SelbstmanagementWarum wir eine Not-To-do-Liste brauchen

Eine Reduktion auf das Wesentliche entlastet und schafft Freiräume. Doch vorher muss man sich von überflüssigen Dingen trennen und liebgewonnene Gewohnheiten loslassen. Was helfen kann, ist eine Not-To-do-Liste.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Hermann Hesses bekannte Verse aus seinem „Stufen“-Gedicht mögen zeitweise überstrapaziert werden. Aber sie bieten sich grundsätzlich als famose Ermutigung für Neubeginn und Anfänge an. Wohl auch besonders für den Jahresanfang. Erwartungsvoll mit allerlei Vorsätzen gepflastert, führt er allerdings häufig und zuverlässig in die herbe Enttäuschung. Weil die Vorsätze nicht durchgehalten werden. Getäuscht vom wuchernden Zuviel?

Die häufigsten Vorhaben zu Jahresbeginn lauten – nebst Klassikern wie mit dem Rauchen aufhören, mehr Zeit für sich, für Familie und Freunde, mehr Sport, mehr Reisen und Erleben – mehr Erfolg hier, mehr Erfolg dort, mehr von diesem und jenem. Wir wollen also mehr. Das ist angesichts des üppigen Angebots am Buffet der Wahl- und Handlungsmöglichkeiten auch kaum verwunderlich. „Die Möglichkeit ist des modernen Menschen liebste Wirklichkeit.“ So der treffende Befund des Schweizer Soziologen Peter Gross in seiner vielbeachteten Publikation „Die Multioptionsgesellschaft“.

Wählen zu können ist Segen und Fluch zugleich

Gleichzeitig brachte Gross schon 1993 das Dilemma einer Multioptionsgesellschaft auf den Punkt, die dem „Mehrgott“ auf den Leim zu gehen droht: „Die moderne Form der Verzweiflung – sich abstrampeln im Meer der Möglichkeiten.“ Einhergehend mit dem Wandel zur Schamgesellschaft: Man schämt sich, weil man eigenen und fremden Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

Das vermeintliche Glück, dass alle Türen offen stehen, entpuppt sich unversehens als Tyrannei der Wahl. So fand etwa die US-Psychologin Sheena Iyengar in einem Experiment heraus, dass Kunden, die 24 Sorten Marmelade probieren durften, deutlich weniger kauften als jene, die nur 6 testen konnten.

Auch andere Expertisen belegen: Die Wahl aus (zu) vielen Möglichkeiten hinterlässt zu oft das schale Gefühl, falsch entschieden zu haben. Zudem tritt jede Entscheidung eine Lawine an ungenutzten Möglichkeiten los. Entscheiden heißt ja: sich scheiden von allen anderen Möglichkeiten, die man nicht gewählt hat. Und was ist frustrierender als das subjektive Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen oder etwas versäumt zu haben?

Downshifting: Ist weniger mehr?

Wenn im Gegenzug von Trendforschern die „Vereinfachungssehnsucht“ zum gesellschaftlichen Megatrend erklärt wird, mag das Skepsis hervorrufen. Zumindest fristet der 1991 ins Leben gerufene internationale „Buy nothig day“, der sich jeweils am 27. November jährt, noch ein Nischendasein. Aber wer weiß, vielleicht verleiht ihm die international aktive Occupy-Bewegung mehr Publicity. Darüber hinaus bieten zahlreiche Downshifting-Publikationen und -Plattformen plausible Anregungen zum Runterschalten nach der Devise: „Weniger ist mehr.“

Downshifting hat nichts mit trivialen Tipps zum Zeitsparen oder mit genereller Verweigerung zu tun. Eher mit gezielter Entrümpelung, um der Tretmühle des Überflusses zu entkommen. Und mit neuer Sinngebung, die nach dem Wesentlichen sucht. Begleitet von der alten Sehnsucht nach etwas, das zunehmend verlorengegangen, aber sinnstiftend ist: Überblick und Handhabbarkeit. „Ohne Überblick fehlt uns der wesentlichste Baustein, um Sinn zu erfahren“, so der Netzwerk-Wissenschaftler Harald Katzmayer. Umso wichtiger ist die Herstellung sinnvoller neuer Überblicke.

Denn Unternehmen, in denen Mitarbeiter den gesamten Zusammenhang der Organisation nicht erkennen, werden strukturell erkranken. Und was krank ist, verliert. Anschluss. Vielleicht sogar das (Über-)Leben. Gleiches gilt für den privaten Kontext: Mit dem Verlust von Übersicht und Handhabbarkeit geht auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit flöten. Das kränkt und macht krank.

Nimm Abschied und gesunde!

Überblick hat auch mit Reduktion und Entrümpelung zu tun. Und mit dem Bewusstsein, dass jede Entscheidung für etwas immer auch eine gegen viele andere Dinge ist. Lassen Sie sich vom Meer des Immer-Mehr nicht (ent-)täuschen. Denn Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung. Umso mehr taucht die Frage auf: Worin habe ich mich getäuscht oder täuschen lassen?

Überlegte Antworten mögen verhindern, dass der persönliche Jahresrückblick als Trümmerfeld vermurkster (Nicht-)Entscheidungen und verpasster Gelegenheiten erscheint. Intelligentes Selbstmanagement heißt also nicht nur, klug auszuwählen, was man tut, sondern vor allem, was man dezidiert nicht (mehr) tut oder selektiv ignoriert. Dazu bietet sich ein zauberhaftes Entrümpelungswerkzeug an: die Not-To-do-Liste. Oder schlicht LLL: die Los-Lass-Liste.

Wie schrieb noch Hesse am „Stufen“-Ende: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Apropos: Was hatten Sie im vergangenen Jahr im Überfluss? Erstellen Sie Ihre ganz persönliche Liste von Dingen, Aufgaben oder Gewohnheiten, von denen Sie sich wohltuend verabschieden. Wie lauten Ihre Top 3? Nutzen Sie die Gelegenheit und setzen Sie einen zauberhaften Anfang. Ohne Zaudern. Jetzt!

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