SchwarmintelligenzKönnen Gruppen intelligent entscheiden?

Kollektive Intelligenz ist eine der tragenden Säulen von Selbstorganisation und New Work. Aber ist kollektive Intelligenz überhaupt möglich?

Ich halte mich für einigermaßen intelligent. Dieses positive Selbstbild gerät jedoch regelmäßig ins Wanken, wenn ich mir mehr oder minder dumme Handlungen und Entscheidungen eingestehen muss. Dumm im Sinn von unüberlegt, impulsiv, unbewusst, Schlussfolgerungen nicht oder falsch ziehend, wichtige Faktoren außer Acht lassend. Vielleicht beobachten Sie dies auch – an sich und anderen: Dass mit Intelligenz gut ausgestattete Menschen bei ihren Entscheidungen immer mal wieder danebengreifen.

Zwei Arten zu denken und zu entscheiden

Woran liegt das? Wie kommt es, dass mein Handeln und Entscheiden mal mehr oder minder klug und dann wieder ziemlich beschränkt ist? Eine schlüssige Erklärung für dieses Phänomen liefern die Kognitionswissenschaften mit verschiedenen Ausprägungen der so genannten Dual-Processing- Accounts-Theorie. Sie besagt, dass unser Denken in zwei Systemen arbeitet. System eins ist so etwas wie unser Autopilot. Unser energiehungriges Gehirn arbeitet dabei im Sparmodus. System zwei ist impulsiv, vorbewusst, schnell, an vorgefertigten Schemata und Gefühlen orientiert. Es ist evolutionär jünger, braucht mehr geistige Kapazität, ist bewusst, langsamer, erlaubt abstraktes Denken und bezieht auch widersprüchliche Fakten in Entscheidungen ein.

Energiespar-Denken macht Sinn

System zwei braucht mehr Kapazität und Energie. Energie ist aber ein kritischer Faktor für unser Gehirn, dass der Hauptenergieverbraucher im Körper ist. Es macht zwar nur zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht aber glatt die Hälfte der Kohlenhydrate. Da macht der Autopilot Sinn. Wir können es uns schlicht nicht leisten, ständig auf geistiger Höchststufe zu fahren. System-eins-Denken ist auch nicht automatisch dumm. In den meisten Situationen reicht es vollkommen. Nur eben nicht immer. Liegt die Kunst vielleicht darin, zu wissen, wann wir von System eins auf System zwei umschalten müssen, um uns vor größeren Fehlern zu bewahren? Gilt dies vielleicht auch für Gruppen?

Das Kollektiv kann auch klug entscheiden

„Gruppen neigen zu extrem dummen Entscheidungen“, habe ich einmal gelesen. Und der Mathematiker und Autor Gunter Dueck verneint in einem Artikel unter der Überschrift „dumm.dumb.dumb“ rigoros jede Weisheit der Vielen. Ist kollektive Intelligenz also nur eine schöne Illusion?

Es ist leider verdammt leicht, unzählige Beispiele für kollektiven Wahn und Fehlentscheidungen von Gruppen zu finden. Ja, Gruppen können extrem dumm entscheiden. Aber: Gruppen können auch klug entscheiden. Ein Beispiel: 2013 beauftragte das irische Parlament 66 ausgeloste Bürger und 33 Politiker mit der Überarbeitung von acht Verfassungsartikeln. Darunter das umstrittene Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen. Die „Convention on the Constitution“ widerstand der Versuchung, schnelle und emotional vorgeprägte Entscheidungen zu treffen. Die Gruppe ließ sich auf eine differenzierte Betrachtung aller Standpunkte ein. Um am Ende mit großer Mehrheit die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu empfehlen.

Fördert autoritäre Führung das Denken im System eins?

Kann es sein, dass die zwei Denksysteme der Dual- Processing-Accounts-Theorie auch im Gruppendenken und -handeln wirksam sind und hier von der jeweiligen Gruppendynamik verstärkt werden? Das Alphatier hält das und jenes für richtig. Dann wird das wohl so sein. Weiteres Nachdenken für die anderen Gruppenmitglieder erübrigt sich. Energie gespart. Es scheint, dass autoritäre Führung und hierarchische Strukturen das Denken im System eins fördern: „Sie sind nicht zum Denken, sondern zum Arbeiten hier!” Oder: „Ich weiß, was richtig ist und werde das für euch umsetzen.” System-eins-Denken ist in Gruppen deutlich verbreiteter als System-zwei-Denken. Unstrukturierte Gruppen rutschen schnell in den System-eins-Modus. Da wird impulsiv entschieden, werden Widersprüche ausgeblendet, Vorurteile unreflektiert ins Handeln übernommen. System-zwei-Denken dagegen verlangt den Gruppenmitgliedern mehr ab und gelingt selten ohne passende Rahmung.

Die „Kunst des gemeinsamen Denkens“ braucht Energie und Zeit. Mit „sozialen Techniken“ wie der Kreisarbeit (Circle way) oder dem Dynamischen Moderieren (Dynamic Facilitation) erkundet eine Gruppe alle Facetten eines Themas und bringt unterschiedliche Perspektiven zu Gehör. Sie wägt ab und kreiert Synthesen. In einem solchen Prozess geschieht auch etwas mit den Teilnehmern. Ihr Blick wird weiter und ihre Meinung differenzierter. Die Rahmung bringt sie zum System-zwei-Denken. Kollektive Intelligenz ist dann ein Resultat davon, dass die Beteiligten sich überwiegend im System-zwei-Denken bewegen. Das ist energieaufwendig, aber auch beglückend. Finbarr O’Brien, von Beruf LKW-Fahrer und Briefträger, ein Teilnehmer der schon erwähnten irischen „Convention on the Constitution“, äußerte zu seiner Teilnahme: „Bei der Bürgerversammlung mitzumachen gehört zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Ich fand es schade, dass ich bei der zweiten nicht wieder dabei sein durfte”.

Dazu im Management-Handbuch

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