QM in ArztpraxenQualitätsmanagement bald Pflicht für Kassenärzte

Seit 2006 quälen Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen und private Anbieter die niedergelassenen Ärzte. Sie weisen ständig darauf hin, dass “Qualitätsmanagement” jetzt gesetzliche Pflicht sei. Die Ärzte fragen sich: Was bedeutet das eigentlich genau? Welche QM-Systeme gibt es und wie implementiert man in seiner Praxis ein brauchbares QM-System? Hier finden sie Antworten.

Das einrichtungsinterne Qualitätsmanagement

Was für Kliniken schon länger gilt, führte der Gesetzgeber 2005 auch für Niedergelassene ein: Die neuen §§ 135 a und 136 SGB V schreiben vor, dass alle Praxen, die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, ein „einrichtungsinternes Qualitätsmanagement” [nachfolgend: Praxis-QM] einführen müssen. Die Details regelt der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) in der „Qualitätsmanagement-Richtlinie vertragsärztliche Versorgung”. Die Richtlinie trat zum 1.1.2006 in Kraft und bestimmt folgenden Zeitrahmen:

  • zwei Jahre Planungsphase (1.1.2006-31.12.2007)
  • zwei weitere Jahre Umsetzungsphase (1.1.2008-31.12.2009)
  • ein weiteres Jahr Evaluierungsphase (1.1.2010-31.12.2010)

Jeder niedergelassene Arzt muss also bis Ende 2009 ein strukturiertes System vollständig eingeführt haben. Wer dann kein voll implementiertes, funktionierendes (!) System nachweisen kann, dem drohen Sanktionen. Dabei genügt es nicht, dass QM-Ordner mit schönen Schaubildern, Checklisten und Ablaufdiagrammen im Regal stehen. Die  Kassenärztlichen Vereinigungen werden bei ihrer Überprüfung vielmehr darauf achten, ob das Qualitätsmanagement in der konkreten Praxisarbeit gelebt wird. Ob also zum Beispiel die Arzthelferinnen vernünftige (und übereinstimmende) Antworten geben können auf Frage wie: „Wie organisieren Sie …?“ oder „Was machen Sie wenn … passiert? Schriftliche Unterlagen sind eine hilfreiche Ergänzung, aber weder Selbstzweck noch reichen sie für sich allein aus.

Welches QM-System?

Auch wenn die QM-Richtlinie kein bestimmtes QM-System oder gar einen bestimmten Anbieter vorschreibt: Das Rad selbst neu zu erfinden ist wenig sinnvoll. Die meisten Ärzte werden sich deshalb bei der Einführung des Praxis-QM zumindest beraten lassen, in vielen Fällen den Prozess auch mit einem externen Dienstleister zusammen durchführen.

Es existieren Dutzende verschiedener Qualitätsmanagement-Systeme und noch mehr Anbieter. Jeder Arzt kann frei wählen, welches QM-System er verwenden will. Er kann sogar sein eigenes kreieren, solange er sich an die Vorgaben der QM-Richtlinie hält.

Eine Zertifizierung ist (bislang) nicht zwingend, aber für circa 2015 im Gespräch. Wer Doppelarbeit und späteren Systemwechsel vermeiden will, kann bereits jetzt ein System auswählen, das als Grundlage für eine (spätere) Zertifizierung anerkannt wird. Die zwei gängigsten QM-Systeme für Arztpraxen sind:

(1) Qualität und Entwicklung in Praxen (QEP)

Dieses System wurde entwickelt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Kassenärztlichen Vereinigungen; wird daher von diesen auch empfohlen. Knapp 25 Prozent der Praxen, die mit QM bereits begonnen haben, verwenden es.

Die Unterlagen (Praxishandbuch, Manual und Qualitätsziel Katalog Kompakt) kosten zusammen ungefähr 230 Euro brutto. Die beiden Ringordner im Regal sind jedoch noch kein “eingeführtes QM”. Wenn man sich nicht alles selbst erarbeiten und sein Personal alleine schulen möchte, braucht man Berater und/oder Schulungen. Die Kosten hierfür liegen zwischen 1.500 und 5.000 Euro, je nach Anbieter, Praxisgröße und eigenem Qualitätsanspruch.

Einige Kassenärztlichen Vereinigungen bieten Einführungskurse (zum Beispiel viertägige QEP-Akademie der KV Rheinland Pfalz). Aber auch damit ist das QM noch nicht eingeführt, sondern nur das System erklärt; die Hauptarbeit der Umsetzung in der Praxis steht noch aus.

(2) Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001:2008

Das ist (wohl) der Marktführer, gut 32 Prozent der Praxen entschieden sich bislang für dieses System, mit steigender Tendenz. Es ist etwas anspruchsvoller und tendenziell teurer. Aber dafür entspricht die Zertifizierung internationalen Standards und wird auch höchsten Qualitätsansprüchen gerecht. Dieses System wird sich voraussichtlich als Top-Standard für Arztpraxen etablieren.

(3) Weitere Alternativen:

Neben diesen beiden Modellen gibt es noch zahlreiche weitere, beispielsweise

  • EFQM,
  • Europäisches Praxisassessment,
  • KPQ,
  • KTQ,
  • QM der KV Nordrhein u.a.m.

Eine vergleichende Übersicht findet sich auf der KBV-Website zum Download (natürlich präferiert die KBV ihr eigenes System QEP). Entscheidet man sich für QEP oder ISO kann man sicher sein, dass auf dieser Basis später eine anerkannte Zertifizierung durchführbar ist. Bei exotischeren Systemen muss man später eventuell umstellen. Einen Überblick über alle bestehenden QM-Systeme bietet die Broschüre “Managementsysteme im Überblick” des Bayerischen Wirtschaftsministeriums.

Zertifizieren? Noch keine Pflicht – aber sinnvoll

QM sollte man nicht einführen, damit später eine bunte Urkunde im Wartezimmer hängt. Wichtiger ist, dass Arzt, Assistenzpersonal und natürlich die Patienten tatsächlich davon profitieren:

  • durch optimierte Qualität,
  • effizientere Abläufe,
  • verbesserte Sicherheit und
  • Zeitersparnis.

Die Überprüfung (Audit) durch eine externe Stelle ist daher nicht Hauptgrund des Praxis-QM. Gesetzgeber und GBA haben bewusst auf eine Pflicht zur Zertifizierung verzichtet, jedenfalls vorerst. Allerdings wird die KBV wohl darauf drängen, dass in einigen Jahren die Zertifizierung zur Pflicht wird, schließlich baut sie derzeit ein Netz von Zertifizierungsstellen auf. Bislang ist die Nachfrage der Praxen allerdings gering: Bundesweit sind (Stand November 2008) insgesamt gerade einmal 130 Praxen nach QEP zertifiziert; bei insgesamt 120.000 niedergelassenen Haus- und Fachärzten ein verschwindend geringer Anteil.

Die Erfahrung zeigt aber: Arzt und Mitarbeiter sind motivierter und ernsthafter bei der Sache, wenn am Ende des Implementierungsprozesses auch eine “Prüfung” (das Zertifizierungs-Audit) steht. Zudem wird die Zertifizierung in wenigen Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder ohnehin Pflicht. Oder aber nicht-zertifizierte Praxen werden wirtschaftliche Nachteile haben (Punkteabzüge, Nichtaufnahme in “offizielle” Empfehlungslisten u.a.m.).

Wer die Qualität seiner Praxis deshalb freiwillig bereits jetzt durch ein offizielles Gütesiegel belegen möchte, kann sich natürlich auch sofort zertifizieren lassen. Da es bislang erst sehr wenige zertifizierte Praxen gibt, kann dies ein gutes (wenn auch nicht ganz billiges) Marketing-Instrument gegenüber Patienten und Vertragspartnern sein. Verbände und Politik werden in den kommenden Jahren die Patienten immer mehr darauf drängen, zu zertifizierten Praxen zu gehen.

Die Zertifizierung nimmt ein externer Dritter vor, der unabhängig sein soll. Für das DIN EN ISO-Modell ist zum Beispiel der TÜV die geeignete Stelle. Bei QEP werden allerdings sowohl die Zertifizierungsstellen als auch die Prüfer (Visitoren) von der KBV akkreditiert, sodass gewisse Zweifel an der Unabhängigkeit erlaubt sind. Meist erfolgt die Zertifizierung in mehreren Schritten (Vorgespräch, Voraudit, Zertifizierungsaudit, Überwachungsaudit). Die Kosten für die Zertifizierung sind nicht ganz gering, in der Regel zwischen 2.000 und 6.000 Euro.

Weitere detaillierte Informationen, Broschüren, Checklisten und Links zum Thema finden Sie auf dem Portal www.qm-fuer-mediziner.de

[Bild: ISO K° - photography - Fotolia.com]

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