StressMedikamente sind keine Lösung

Oft sehen Manager keinen anderen Ausweg: Sie nehmen Aufputschmittel, um dauerhaft Leistungen zu erbringen und den hohen Anforderungen gerecht zu werden. Mit schlimmen Folgen: Abhängigkeit, Nebenwirkungen und gesundheitliche Risiken. Doch Unternehmen können ihr Gesundheitsmanagement gezielt auf die Bekämpfung von Stress ausrichten.

Eine DAK-Studie ergab: Die Hälfte aller Arbeitnehmer leidet unter großem Stress. Ursachen sind unter anderem:

  • Angst um den Arbeitsplatz,
  • starker Konkurrenzdruck unter den Kollegen,
  • Überforderung und
  • mangelnde Anerkennung.

Der Stress wirkt sich so aus, dass jeder Siebte an Herzrasen, rund ein Drittel an Konzentrationsstörungen, Unruhe und depressiven Verstimmungen leidet. Mehr als die Hälfte kann selbst nachts nicht abschalten und wälzt sich schlaflos im Bett. Der Übergang zu psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depression ist fließend. Der Anteil psychischer Erkrankungen am gesamten Krankenstand stieg zwischen 1998 und 2008 um gut 60 Prozent von 6,6 auf 10,6 Prozent.

Hier finden Mitarbeiter eine zu bearbeitende Checkliste, mit Anregungen, Vorschlägen und Ideen, wie sie Stress besser bewältigen können.

Gefährlicher Trend: Doping im Job

Da ist es nicht verwunderlich, dass so mancher Arbeitnehmer zu Medikamenten greift, um Müdigkeit zu unterdrücken und die Konzentration zu steigern. Martin Kordt, Gesundheitsökonom bei der DAK, sagt:

„Unsere Hochrechnung auf Basis einer repräsentativen DAK-Befragung zeigt: Mehr als zwei Millionen Deutsche helfen bereits mit Medikamenten im Job nach.“

Sogenannte „Neuro Enhancer“ sollen helfen, mit dem Belastungen am Arbeitsplatz fertig zu werden.

Neuro Enhancer

Neuro Enhancer sind Arzneimittel, die ursprünglich für die Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer oder Depression zugelassen worden sind. Bei Gesunden soll das Medikament die Denk- und Konzentrationsfähigkeit steigern. Die Forschung zu den Neuro Enhancer steckt aber noch in den Kinderschuhen. Momentan beginnen Wissenschaftler damit, die Wirkung der Medikamente jenseits der Krankheiten, für die sie ursprünglich entwickelt wurden, zu ergründen – den sogenannten „Off-Label-Use“. So wird an der Universität Münster der Effekt eines Parkinsonmittels auf die Gedächtnisleistung gesunder Menschen untersucht.

Bedenklich dabei ist, dass zwei von zehn Befragten meinen, die Risiken dieser Arzneimittel seien im Vergleich zum Nutzen vertretbar. In den USA hat das Phänomen „Doping fürs Gehirn“ schon ganz andere Dimensionen erreicht: Rund jeder zehnte Studierende erhofft sich dadurch bessere Leistungen und bedient sich regelmäßig aus der Pillendose. Eine Umfrage des Fachjournals „Nature“ belegt sogar, dass jeder fünfte US-Forscher auf die chemische Hilfe zurückgreift.

Medikamente im Job scheinen für viele eine bessere Alternative darzustellen, weil Begleiterscheinungen anderer Aufputschmittel wie motorische Störungen, Lallen oder die verräterische Alkoholfahne ausbleiben. Das Problem: Neuro Enhancer haben starke Nebenwirkungen bis hin zu Herzrhythmusstörungen. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen sind längst nicht ausreichend erforscht. Auch das Suchtpotenzial ist nicht zu unterschätzen: Mittel gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zum Beispiel können bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch psychisch abhängig machen.

Für jedes Problem eine Tablette

Neben den Leistungsanforderungen der Arbeitswelt sehen Experten in der Medikalisierung der Gesellschaft einen weiteren Auslöser für Doping im Job. Immer mehr Menschen würden sich im Alltag auf die Wirkung von Arzneimitteln verlassen. Nach dem Motto „für jedes Problem gibt es eine Pille“ nehmen sie Abnehmkapseln für die Traumfigur, Viagra für die Potenz und Psychopharmaka fürs Gehirn. Dabei besteht die Gefahr, dass die Betroffenen die Warnsignale ihres Körpers nicht mehr wahrnehmen und sich immer weiter verausgaben, bis sie krank und im schlimmsten Fall auch noch abhängig werden.

Medikamentensüchtige fallen zunächst gar nicht auf, denn wer Medikamente braucht, um seinen Anforderungen perfekt gewachsen zu sein, leidet meist im Verborgenen. Kollegen oder Vorgesetzte werden häufig erst dann aufmerksam, wenn schon ein ernsthaftes Abhängigkeitsproblem besteht.

Hinweis

Wenn Sie mehr über Sucht am Arbeitsplatz erfahren möchten, lesen Sie dazu

Suchthilfe: Der richtige Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz

Männer wollen leistungsfähiger sein, Frauen sich entspannen

Vor allem das männliche Geschlecht setzt auf die künstliche Leistungssteigerung: Ein knappes Drittel der Männer, die die betreffenden Wirkstoffe einnehmen, tut dies gezielt zur Verbesserung der beruflichen Leistung.

Frauen benutzen Medikamente eher, um sich zu entspannen oder ihre Stimmung aufzuhellen, auch wenn sie nicht unter einer klinischen Depression leiden. Antidepressiva oder Beruhigungsmittel aus der Wirkstoffklasse Benzodiazepine zum Beispiel werden ihnen bis zu dreimal so häufig verordnet wie ihren männlichen Kollegen. Diese Form des Job-Dopings ist keineswegs harmloser: Benzodiazepine können bei längerfristigem Gebrauch abhängig machen.

Manager in der Sandwich-Position sind gestresster

Obwohl Top-Manager große Verantwortung haben und oft über das Schicksal tausender Mitarbeiter entscheiden, leiden sie seltener unter ungesundem Stress als ihre Mitarbeiter. Frank Meiners, Diplom-Psychologe, erklärt dieses Phänomen so:

„Stress entsteht durch unlösbare Aufgaben, das heißt immer dann, wenn Ressourcen und Strategien zur Bewältigung eines Problems fehlen – unabhängig von der Größe der Aufgabe. Zum Beispiel gerät ein Abteilungsleiter in eine Zwickmühle, wenn sein Chef Wachstum fordert, ohne nötiges Budget für die Abteilung bereitzustellen. Zum Druck von oben kommt dann die Unzufriedenheit der Mitarbeiter – die klassische Sandwichposition.“

Deshalb fühlen sich laut SHAPE-Studie Führungskräfte aus dem mittleren Management bei gleicher Arbeitsbelastung im Vergleich zu Vertretern des oberen Managements gestresster. Doch nicht allein der äußere Druck ist entscheidend, auch der innere führt zu Stress, wenn Manager übertriebene Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit haben.

Nachhaltiges Stressmanagement in Unternehmen

Zu jedem guten Gesundheitsmanagement im Unternehmen gehören auch die Prävention und Bekämpfung psychischer Krankheiten. Da Stress ein häufiger Auslöser dafür ist, gilt es im Zuge des Stressmanagements etwas dagegen zu tun. Stress am Arbeitsplatz kann nicht völlig vermieden werden, aber Mitarbeiter können Techniken erlernen, mit denen sie Probleme aktiv angehen und den Griff zu Suchtmitteln vermeiden.

Einige Manager können sich nicht selbst von Stress befreien.

Um den Stress in den Griff zu bekommen, benötigen manche Manager fremde Hilfe, zum Beispiel in Form von Coaching. Dieser Schritt fällt aber vielen schwer, da sie sich als Einzelkämpfer sehen und ungern Schwächen eingestehen. Ein professionelles Coaching hilft, Ursachen für den Stress herauszufinden und über die eigene Situation nachzudenken. Diese Zeit sollten sich suchtgefährdete Führungskräfte nehmen – auch und gerade in stressigen Phasen.

Ein weiterer wichtiger Schritt: Aufgaben delegieren und Prioritäten setzen, um die eigene Arbeitsbelastung zu senken. Nur so bleibt irgendwann wieder Zeit für ein Privatleben, das hilft, den Stress im Job auszugleichen. Und dies wünschen sich auch über 60 Prozent der Manager. Sie gaben in der SHAPE-Studie an, dass sie gerne mehr Zeit für ihren Partner oder ihre Partnerin hätten.

Flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Angebote für die Betreuung von Kindern und ein offenes Arbeitsklima könnten ein positives Gegengewicht zu den Anforderungen bilden. Außerdem sollte jeder Einzelne für genügend Ausgleich sorgen. Denn die Balance zwischen Beruf und Freizeit (Work-Life-Balance) entscheidet darüber, ob eine Belastung zur Krankheit wird.

Tipps für gestresste Mitarbeiter

Gesundheitsexperten raten Arbeitnehmern, sich aktiv für ihre innere Ausgeglichenheit einzusetzen, denn dies fängt Belastungen am Arbeitsplatz wesentlich besser auf. Das Treiben von Sport beispielsweise ist das ideale Mittel für mehr Ausgeglichenheit. Vorteilhaft sind Angebote direkt am Unternehmensstandort oder in der näheren Umgebung. „Powersportarten“ wie Fitnesskurse oder Fußball, oder aber Entspannungstechniken wie Yoga, Pilates und mobile Massagen haben sich als Stresskiller bewährt.

Der menschliche Körper hat eine Art Frühwarnsystem – wird die Belastung zu hoch, läuten alle Alarmglocken. Wer sich durch Arzneimittel einen Schalldämpfer einbaut, riskiert seine Gesundheit. Genauer hinhören heißt hier die Devise: Wenn Sie mehr als zweimal in der Woche Schmerzen am Rücken, in Kopf oder Magen empfinden, sollten Sie Ihren Stresspegel drastisch reduzieren! Natürlich muss der Arzt auch mögliche körperliche Ursachen abklären.

In der Freizeit Freunde treffen und Hobbys nachgehen kann ein guter Ausgleich sein. Ob Sie sich für einen Opernabend in Schale werfen, einen Aquarellkurs an der Volkshochschule belegen oder einfach mal bei Kerzenschein in der Wanne entspannen – Hauptsache, Sie tun es!

Schaffen Sie Ordnung und entrümpeln Sie: Dokumente sortieren und ablegen, To-do-Listen für den Tag schreiben. Das verschafft Überblick, und das Abhaken macht sogar Spaß. Auch der Kopf braucht Platz für neue Ideen. Wenn Sie sich gedanklich im Kreis drehen: Machen Sie eine kurze Pause, stehen Sie auf, atmen Sie durch – und denken Sie an etwas Schönes.

Bei Stress ist es manchmal wie im Museum – steht man zu dicht vor einem Bild, erkennt man nur lauter winzige Punkte. Entfernt man sich aber ein paar Schritte, ergibt sich ein wunderschönes Gemälde. Das Gleiche gilt für Situationen, in denen Sie vor lauter Anspannung nicht mehr wissen, wo Sie zuerst zupacken sollen: Treten Sie buchstäblich ein paar Schritte zurück, zum Beispiel, um sich ein Glas Wasser zu holen. Der Effekt: Bei Ihrer Rückkehr betrachten Sie die Situation, in der Sie gerade noch steckten, plötzlich von außen. Schon haben Sie den Überblick zurückgewonnen und können gezielt ans Werk gehen.

Setzen Sie sich realistische Ziele: Mehr Sport treiben, gesünder essen – Wir kennen alle die guten Vorsätze, mit denen wir unser Leben besser gestalten wollen. Aber wir kennen auch ihn: den inneren Schweinehund. Wer gegen ihn verliert, ist meist noch gestresster als zuvor. Am besten hilft hier die Schritt-für-Schritt-Methode. Nicht gleich den nächsten Marathon planen, sondern lieber erst einmal die Runde um den Block angehen. Denn: Beim Laufen werden Glückshormone ausgeschüttet – aber nur dann, wenn es Spaß macht und nicht überfordert! Das Gleiche gilt für das leidige Thema Abnehmen: Am besten hält man durch, wenn man seine Traummarke in Etappen angeht.

Kritik hört vermutlich niemand gern. Im Job gehört sie aber nun einmal dazu, um das Beste für alle Beteiligten zu erreichen. Prüfen Sie, wie Sie in solchen Situationen reagieren: Gehen Sie hoch wie ein HB-Männchen, wenn Sie jemand kritisiert? Dann nehmen Sie sich vor, erst einmal langsam bis zehn zu zählen, bevor Sie antworten. Oder fressen Sie Ärger in sich hinein? Dann üben Sie mit guten Freunden, wie man Kritik konstruktiv äußert – und wenden Sie das später im Job auch an.

Suchen Sie sich Mitstreiter. Zusammen ist man weniger allein – auch mit seinen guten Vorsätzen. Gleichgesinnte trifft man in Fitnessstudios und Sportvereinen, in Ernährungskursen und Raucher-Entwöhnungsprogrammen. Oder Sie spannen gleich Ihre Kollegen mit ein. Denn wer nach der Arbeit gar nicht erst nach Hause geht, hat beste Chancen, „dranzubleiben“. Auch mit Problemen sollte niemand allein bleiben. Wenn Sie im Job einmal nicht weiterwissen, suchen Sie Rat bei einem erfahrenen Mitarbeiter. Er kann Ihnen sicher ein paar Tipps geben, wie Sie die Situation schnell wieder in den Griff bekommen.

Haben Sie das Gefühl, für Ihren Job gerade alles zu geben – Ideen, Ehrgeiz und vor allem Ihre Zeit – und trotzdem auf der Stelle zu treten? Dann verändern Sie Ihren Blickwinkel. Ist das Projekt, an dem Sie gerade arbeiten, tatsächlich so entscheidend, wie es Ihnen vorkommt? Welchen Stellenwert hat es, verglichen mit anderen wichtigen Dingen in Ihrem Leben? Wer seine Perspektive ändert und den berühmten Blick über den Tellerrand wagt, erkennt meist, was wirklich wichtig ist. Anschließend lassen sich dann alle Kräfte gezielt dafür einsetzen.

Hier finden Mitarbeiter eine zu bearbeitende Checkliste, mit Anregungen, Vorschlägen und Ideen, wie sie Stress besser bewältigen können.

[po; Quelle: DAK Gesundheitsreport 2009; Bild: ©Sven Weber - Fotolia.com]

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