Stärken stärkenPositives Denken falsch verstanden

Stärken und Schwächen wirken immer zusammen und sollten im jeweiligen Kontext beurteilt werden. Ein Kommentar wider die einseitige Betonung von Stärken.

„Nutze deine Stärken und arbeite nicht an deinen Defiziten!“ So oder ähnlich lauten die vernünftig klingenden Überschriften eines allerdings falsch verstandenen Positivdenkens. Wer will seine Sprachgewalt nicht noch stärker, seine Analysefähigkeit noch feiner, seine Gelassenheit noch entspannter oder seine Geselligkeit noch intensiver in den Dienst seines beruflichen und privaten Lebens stellen? Hilfe dazu gibt es immer mehr. Die Positiv-Coachs sind nämlich wieder unterwegs, und die Botschaften des Stärkedenkens beschallen in farbenfrohen Klängen und berauschenden Begriffen immer wieder die Ohren des geneigten Publikums.

Feinschliff, Brillanz, Leistungsexplosion, Authentizität, Erfolg, Sinn, und was sonst noch alles versprochen wird bis sich die Psychobalken biegen, sind die betörenden Verheißungen des Stärke fixierten Dogmas: Fördere deine Stärken und vergiss deine Schwächen! Die Rabulisten verkünden in diesem Chor eindringlich: „Aus einem Ackergaul lässt sich kein Rennpferd machen!“ Schlichtere Gemüter danken solcherlei Einsichten mit eilfertigem Nicken.

Auch Schwächen können Stärken sein

Hier kommt ein mechanistisches Menschenbild zum Tragen, das schlicht und einfach verkennt, dass Stärken und Schwächen als Ganzes und im Zusammenwirken das menschliche Dasein prägen. Sie entfalten situationsbedingt ihre Auswirkungen und können sich sogar ins jeweilige Gegenteil verkehren.

Defizite etwa im gründlichen Analysieren schwieriger Probleme mutieren zu Stärken in komplexen Situationen, in denen Handlungsdruck und Unbestimmtheit vorherrschen. Eine zur Tat drängende Verve und Entscheidungsfreude behindern kreatives Nachdenken. Ein forsches Auftreten und das taffe Durchsetzen von Interessen verringern die soziale Akzeptanz. Schüchternheit wird meist gleichgesetzt mit Durchsetzungsschwäche. Sie bedeutet aber auch die vornehme Eigenschaft der Zurückhaltung. Die kann wiederum zur Stärke in Situationen werden, die ein abwägendes und nachdenkendes Entscheiden verlangen.

Wer angesichts dieser Realität auf das Fokussieren von Stärken setzt, veralbert die Komplexität des Menschseins. Wer die Karten der Stärkenstärkung zieht, vergrößert seinen blinden Fleck. Wer das Positivdenken forciert, riskiert mangels Handlungsalternativen Frustration beim Scheitern. Wer als Coach in dieser Einseitigkeit agiert, reiht sich ein in den Gauklerchor des Psychozirkus.

Stärken und Schwächen sind keine absoluten Eigenschaften, sondern nur kontextbezogen zu beurteilen. Damit schafft man sich größere Handlungsoptionen und kann mit vermeintlichen Schwächen gelassener umgehen und sie als Stärke realistisch und anlassbezogen verorten.

Nebenwirkungen des Stärkendogmas

Zwar leuchtet es unmittelbar ein, die Aufmerksamkeit auf die individuellen Stärken zu richten, um mit geringem Aufwand maximalen Erfolg zu erzielen. Man möge eben das Eisen der Talente schmieden, solange das Feuer des Lernens noch heiß ist. Es impliziert aber auch, dass Plackerei, kleine Fortschritte oder minimale Veränderungen uncool und Energieverschwendung sind. Aus zweierlei Gründen ist das ein Trugschluss: Zum einen verkümmern persönliche Anlagen, wenn sie schlicht nicht bewusst und immer wieder praktiziert werden (können). Man denke nur daran, was mit dem Selbstbewusstsein passiert, wenn es über eine lange Zeit keine Anerkennung mehr findet. Verlerntes kann aber revitalisiert werden, wie die Psychologie lehrt.

Zum anderen führt die Sucht nach immerwährendem Glück und Erfolg oftmals dazu, sich mit Naheliegendem und Erfolgsversprechendem lieber zu beschäftigen als mit herausfordernden und möglicherweise nicht gelingenden Absichten. Fortschritt und Entwicklung finden aber immer erst am Ende der Komfortzone statt. Dann nämlich, wenn die Irreführung durch einfache Rezepte oder das stete Ignorieren von latent schlummernden Eigenschaften erkannt werden und das Durchbrechen von Gewohnheiten beginnt. Der innere Schweinehund beginnt fröhlich zu quieken und der Mensch muss all seine Eigenschaften aktivieren, um ihm nicht zu erliegen. Glaub-an-dich-Botschaften und Stärken alleine reichen da nicht aus.

Den Ressourcenkoffer packen

Erst wenn man Stärken, Schwächen und Potenziale in ihrer situationsbezogenen Gesamtheit und Vernetzung begreift, können sie als individuell abrufbare Ressourcen machtvoll zum Erreichen von ambitionierten Zielen genutzt werden. Einseitigkeit führt zur Unwucht von Lebensläufen.

Menschen in ihren Veränderungswünschen ernst zu nehmen bedeutet daher, ihnen zu helfen, ihre Talente, Schwächen und brachliegenden Potenziale herauszuarbeiten. Deren praktische Bedeutung je Situation zu beurteilen. Verhaltensabsichten mit den Werten und Motiven zu kontextualisieren. Fördernde und hemmende Umsetzungsbedingungen zu analysieren und zu beeinflussen sowie zielbezogen die Ressourcen zum Einsatz zu bringen. So können schrittweise und auf der Basis transparenter Ressourcen neue Verhaltenskompetenzen für ein gelingendes und authentisches Leben aufgebaut werden.

Die selbstbestimmte Suche nach Entwicklungswegen

Im Unterschied zu den Dogmen der „Stärkenstärker“ sensibilisiert dieser Entwicklungsansatz für die Kontextualisierung der erkannten Ressourcen. Hürden und Widerstände im Selbstbild eines Menschen werden sichtbar und Strategien zum Durchbrechen der Widerstände und Alltagsroutinen nachvollziehbar. Im Unterschied zu den mechanistischen Rezepturen einer unterm Strich ausbeutenden Selbstoptimierung liegt hier der Regieplan für die selbstbestimmte Suche und Ausgestaltung von Entwicklungswegen, die Über- wie Unterforderung ausschließen.

Vorgesetzte tragen mit ihrem Führungsverhalten maßgeblich dazu bei, dass die Ressourcen der Mitarbeiter im Dreiklang ihrer Stärken, Schwächen und Reserven situationsgerecht zur Entfaltung kommen. Wer nur auf die Stärken abhebt, schwächt die Leistungskraft und Potenzialentfaltung.

Dazu im Management-Handbuch

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