TeamentwicklungUnternehmenstheater schafft Produktivität

Lebendiges Lernen, Kreativität, Spannung. Das ist die kriminalistische Teamentwicklung. Die Methode soll Teams befähigen, außerhalb des gewöhnlichen Arbeitskontextes spielerisch gemeinsame Lösungen zu finden.

Gastbeitrag von Gabriela Teichmann, Coach und Prozessbegleiterin, Hannover*

Für ein internationales Leadership-Program braucht Johnson Controls, Sektion Power Solutions Europe, ein besonderes Workshop-Element. Teilnehmende sind Führungskräfte aus neun verschiedenen EU-Staaten. Ziel des zweitägigen Workshops soll sein, diese Personen, die sich künftig ein Jahr lang regelmäßig begegnen, miteinander bekannt zu machen und trotz der weiten Entfernung und kulturellen Unterschiede eine vertrauensvolle Basis für alle weiteren Programm-Module entstehen zu lassen. Aber auch das Thema „Führung“ soll Bestandteil des Workshops sein. Das Unternehmen entscheidet sich für die sogenannte kriminalistische Teamentwicklung. Ein Experiment, an dessen Gelingen nicht zuletzt der Erfolg des gesamten Leadership-Programms gemessen wird.

Fünf Wochen später: Die 14 teilnehmenden Führungskräfte befinden sich in einem Seminarraum eines altehrwürdigen Klosters. Gerade haben sich alle darüber unterhalten, auf welche Arten ein Mensch aus dem Leben scheiden kann. Jetzt sieht man sie sich röchelnd auf dem Boden wälzen, sich gegenseitig guillotinieren oder aus einem brennenden Flugzeug springen. Neben der Spielfreude ist bei vielen Teilnehmern der Wunsch stark ausgeprägt, die Aufgabe glaubhaft umzusetzen. Sie sind gegenseitig verblüfft, mit welcher Vehemenz sie die Rollen annehmen. Es ist immer wieder überraschend, wie viel Mut die Teilnehmer, gerade Führungskräfte, mitbringen, und nicht davor zurückscheuen, zu übertreiben und drastische Darstellungen zu zeigen. Hierbei wird auch viel gelacht und die Scheu den anderen gegenüber schnell abgelegt. Ein Theaterstück ist die Grundlage für die kriminalistische Teamentwicklung „Top Secret“, die gestandenen Männern und Frauen aus internationalen oder deutschen Teams die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Übertreibung ist Bedingung

Effiziente und effektive Arbeit von Teams und Arbeitsgruppen ist einer der Eckpfeiler erfolgreicher Unternehmen. Produktive Teamarbeit kann man aber nicht verordnen, sie muss sich entwickeln. Diese Entwicklung kann man beschleunigen und unterstützen, zum Beispiel durch Unternehmenstheater. Die Teilnehmer dieses Leadership-Programms haben sich vor mehreren Wochen schon kennen gelernt, jetzt soll die Grundlage für einen intensiveren Austausch und die Netzwerkbildung untereinander gelegt werden. Manchmal bildet der Workshop auch den Abschluss einer solchen Maßnahme oder wird als reine Teamentwicklung gebucht. Angenehmer Nebeneffekt: In einer Variante wird ein lockerer Umgang mit der englischen Sprache geübt. Inhalt des ein- bis zweitägigen Teamtrainings ist die gemeinsame Erarbeitung, Aufführung und Auflösung des Stückes im Team und die Reflexion der hier gemachten Erfahrungen auf dem Hintergrund von Themen wie beispielsweise Zusammenarbeit oder Führung.

Im Kloster hat sich eine international zusammengesetzte Gruppe von Führungskräften aus neun Ländern zusammengefunden. Das Team befindet sich gerade im Schauspieltraining, das am ersten Vormittag alle Teammitglieder gemeinsam erleben. In der Regel haben die Teilnehmer noch nie Theater gespielt. Aber da sie keinen festgelegten Text auswendig lernen müssen und alles von Anfang sehr spielerisch gestaltet ist, werden die Hemmungen schnell abgelegt. Dass auch die späteren Coaches beim Schauspieltraining mitmachen, ist wichtig für eine kreative Atmosphäre, in der es sich alle erlauben, aus der Rolle zu fallen. Übertreibung ist Bedingung, die Teilnehmer sollen die Scheu davor verlieren, ins Extreme zu gehen. Nur so können die Charaktere herausgearbeitet werden und auch Laien als Schauspieler überzeugen.

Nach dem Schauspieltraining teilt sich die Gruppe in Schauspieler, die Lust am Darstellen und Spielen haben, und in Coaches, die die Schauspieler bei der Rollenentwicklung unterstützen, auf. Die Schauspieler bekommen Informationen über den Charakter und die Beziehungen der Figuren untereinander. Sonst können sie die Rolle frei ausgestalten. Anhand eines Leitfadens kann der Schauspieler zusammen mit seinem Coach die gewählte Rolle mit besonderen Merkmalen ausstatten wie mit besonderen Eigenarten. Der Coach entwickelt mit dem Schauspieler gemeinsam Ideen, gibt Feedbacks und spornt ihn an. Eine weitere Rolle der Coaches ist die des Detektivs. Sie müssen gemeinsam im Team den kniffligen Fall auflösen. Hier können also unterschiedliche Vorlieben ausgelebt werden – ausprobieren oder gemeinsam zu einer Lösung finden.

Die Führungskraft als Coach

Nach einiger Zeit zeigt sich: Selbst die eher etwas ruhigeren Teilnehmer haben lebhaft beim Schauspieltraining mitgemacht, haben verschiedene Todesarten simuliert oder Grimassen schneidend finnische und polnische Zungenbrecher geübt. Hier zeigen sie Seiten, die bisher im Arbeitsalltag nicht immer zum Zuge kamen. Dies ist für Führungskräfte eine wichtige Erfahrung, weil es darum geht, sich zu zeigen, sich zu trauen, nach vorn zu treten und das persönliche Verhaltensrepertoire zu erweitern. Für Teams ist es wichtig, sich gegenseitig mit allen Facetten kennen zu lernen und sich auch mal zu trauen, aus der Rolle zu fallen. Eine besondere Spannung entsteht dadurch, dass bis kurz vor der Aufführung selbst den Schauspielern nicht bekannt ist, wer von ihnen das Opfer sein wird. Auch die Identität des Mörders klärt sich für die Schauspieler erst nach dem ersten Teil der Aufführung. Die Teilnehmer, die die Rolle der Coaches übernommen haben, werden selbstverständlich komplett im Unklaren darüber gelassen. Zahlreiche verschiedene Spuren führen sie in die Irre. Um den Mord aufzuklären, sind Kombinationsgeschick und Teamgeist erforderlich.

Reflexionsrunde am nächsten Tag. Die Teilnehmer begrüßen sich. Reflektiert wird zunächst der Verlauf des vorherigen Abends. Die Rückmeldung eines schauspielernden Teilnehmers lautet:

„Wir hatten eine Menge Spaß, es hat die Gruppe zusammengeschweißt. Wir hatten zwar Vorgaben, aber auch viel Raum für Improvisation.“

Genauso wie die Teilnehmer im Stück ihre Rolle individuell ausfüllen konnten, haben sie auch im Job die Möglichkeit, ihre Führungsrolle mit eigenen Persönlichkeitsanteilen auszugestalten. Jetzt stellen sie fest: Es steht ihnen dabei oft mehr Spielraum zur Verfügung als sie denken. Und obwohl sie auch im Job des Öfteren eine bestimmte Rolle spielen, können sie ihre Wirkung in dem Maße erhöhen, wie sie sie authentisch ausfüllen. Einige Teammitglieder betonen, wie viel Spaß es ihnen gemacht hat, die anderen als Coach in ihrer Rollenfindung zu unterstützen und wie stolz sie auf die gute Performance „ihres“ Schauspielers während der Aufführung waren. Die einhellige Meinung:

„Die Führungskraft als Coach ihrer Mitarbeiter ist eine Anforderung, mit der wir im Berufsalltag immer stärker konfrontiert werden.“

Doch es werden auch durchaus selbstkritische Bemerkungen laut, so dass die Frage nach dem Verständnis von Führung aufkommt. Ein Teilnehmer:

„Wir hätten den Fall eher gelöst, wenn wir alle angedachten Lösungstheorien konsequenter verfolgt hätten. Ich frage mich, warum keiner von uns die Führung übernommen hat. Ich habe mich selbst zu sehr zurückgehalten.“

*Kontakt:
Gabriela Teichmann
Hahnemannweg 8
30655 Hannover
Tel:. 0511- 6490191
E-Mail: info@teichmann-coaching.de
Web: www.teichmann-coaching.de

[Bilder: pixelio]

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