysieren Sie, was zum Konflikt und seiner Eskalation geführt hat. Nur so sind Sie in der Lage, ihn zu lösen.
  • Rufen Sie einen unabhängigen „allparteilichen“ Dritten, wenn der Konflikt schon sehr weit eskaliert ist. Als Schlichter oder Mediator kann er den Konflikt vielleicht noch beilegen.
  • Ziehen Sie in Erwägung, einen Konflikt auch einmal anzuheizen, wenn die Beteiligten so tun, als gäbe es keine größeren Probleme. So kommt der Konflikt endlich offen auf dem Tisch – und Sie haben die Chance, ihn zu bearbeiten.
  • Lassen Sie das Projekt notfalls an die Wand fahren, um die Führungsriege auf den Plan zu rufen. Vielleicht sorgt das ja für den notwendigen Druck, um die Probleme zu lösen.

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