Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Arbeitgeber haben die Pflicht, ihre Mitarbeiter vor sexueller Belästigung zu schützen. Was sie tun können und müssen, zeigt dieser Praxistipp.

Jede zweite Frau hat an ihrem Arbeitsplatz laut Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) schon sexuelle Anspielungen, aufdringliche Blicke oder Nachpfeifen erlebt. Danach ist der Prototyp eines männlichen Belästigers Führungskraft, 40 bis 60 Jahre alt und verheiratet. Das klassische Opfer sexueller Übergriffe hingegen sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die finanziell abhängig von ihrem Arbeitgeber sind. Auch ledige Einwanderinnen sind nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) besonders gefährdet. In wenigen Fällen ist die Belästigte selbst eine Führungskraft. 

Problematisch ist vor allem, dass die meisten Fälle nicht gemeldet werden; nur wenige Anklagen landen vor Gericht. Viele Frauen trauen sich schlichtweg nicht, ihren Vorgesetzten auf etwaige Belästigungen hin anzusprechen. Das liegt daran, dass diese schwer zu beweisen sind, denn sie geschehen meist unter vier Augen. Falsches Schamgefühl und der Wunsch, sich zurückzuziehen, hindert Frauen ebenfalls daran, sich zu beschweren. Belästigungen sollten aber immer öffentlich gemacht werden. Dauern die Eingriffe in die Intimsphäre an, kommt es zu weitreichenden körperlichen und psychischen Problemen:

  • Leistungsabfall
  • Angst-, Schlaf- und Essstörungen
  • Beziehungskonflikte
  • Arbeitsunfähigkeit

Bei der Hälfte aller Belästigungsfälle im Job bleibt es laut der Umfrage des BMFSFJ zwar bei Anspielungen via E-Mail oder Brief, Anstarren auf dem Gang oder dem Suchen unangenehmer körperlicher Nähe. Doch es kommt auch zu handfesten Übergriffen: Über 30 Prozent der Befragten sind „betatscht“ worden oder der Belästiger hatte versucht sie zu küssen. Vor rund einem Viertel der Frauen habe sich der Mann sogar entblößt. Solchen Situationen liegt immer ein gestörtes Kommunikationsverhältnis zwischen Chef und Mitarbeiterin oder Mitarbeiterin und Kollegen zu Grunde.

Der Arbeitgeber ist per Gesetz dazu verpflichtet, seine Angestellten vor derartigen Übergriffen zu schützen. Dazu kann er zu verschiedenen Mitteln greifen: von einer Abmahnung über eine Versetzung bis hin zur fristlosen Kündigung. Wichtig ist, dass er sich hinter die Betroffenen stellt und das Thema ernst nimmt. Eine wichtige Handhabe für Chefs besteht seit 2006 in den Vorschriften des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Danach sind Unternehmen verpflichtet, entsprechende Beschwerden zu prüfen und den Betroffenen das Ergebnis mitzuteilen.

Aber auch Angestellte, die von sexueller Belästigung betroffen sind, haben nach dem AGG nicht nur das Recht, sich bei zuständigen Stellen zu beschweren. Sie können, sollte der Arbeitgeber keine geeigneten Maßnahmen ergreifen, auch ihre Arbeit niederlegen, ohne dass ihr Gehalt einbehalten werden darf. Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Arbeitgeber darüber hinaus sogar zum Schadensersatz verpflichtet.

Checkliste

Wie Arbeitgeber bei sexueller Belästigung reagieren sollen und müssen:

  • Als Arbeitgeber sind Sie gesetzlich verpflichtet, Ihre Mitarbeiter vor Übergriffen zu schützen. Das fängt bereits bei aufdringlichen Blicken an.
  • Dulden Sie keine Form der Belästigung und gehen Sie mit gutem Beispiel voran!
  • Besprechen Sie Vorfälle mit Ihren Führungskräften, am besten, bevor es zu einer Beschwerde der Betroffenen kommt. Weisen Sie auf rechtliche Konsequenzen hin!
  • Im Falle von Beschwerden müssen Sie reagieren. Verleugnen oder Verdrängen hilft nicht.
  • Dokumentieren Sie jeden Vorfall mit Hergang, Zeitpunkt und Datum!
  • Bieten Sie der Belästigten Gespräche mit einer Vertrauensperson im Unternehmen, mit der Personalstelle oder externen Fachkräften an!
  • Befragen Sie die anderen Mitarbeiterinnen: Gab es mehrere Vorfälle mit dem  Belästiger? Wie sahen seine Verfehlungen konkret aus?
  • Nehmen Sie den Mitarbeiter je nach Schwere der Belästigung ins Gebet: Verbieten Sie nochmals jede Form der Belästigung und raten Sie ihm, betroffenen Frauen aus dem Weg zu gehen!
  • Versetzen Sie die Person an einen anderen Arbeitsplatz oder denken Sie gleich über eine Kündigung nach! Wenn Sie sexuelle Belästigung dulden, machen Sie sich angreifbar und strafbar.
  • Suchen Sie nach tiefergehenden Ursachen: Oft bereitet das Umfeld einem Belästiger den Boden, wenn etwa sexistische Witze oder Bemerkungen in der Abteilung geduldet werden.
  • Verankern Sie in Ihrem Firmenleitbild, dass jede Form von Mobbing, also auch sexuelle Belästigung, nicht erwünscht ist!
  • Implementieren Sie Mentoren und Vertrauenspersonen, an die sich Betroffene jederzeit wenden können!
  • Kommunizieren Sie auch Ihre Gesprächsbereitschaft zu diesem Thema!

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