StressWenn die Arbeit zur Qual wird

Das Telefon klingelt, E-Mails und Geschäftsbriefe müssen dringend beantwortet werden, das nächste Meeting hat bereits angefangen und der neue Kunde wartet ungeduldig auf das erste Konzept. Arbeitnehmer, insbesondere Führungskräfte, sind heute einem großen Druck ausgesetzt. Viele fühlen sich den täglichen Arbeitsbelastungen nicht gewachsen. Stress macht ihnen den täglichen Gang zur Arbeit zur Qual.

Was vor einem halben Jahrhundert noch nicht einmal als Begriff galt, ist heute Alltagsphänomen: Stress. Und wir alle haben ihn schon erlebt: Vor einer wichtigen Präsentation bekommen wir feuchte Hände, unser Herz schlägt schneller und wir verspüren Anspannung. Die Leistungsfähigkeit unseres Körpers wird durch die vermehrte Produktion von Adrenalin kurzzeitig erhöht. Ist die Situation vorüber, tritt Entspannung ein und die Anzeichen verschwinden. Sind wir jedoch mit einer oder mehreren Aufgaben überfordert, bleibt die Entspannung aus, der Stresspegel aber erhalten. Nicht ohne Folgen: Überbelastung und Dauerstress machen Körper und Seele krank.

Stress macht krank

In deutschen Unternehmen entstehen jährlich Kosten von rund 44 Milliarden Euro durch krankheitsbedingte Fehlzeiten - mit steigender Tendenz. Muskel- und Skeletterkrankungen stehen ganz oben auf der Liste. Typische Folgen von Stress. Doch nicht nur der Körper macht irgendwann schlapp, auch die Seele leidet: Betroffene klagen über Depressionen, Ängste, Erschöpfung. Vorboten des bekannten Burnout-Syndroms.

„Viele Mitarbeiter gingen abends mit Magenschmerzen nach Hause und kamen morgens mit Magenschmerzen wieder,“ der Management-Trainer Jörg Gantert erinnert sich noch gut an seinen Job in der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Die täglichen Belastungen und auch die Ängste, denen Arbeitnehmer ausgesetzt sind, hat er hautnah miterlebt. Keine Seltenheit bestätigt die Studie Zeitmanagement und Worklife-Balance internationaler Top-Manager der Kienbaum Management Consulting GmbH. Mehr als die Hälfte der 330 befragten Führungskräfte aus zehn Ländern klagten regelmäßig über Befindlichkeitsstörungen wie Rücken- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen und Herzstolpern.

Als besonders stressanfällig gelten ehrgeizige, erfolgsorientierte Menschen, die sich stark engagieren, häufig unruhig und ungeduldig sind. Der Volksmund nennt sie Herzinfarkt-Kandidaten. Entscheidend für die Gesundheit ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je schlechter es jemandem gelingt, seine Arbeit zu bewältigen und je fremdbestimmter er sich fühlt, desto höher das Herzinfarktrisiko.

Was ist Stress?

Stress ist ein Zustand der Alarmbereitschaft unseres Körpers, der sich so auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt. Der Begriff wurde 1936 von dem Mediziner Hans Selye geprägt. Es wird zwischen Eustress als einer notwendigen und positiv erlebten Aktivierung des Organismus und Distress als belastend und schädlichen Reaktion auf ein Übermaß an Anforderungen unterschieden. Unser heutiges Stress-Vertändnis wird vom letzteren geprägt.

Mörderische Arbeitswelt

Werner Niefer, Topmanager und früherer Vorstandvorsitzender der Mercedes Benz AG prägte den Satz: „Am Schaffen ist noch keiner gestorben. Dass sie einen aus der Fabrik tragen, weil er zuviel gearbeitet hat, das habe ich noch nicht erlebt.“ Ein Blick nach Japan beweist uns aber das Gegenteil: Manche japanische Angestellte arbeiten nicht, um zu leben, sie sterben daran. „Karoshi“ nennt sich dieses Phänomen und meint „Tod durch Überarbeitung“. Rund 700 Fälle werden dem japanischen Gesundheitsministerium jedes Jahr gemeldet, bei denen Japaner aufgrund beruflicher Arbeitsbelastung tot zusammenbrechen oder ihrem Leben ein Ende setzen. Schutzvereinigungen rechnen mit einer Dunkelziffer von 10 000 Opfern. Seit 2001 können Arbeitgeber, die ihren Angestellten in den „Karoshi“ getrieben haben, sogar haftungspflichtig gemacht werden. Ein trauriges Extrem. Das Pflichtbewusstsein verdrängt das innere Warnsystem. „Viele Manager müssen erst lernen, auf die Warnsignale des eigenen Körpers zu hören“, meint Anke Hunziger von Kienbaum.

Ein deutscher Durchschnittmanager...

  • arbeitet in der Woche 54 Stunden
  • hat einen Arbeitstag von zehn Stunden
  • widmet die meiste Zeit seiner Arbeit Führungsaufgaben und Meetings, gefolgt von Telefonaten und Korrespondenz via E-Mail
  • verbringt seine Freizeit bevorzugt mit Partner/in und Familie
  • achtet weniger auf seine Gesundheitsvorsorge als seine internationalen Kollegen

Nur jeder Dritte macht Pause

Während seiner Arbeitszeit gönnt sich nur jeder Dritte der von Kienbaum befragten Manager eine Pause. Und das, obwohl es gerade für Entscheidungsträger wichtig ist, voll konzentriert zu arbeiten. Untersuchungen haben belegt, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bereits nach 45 Minuten erheblicher Konzentration deutlich absinkt. „In der heutigen Zeit wird es immer schwieriger, sich neben beruflichen und privaten Verpflichtungen zu entspannen und wenigstens für einen kleinen Moment den Sorgen und dem Stress des Alltags zu entfliehen,“ so Gantert. Der Durchschnittsmanager kann laut Kienbaum nicht mehr als zwei Stunden wöchentlich für Freizeitaktivitäten erübrigen, drei Viertel nehmen sich die Arbeit mit ins Wochenende. Gantert rät davon ab: „Körper und Geist brauchen dringend Entspannung und Befreiung, um den ständigen beruflichen Herausforderungen gelassen und konzentriert entgegentreten zu können.“

Wege aus der Krise

Wer sich in einer Endlosspirale von Überbelastung und Erschöpfung gefangen fühlt, sollte sich Wege aus der Krise suchen. „Die Beschäftigung mit sich selbst ist die einzige Möglichkeit, die innere Balance wiederzufinden", erklärt Gantert. An ihn wenden sich vor allem Führungskräfte und Spitzensportler und nutzen sein Life Management Training. Das individuell abgestimmte Programm vermittelt Strategien für Stress- und Zeitmanagement, Persönlichkeits- und Motivationstraining, die durch Übungen aus der fernöstlichen Bewegungslehre Dantian Gong ergänzt werden. Ziel ist, den Hilfesuchenden die Möglichkeit zu geben, durch den Einsatz geistiger und körperlicher Kräfte, sich selbst und sein Leben so zu führen und zu steuern, dass sowohl persönlicher Erfolg als auch ein hohes Maß an Zufriedenheit erreicht werden kann.

Wie effektiv die Übungen aus der Zen-Gymnastik oder dem Qi-Gong sind, weiß der ehemalige Karateweltmeister aus eigener Erfahrung. Bereits mit zehn Jahren hat er sie von seinem persischen Lehrmeister gelernt und sich so u.a. auf seine Wettkämpfe vorbereitet. Schon während seines BWL-Studiums begann der heute 33jährige diese Entspannungstechniken in Unternehmensseminaren zu vermitteln. Der Trainingseffekt stellt sich meist unmittelbar ein: „Die Betroffenen beruhigen sich sofort, wenn sie die Übungen ausprobieren – ob sie wollen oder nicht“, erzählt Gantert. „Beruflich hilft Ihnen das Training, besser mit den täglichen Anforderungen und Veränderungen umzugehen“ berichtet er weiter, „auf der persönlichen Ebene profitieren sie von der neuen Ausgeglichenheit und dem gestärkten Selbstbewusstsein.“

Wie entsteht Stress?

Stress kann durch unterschiedliche körperliche und seelische Reize - sogenannte Stressoren - ausgelöst werden: Lärm, Verletzungen, soziale Probleme, Überforderung im Beruf usw. Bei einer Stressreaktion setzt der Körper Prozesse in Gang, die vom Gehirn ausgehen. Durch Hormonausschüttung passt sich der Körper an die stressauslösende Situation an. Der Blutzuckerspiegel wird erhöht, Atmung, Herzschlag und Blutdruck steigen, Muskeln werden angespannt. Diese Reaktionen ermöglichen, Leistungen zu erbringen, die in Notsituationen extrem sein können. Treten sie selten auf und sind nur von kurzer Dauer, haben sie keine negativen Folgen.

Arbeitgeber haben Vorbildfunktion

Wer wie die Kunden Ganterts einen Weg gefunden hat, seine Energiereserven regelmäßig aufzuladen und gelernt hat mit Stress umzugehen, der arbeitet produktiver. Davon profitieren auch die Arbeitgeber. Doch die lassen ihre Angestellten noch zu oft allein, meint Hunziger: „Unternehmen werden den bestehenden Konflikt zwischen Arbeit und Freizeit künftig nicht ausblenden können.“ Als Vorgesetzte tragen sie Mitverantwortung für die Work-Life-Balance ihres Personals. Sie sind die treibenden Kräfte dafür, dass sich Beruf und Privatleben in der Unternehmenskultur nicht gegenseitig ausschließen. Gleichzeitig mahnt Hunziger Unternehmensführungen, ihre Vorbildfunktion gegenüber ihren Mitarbeitern ernst zu nehmen: „ Ein Vorstand, der jedes Wochenende durcharbeitet, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein gestresstes Management. Pausen, Arbeitsende, Sport und andere Freizeitaktivitäten müssen genauso geplant werden wie berufliche Termine.“

[bg]

Die Studie Zeitmanagement und Worklife-Balance internationaler Top-Manager stammt aus dem Hause Kienbaum Management Consulting GmbH

Literaturtipps

Phänomen Stress von Frederic Vester, Dtv (1998)

Hilfen bei Streß und Belastung. Was wir für unsere Gesundheit tun können von Reinhard Tausch, Rowohlt (2000)

Gesundheitscheck für Führungskräfte von Gunter Frank, Campus (2001)

Chefsache Privatleben. Mit Managementmethoden zur persönlichen Balance von Johanna Joppe, Christian Ganowski & Franz-Josef Ganowski, Campus (2001)

Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit von Jon Kabat-Zinn, Arbor (1999)

Was kann ich tun? von Osho, Goldmann (2002)

Harvard Business Review on the Work and Life Balance von H. B. School Press (2000)

Allgemeine Links zum Thema Stress

www.lifeline.de

www.meine-gesundheit.de

www.medizininfo.de

www.zeit-zu-leben.de

Dazu im Management-Handbuch

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