SuchthilfeDer richtige Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz

Suchtkrankheiten machen auch vor Werkstoren keinen Halt. Kollegen und Vorgesetzte sind ratlos und fragen sich: Wie erkenne ich eine Person mit einem Suchtproblem? Welche Möglichkeiten zur Hilfe gibt es? Hier finden sie Antworten dazu, wie sie Suchtgefährdete erkennen, mit Betroffenen richtig umgehen und Hilfe leisten können.

Das Institut für Therapieforschung in München geht aufgrund einer qualifizierten Schätzung davon aus, dass es in Deutschland zurzeit etwa 1,7 Millionen Alkoholkranke gibt. Viele davon sind erwerbstätig und schaffen es auch am Arbeitsplatz nicht, ihren Alkoholkonsum zu unterlassen oder einzuschränken.

Es gibt noch viele andere Suchtmittel, die täglich von Arbeitnehmern eingenommen werden. Medikamente und Nikotin sind neben Alkohol die am weitesten verbreiteten. Die Folge für das Unternehmen: Es entstehen Kosten, zum Beispiel durch:

  • Erhöhung der Arbeitsunfälle,
  • vermehrte Produktionsausfälle und Qualitätsmängel durch Verminderung des Denk- und Leistungsvermögens sowie der Konzentrationsfähigkeit,
  • Veränderung des Betriebsklimas und damit Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeiter sowie
  • Beeinträchtigung der Leistungssituation in Arbeitsgruppen und Teams.

Sucht

Der Begriff Sucht bezeichnet im Ursprung bis ins 16. Jahrhundert generell jede körperliche Erkrankung (gotisch siukan = krank sein). Im 19. Jahrhundert wurde „Sucht“ in Verbindung gebracht mit einer krankhaften Verformung von Vernunft und Willen; aus dem Laster „Trunksucht“ wurde eine Krankheit. Am Modell der Trunksucht entwickelte die Medizin ihr Krankheitskonzept der Sucht, das heute auf alle Arten der Abhängigkeit von Substanzen angewandt wird.

Rainer Rehwald u.a.: Betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe, 2008

Hier finden Sie eine zu bearbeitende Checkliste, mit Anleitungen, wie man Sucht im Unternehmen erkennt und welche Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Suchtmittel, wie Alkohol, Zigaretten aber auch Medikamente sind für Erwachsene frei zugänglich und werden konsumiert. Ab wann ein Konsum zur Sucht und damit gefährlich wird, ist nicht immer eindeutig zu erkennen und auch die Betroffenen merken oft erst spät, dass sie abhängig geworden sind. Gerade bei überlebenswichtigen Stoffen, wie Nahrung, fällt eine Abhängigkeit (Fettsucht) zunächst nicht auf. Die Entwicklung der Sucht ist zudem schleichend und entsteht nicht über Nacht.

Verschiedene Suchtarten können in Unternehmen auftreten

Es gibt stoffgebundene und nichtstoffgebundene Suchtformen. Zu den Stoffgebundenen zählen unter anderem:

  • Alkoholsucht,
  • Nikotinsucht,
  • Medikamentensucht und
  • Drogensucht.

Bei nichtstoffgebundenen Suchtformen besteht eine psychische Abhängigkeit zu einer Verhaltensweise, zum Beispiel Kaufen, Spielen und Arbeiten (Workaholic). Beide Suchtformen, stoffgebunden und nichtstoffgebunden, erfüllen die gleichen Kriterien der Abhängigkeit.

In Unternehmen kann prinzipiell jede Form von Suchmittel vorkommen. Der Konsum von Alkohol und Nikotin tritt natürlich häufiger auf als beispielsweise Schnüffelstoffe oder Anabolika. Doch egal, welche Gestalt die Sucht annimmt, sie ist schädigend und gefährlich.

Bestimmte Arbeitsbedingungen verursachen oder verstärken die Suchterkrankung

Wenn Mitarbeiter eine Sucht entwickeln aufgrund privater Probleme, sind Unternehmen meistens machtlos, präventiv eine Entstehung zu verhindern. Anders sieht es jedoch aus, wenn Arbeitsbedingungen herrschen, die suchtfördernd sind. Diese sollten so gut wie möglich beseitigt werden, weil sie die Suchterkrankung mit verursachen oder verstärken.

Der Stress und die psychische Belastung in der Arbeitswelt haben zugenommen. Gestresste Arbeitnehmer greifen gerne zu suchtfördernden Stoffen wie Nikotin, Alkohol oder Tabletten, um eine stimulierende, entspannte oder schmerzlindernde Wirkung zu erreichen, wenn auch nur kurzfristig. Gerade Menschen, die eine große Verantwortung tragen, zum Beispiel Führungskräfte sind gefährdet, wenn Überforderung und Statusunsicherheit zusammentreffen. Auch die Stress verstärkende Sandwich-Position auf der Ebene des mittleren Managements stellt eine Suchtgefahr dar.

Weitere Stress fördernde Faktoren sind:

  • Ungünstige Arbeitszeiten;
  • Konflikte, Ärger mit Kollegen oder Vorgesetzten;
  • Unterforderung;
  • Fehlende Wertschätzung;
  • Zeitdruck sowie
  • Arbeitsplatzunsicherheit.

Einige Arbeitnehmer kennen keine andere Form der Stressbewältigung als eine Flucht in die Sucht.

Der Arbeitgeber kann dafür sorgen, dass die Arbeit nicht von Stress verursachenden Faktoren beeinflusst wird. Diese sind nach einer Studie vom Internationalen Institut für Sozialökonomie, dem Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt und TNS Infratest Sozialforschung unter anderem folgende:

  • Festes, verlässliches Einkommen;
  • Sicherheit des Arbeitsplatzes;
  • Unbefristetes Arbeitsverhältnis;
  • Einfluss des Mitarbeiters auf die Arbeitsweise;
  • Möglichkeit zur Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten.

Wie erkennen Kollegen oder Vorgesetzte einen Suchtkranken?

Je früher eine Sucht erkannt wird, desto eher kann sie behandelt werden. Aber wie zeigt sich eine Suchterkrankung am Arbeitsplatz?

Es ist nicht einheitlich zu beschreiben, wie Kollegen oder Vorgesetzte einen Suchtkranken erkennen können. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Suchtformen. So verhält sich eine Person mit Kaufsucht anders als eine mit Magersucht.

Suchtbegleitende Erscheinungen haben jedoch eines gemeinsam: Die süchtige Person verhält sich auffällig. Das ist meistens ein Verhalten, das ins Extreme geht. Also eine Person ist beispielsweise extrem ruhig oder extrem aufgedreht. Um Auffälligkeiten zu bemerken, sollten diese persönliche Fähigkeiten vorhanden sein:

  • gute Beobachtungsgabe,
  • Interesse an Kollegen beziehungsweise Mitarbeitern oder Angestellten,
  • Feinfühligkeit und Sensibilität,
  • Einfühlungsvermögen und
  • Kenntnisse über Suchtverhalten.

Fiktives Beispiel: Erkennung eines alkoholsüchtigen Arbeitnehmers

Jahrelang konnte die Chefsekretärin Bettina M. ihren Alkoholkonsum während der Arbeit verschleiern. Doch seitdem sie eine neue Kollegin bekommen hat, sind alle etwas misstrauisch geworden. Die neue Kollegin bemerkt ein seltsames Verhalten an Bettina und bespricht dies mit ihrem Chef:

"Sie hält Termine oft nicht ein, und wenn sie es zu einer Besprechung schafft, wirkt sie unkonzentriert und nervös. Wenn ich sie frage, was mit ihr los ist, fasst sie das gleich als Kritik auf und reagiert aggressiv. Wenn sie Fehler macht – und das kommt immer häufiger vor – leugnet sie diese und schiebt die Schuld auf andere und behauptet die ganze Welt sei gegen sie. Dabei will ich ihr nur helfen, denn so ist eine Zusammenarbeit einfach nicht mehr möglich. Letzte Woche habe ich bemerkt, dass es in ihrem Büro nach Alkohol roch, vielleicht ist das ihr Problem?"

Auch der Chef hat schon bemerkt, dass sich seine Sekretärin häufig krankmeldet und während der Arbeitszeit oft nicht an ihrem Arbeitsplatz sitzt. Aber mit Alkohol hatte er dieses Verhalten noch nicht in Verbindung gebracht. Nun will er sich jedoch intensiv damit auseinandersetzen.

Das betriebliche Suchtpräventionsprogramm als Gesamtkonzept

Unternehmen stehen in der Verantwortung, vorbeugend etwas gegen die Sucht am Arbeitsplatz zu unternehmen. Ein Suchtpräventionsprogramm bietet dazu die optimale Möglichkeit, weil es den organisatorischen Rahmen bietet, um Maßnahmen der Suchthilfe und der Suchtprävention in ein betriebliches Gesundheitsmanagement einzubetten. Die Maßnahmen werden zudem mit dem Arbeitsschutz und der Gesundheitsförderung verknüpft und eine Schnittstelle zu Personal- und Organisationsentwicklung wird geschaffen.

Zu einer Suchtprävention gehören Primär-, Sekundär, und Tertiärprävention (Krankheitsvorbeugung, Früherkennung und Nachsorge.) Zur Primärprävention gehören beispielsweise:

  • Informations- und Aufklärungsveranstaltungen,
  • Veränderung der Konsumkultur im Betrieb (zum Beispiel kein Verkauf von Suchtmitteln),
  • Abbau physischer und psychischer Belastungen am Arbeitsplatz.

Das Ziel der Primärprävention ist es, Auffälligkeiten so früh wie möglich anzusprechen. Wenn ein Beschäftigter während der Arbeit unter Einfluss von Suchtmitteln steht, ist es höchste Zeit für eine Ansprache. Wichtig ist:

  • Eine direkte Ansprache: nicht verschweigen oder verdecken;
  • Mögliche Maßnahmen besprechen: Ziele, Fahrplan und Regeln festlegen;
  • Konsequenz bis ins Detail: auf die Einhaltung von Regeln genau achten;
  • Formal sein: mit Konsequenzen drohen wie Abmahnung und Kündigung.

Wenn der Suchtkranke bereit ist, eine Therapie zu machen, ist das der erste Schritt in die richtige Richtung. Weigert er sich jedoch, bleibt auf lange Frist dem Arbeitgeber oft keine andere Möglichkeit als die Kündigung.

Ob der Mitarbeiter für eine Behandlung der Suchtkrankheit seine Tätigkeit unterbrechen muss oder weiterarbeiten kann, hängt von der Therapieform ab. Während einer Raucherentwöhnung kann meistens weitergearbeitet werden, wohingegen zum Beispiel die Behandlung einer Alkoholkrankheit oft mit einem Arbeitsausfall einhergeht.

Wenn die betroffene Person, nach erfolgreicher Beendigung einer Therapie, wieder zum Unternehmen zurückkommt, sind zwei Dinge zur Wiedereingliederung zu beachten:

  1. Unterstützung des Betroffenen.
  2. Unterstützung des kollegialen Arbeitsumfeldes.

Beratung und Unterstützung stehen auch beim Pharmakonzern Novartis an erster Stelle. Hanspeter Küng, Leiter der Beratungsstelle sagte gegenüber HR Today:

"Das oberste Ziel muss immer die Reintegration der Betroffenen in den Arbeitsprozess sein." [Quelle: http://www.hrtoday.ch/...]

Kleinere Betriebe, die nicht die Möglichkeit haben ausreichend für Suchtprävention zu sorgen, können sich an öffentliche Beratungsstellen wenden, wie zum Beispiel die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.. Eine andere Möglichkeit ist eine Kooperation mit anderen Betrieben.

Praxisbeispiele: Betriebliche Suchthilfe

Bei den deutschen Ford-Werken in Saarlouis sind werksinterne Selbsthilfegruppen eingerichtet worden. Sie kümmern sich im Ernstfall nicht nur um die Betroffenen. Auch die Angehörigen werden zur Stabilisierung des sozialen Umfeldes einbezogen.

Bei der Sachs AG in Schweinfurt, einem Zulieferer für die Automobilindustrie, begegnete man dem betrieblichen Alkoholproblem in zwei Stufen. Einer breit angelegten offenen Diskussion des Problems im Betrieb und auf Betriebsversammlungen folgte eine mit dem Arbeitgeber ausgehandelte Betriebsvereinbarung, die zur Abwendung von Kündigungen in sechs Stufen den Betroffenen Hilfe anbietet. Das Verfahren beginnt in der ersten Stufe mit einem persönlichen Gespräch mit den Vorgesetzten unter Beteiligung des Betriebsrats und endet in der sechsten Stufe mit einer Wiedereinstellungszusage, wenn der Betroffene Abstinenz nachweisen kann.

[Quelle: http://www.igmetall.de/...]

Co-Verhalten im betrieblichen Umfeld

Beim Thema Suchtkrankheit bleibt das Co-Verhalten oft nicht aus.

Co-Verhalten

Das Co-Verhalten ist ein Verhaltensmuster von Menschen aus dem betrieblichen oder persönlichen Umfeld, die suchtgefährdete Personen davor schützen, die Wirkung ihres Suchtmittelkonsums und die damit verbundenen Konsequenzen im vollen Umfang zu erfahren. Diese Verhaltensweisen finden immer in bester Absicht statt, aber sie stabilisieren, fördern und begünstigen das Problemverhalten und verlängern den Motivationsweg, sich in eine Beratung und Therapie zu begeben.

Rainer Rehwald: Betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe, 2008

Aus Sicht des betrieblichen Umfeldes gibt es viele Gründe für Co-Verhalten. So möchten viele Kollegen den Betroffenen nicht beim Vorgesetzten anschwärzen. Zumeist herrschen Unsicherheit beim Umgang mit psychischen Problemen oder es gibt eine innere Abwehrhaltungen gegen die Probleme anderer.

Um aus dem Co-Verhalten auszusteigen, muss das Umfeld lernen, sich so zu verhalten, dass die betroffene Person gezwungen ist, selbst etwas zu tun und Verantwortung zu übernehmen. Dieses Verhalten könnte wie folgt ablaufen:

  1. Auf auffälliges Verhalten hinweisen.
  2. Kontakte zum Beratungsangebot ermöglichen.
  3. Unterstützung auf dem Weg zusichern.
  4. Abgrenzung: „Es ist deine Entscheidung“.
  5. Mit der Person reden anstatt über sie.

Rückfall ist nicht gleich Rückfall

Ein Rückfall bedeutet, dass nach einer Entwöhnung erneut zum Suchtmittel gegriffen wird. Die Möglichkeit dazu ist bei allen Suchtkrankheiten gegeben. Am größten ist die Rückfallgefahr in den ersten Wochen und Monaten nach Entzug: Rund ein Drittel der Abhängigen greift in diesem Zeitraum erneut zum Suchtmittel. [Quelle: http://www.aerztewoche.at/...]

Aber Rückfall ist nicht gleich Rückfall. Es ist entscheidend, wie der Suchtkranke damit umgeht. Ist es nur ein Ausrutscher gewesen, kehrt er wieder zurück zur Abstinenz. Kommt es aber wieder zu den alten, abhängigen Konsum- und Verhaltensmustern, dann liegt ein wirklicher Rückfall vor.

Diese Differenzierung ist sehr wichtig, da ein Ausrutscher im Gesundheitsprozess für den suchtkranken Menschen ein nicht ungewöhnlicher Schritt ist. Dennoch werden Rückfälle häufig als Verschuldung des Betroffenen ausgelegt.

Für die Wiederaufnahme des Suchtmittels sind viele Gründe möglich:

  • Stress,
  • familiäre Konflikte,
  • Kränkungen oder Krisen am Arbeitsplatz,
  • wenn der Druck zu groß wird, dem man nicht widerstehen kann (beispielsweise wenn jemand einem Ex-Raucher eine Zigarette aufdrängt) oder
  • um auszuprobieren, ob eine Rückkehr zu einem normalen Konsum möglich ist.

Auch nach langen Jahren besteht die Gefahr des Rückfalls. Dieser macht meistens einen erneuten Entzug oder eine weitere Therapie notwendig. Arbeitgeber können aber ihr Bestes tun, damit ihren Angestellten dies nicht noch einmal widerfährt. So konnte Ford in Saarlouis durch ein Bündel von Maßnahmen und klare Vorgehensweisen die Rückfallquote von normalerweise 50 auf rund 20 Prozent senken.

Buchtipp zum Thema:

Betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe

Weiterführende Links

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Fachverband Sucht e.V.

Blaues Kreuz in Deutschland e.V.

Dazu im Management-Handbuch

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