UnternehmenstheaterKommunikation und Ausdrucksfähigkeit des Körpers

Niemand zu Hause? No body! Wer keinen Körper hat, existiert nicht. Sonst ist er somebody. Der Körper kommuniziert und inszeniert sich, oft gegen den Willen seines Eigners. Dieser meint nur allzu oft, er könne wechseln von morgens nobody in der Arbeitsbesprechung zu abends somebody im Fitnessstudio.

Die englische Sprache unterscheidet klar. Die Wirklichkeit? Wiewohl zunehmend Medien Aufgaben des Körpers übernehmen (Bücher die Übermittlung von Geschichten und Wissen, Maschinen die Arbeit, der Fernseher nahes Erleben, das Internet Kommunikation), ist er da, der Körper, kommuniziert und inszeniert sich, oft gegen den Willen seines Eigners.

Aus dem Mikrokosmos des Regie führenden Körpers im Alltag:

Katrin und Thomas sitzen sich im Café gegenüber. Ein entspanntes Gespräch unter Freunden. Sie unterhalten sich über ihre Zukunftspläne. Mitten im Gespräch hebt Katrin ihren Arm und berührt mit den Fingern ihren Mund.

Ich behaupte: Diese Bewegung verursacht bei uns Lesern eine Erwartung. Sie ist erstes Anzeichen für Veränderungen in der Szenerie:

Katrin ist nachdenklich geworden im Hinblick auf die Bemerkung von Thomas, vielleicht sogar misstrauisch? Will sie sich distanzieren? Ihr ist gerade etwas eingefallen und sie wird gleich beginnen zu sprechen? Sie hört intensiver zu? Sie wird aus einem anderen Grund nervös? Sie fühlt sich von Thomas erotisch angezogen, wie der Psychologe David Cohen in seinem Ratgeber „Körpersprache in Beziehungen“ (Reinbek 1995) behaupten würde? Sie schützt sich selbst vor einer voreiligen Äußerung, wie der Pantomime und Bestsellerautor Samy Molcho (Körpersprache, München 1983) diese Bewegung auslegt?

"Der größte Teil der Kommunikation läuft unbewusst ab"

Es deutet sich an: Wir haben einen Vorrat an Hypothesen zur Deutung von Körperbewegungen. Und Thomas? Wägt er etwa erst alle diese Möglichkeiten ab, ehe er reagiert? Das und mehr: Er nimmt noch weitere Informationen auf, um Katrins Körperhaltung zu interpretieren, zum Beispiel: Wie liegt die Hand am Mund? Ist Katrins Mund geschlossen (Distanz) oder offen (Neugier oder erotisches Signal)? Was ist mit den Augen, der sonstigen Körperhaltung? Lehnt sie sich zurück (Misstrauen) oder vor (eventuell ein Signal, dass sie gleich sprechen wird)?

Dann wird er reagieren, mit einer Körperbewegung - aber nicht Minuten später, sondern in Bruchteilen einer Sekunde. Denn damit die beiden sich überhaupt auf so etwas wie ein Gesprächsthema konzentrieren können, läuft der größte Teil der Kommunikation unbewusst ab. Der Urheber der wohl bekanntesten Kommunikationstheorie, Paul Watzlawick, unterscheidet zwischen analogen, das heißt körperhaft-sinnlichen Elementen der Kommunikation und digitalen Elementen, das heißt zeichenhaft-medialen. Analog sind etwa Gestik, Mimik und Stimmlage, digital ist unsere Sprache. Die analogen Elemente werden eher unbewusst eingesetzt und machen etwa 80 Prozent der Kommunikation aus. Stimme, Gestik, Mimik klären die Beziehungen der Gesprächspartner in komplexer Weise, blitzschnell lesen wir im Gegenüber Wünsche, Absichten, Haltungen, Stimmungen, reagieren darauf und vice versa.

Kommunikationswege, bei denen die analogen Elementen wegfallen, bergen oft Missverständnisse: Wie soll ich es schreiben, damit er/sie versteht, was ich damit meine? Je wichtiger es mir für ein Gespräch ist, dass der andere meine Gefühle und Absichten versteht, desto eher entscheide ich mich gegen einen Brief, auch gegen das Telefon und wähle ein direktes Treffen. Bildtelefone und moderne Videokonferenzsysteme vermeinen, die analoge Kommunikation digital übertragen zu können. Doch es fehlen entscheidende Momente: Das Raumempfinden sowohl zum Gesprächspartner als auch zu anderen und zum Raum und das Geruchsempfinden spielen in der direkten Kommunikation eine entscheidende Rolle. Und schon diese birgt genügend Möglichkeiten für Missverständnisse.

Wenn die Kommunikation auf beiden Seiten ohne Missverständnisse abläuft, verstehen wir uns ohne Worte. Damit es nicht langweilig wird, treten solche Momente eher selten auf oder sind von kurzer Dauer.

Nehmen wir an, Katrin hat Vorbehalte gegen Thomas‘ Ausführungen. Sie nimmt (unbewusst) die Hand an den Mund und lehnt sich leicht zurück. Thomas liest dies (unbewusst) als Kritik und fragt im weiteren Gesprächsverlauf noch einmal nach, ob Katrin seine Ansicht teilt. Katrin ist sich über ihre Meinung nicht im Klaren, möchte indes nicht, dass Thomas das merkt. Sie bejaht.

Thomas wird ihr nicht glauben. Der Körper hat Katrin verraten. Die analogen Elemente schaffen die Basis für die Bereitschaft, sich zu verstehen, und dominieren so die digitalen. Bei Thomas bleibt eine Irritation.

Verräterische Körpersprache

Wir schreiben das Jahr 2001. Gene werden entschlüsselt, Organe nachgebastelt, der Körper wird im Nanomaßstab erforscht, die Triebe sind benannt, Geheimnisse rar. Und da lassen wir uns tagtäglich, ständig von etwas leiten, das wir kaum im Griff haben, das zum größten Teil unbewusst abläuft, vom Ausdruck unserer eigenen Körperbewegungen?

Nein, nicht alle geben sich damit zufrieden. Einige haben den Wert dieses Wissens erkannt: In Kommunikationstrainings werden Führungskräfte, Bewerber und alle, die sonst noch bereit sind, dafür tief in die Tasche zu greifen, mit den Finessen der Körpersprache bekannt gemacht: Beine nicht vom Gesprächspartner abgewendet übereinander schlagen, Arme nicht verschränken, jeder kennt solche Regeln, und manche kennen mehr. Doch der Begriff „Körpersprache“ ist verräterisch: Das Regelwerk konstituiert ein neues System von Zeichen, eine digitale Sprache. Das Analoge geht verloren hinter Aufgesetztem, auswendig Gelerntem, verfängt sich irgendwo in Anweisungen wie „möglichst ungezwungen wirken“. Ein Schauspiel, das nicht gespielt wird, sondern angelegt wird wie ein Geschirr, weil der Körper einem sonst immer wieder in die Quere kommt. Auch perfekt gestylten Schönheiten kann es an „Ausstrahlung“ fehlen. „Körperbewusste“, muskelgestählte Barbiepuppen, wie sie uns von den Titelblättern der Illustrierten anlächeln, muten uns geklont an. Eine Erweiterung der analogen Kommunikationskompetenz kann also nicht über die Konstituierung einer neuen Semantik erfolgen. Dazu sind Körper und Empfindungen viel zu komplex miteinander verwoben. Ist es auf andere Weise möglich, sein eigenes Körperrepertoire bewusster wahrzunehmen und zu erweitern? Oder gilt die verbreitete Meinung, man habe es oder man habe es nicht, dieses „gewisse Etwas“?

"Wir alle spielen Theater"

Die Arbeit am eigenen Körper, das Training von Präsenz in vielen verschiedenen Rollen, nicht funktionalisiert, sondern einzig für den Zweck, damit zu spielen, ist Schauspielern und Tänzern sehr vertraut. Nicht von ungefähr haben Schauspiellehrer sich intensiv mit der Kommunikationsfunktion des Körpers beschäftigt, nicht als Wissenschaftler, sondern aus praktischer Notwendigkeit. Keith Johnstone, Improvisationslehrer aus Kanada, Regisseur und Urheber vieler verschiedener Improvisationstheaterformen auch in Deutschland, nennt diese Ausdrucksform des Körpers „kinetic dance“, also Bewegungstanz. Als ihm auffiel, dass sich seine Schauspieler in der Kaffeepause so bewegten, wie er es auf der Bühne nur in stundenlanger Arbeit mit ihnen erreichte, entdeckte er diesen natürlichen kinetischen Tanz für sich. Er begann, dafür Übungen zu entwickeln. Außerdem arbeitete er mit den Schauspielern von nun an hauptsächlich daran, die Angst auf der Bühne zu reduzieren, denn in Angst- oder Schockmomenten setzt dieser kommunikative „Tanz“ aus. Dann zerreißen die unsichtbaren „Fäden, die die Menschen miteinander verbinden“.

Die weltweite, kulturübergeifende Faszination vom Tanztheater Pina Bauschs ist m.E. darauf zurückzuführen, dass sie auf die Regeln dieses kinetischen Tanzes improvisiert. Norbert Servos schreibt 1996 im Buch „Pina Bausch – Wuppertaler Tanztheater oder die Kunst einen Goldfisch zu dressieren“ über die Tänzer: „In der Arbeit mit Pina Bausch haben sie gelernt, dass im Körper ein Wissen aufgehoben ist, dem man vertrauen kann. Seine Sprache ist genau, und sie wird immer schon verstanden, noch bevor der Intellekt sie entschlüsselt.“

Schauspieler und Tänzer sammeln also ständig analoge Kommunikationserfahrungen, so dass sie auf diesem Gebiet Experten sein sollten. Wie lernen sie?

Sie verlernen zunächst. Sie verlernen, so gut es geht, ihre ganz persönlichen Bewegungsmuster, über verschiedene Techniken des Körpertrainings und der aktiven Entspannung, um frei zu werden für so viele Rollen und neue Bewegungsmuster wie möglich. Von Anthony Hopkins liest man, dass er für die Rolle im Thriller „Schweigen der Lämmer“ wochenlang eine psychiatrische Anstalt besuchte, um später einen Psychopathen spielen zu können. Er arbeitet also intensiv an seinen Empfindungen und Gefühlen, um (unwillkürlich) zu einer Ver-körperung zu gelangen. Dass er genauso gut beim Körperspiel, mit einem Bewegungsmuster beginnen könnte und dann (unwillkürlich!) über die so geweckten Empfindungen die Rolle ähnlich durchdringen würde, ist wenig bekannt, gleichwohl aber als Technik in der Theaterarbeit ebenso verbreitet. Der Weg ist reversibel. Genauso wie bestimmte Empfindungen (bei Katrin die innere Distanzierung) Körperhaltungen hervorrufen, ruft dieselbe Bewegung oder Haltung, gänzlich unmotiviert ausgeführt, eine Empfindung hervor. (Heben Sie Ihren Arm und fassen Sie sich mit den Fingern an den Mund, spüren Sie dieser Haltung einen Moment nach - Sie empfinden im Ansatz eines der oben genannten Gefühle! Wenn Sie niemandem gegenüber sitzen wie Katrin, am ehesten wohl Nachdenklichkeit.)

Im Schauspielfach spricht man dann davon, dass eine Rolle von außen nach innen erarbeitet wird. Intensive Körperarbeit, Körpertraining und -wahrnehmung machen den Körper offen für alle existierenden Empfindungen. Ich spüre eine Rolle auf über die Körperhaltung, über den Gang, den Atem, der sie ausmacht - und ich werde mich in den Empfindungen dieser Figur immer weiter annähern in einem langsamen mimetischen Prozess, den ich mit meinem Körper durchschreite. Das ist dann kein Auswendiglernen von Gefühlen, die mit bestimmten Körperhaltungen einhergehen, sondern eine spielerische Entdeckungsreise der Ähnlichwerdung mit dem Fremden der anderen Rolle. Dieser Prozess ist zudem (zumindest im Ansatz) weniger an meine ganz persönlichen Empfindungen und Gefühle gekoppelt als der umgekehrte Weg, bei dem Anthony Hopkins aus seinen eigenen Gefühlen hervorbringt, wie er die Rolle ausfüllt.

Es ist daher der Weg, den Theaterpädagogen wählen, um Menschen jeglicher Erfahrung, Herkunft und jeglichen Alters zum Spiel zu verführen, ohne dass diese tief in ihre Psyche steigen müssen. Es ist der Weg, über den man zur Erkenntnis gelangt, dass das Theaterspielen die Persönlichkeit fördert, weil es gleichzeitig der Weg ist, mit der Kommunikationsfunktion des Körpers zu spielen. Nicht zweckgebunden und in geschütztem Raum machen die Laiendarsteller Erfahrungen, die sich für den Alltag nutzen lassen.

Im Alltag füllen wir die verschiedensten Rollen zweckgerichtet aus: Morgens seriös in der Besprechung einer Diplomarbeit, später Bewegungsunterricht, locker, barfuss; mittags charmant und engagiert beim Vorstellen des Studiengangs vor einem Interessentenkreis, abends cool mit den Freunden in der Großstadt. Der Soziologe Erving Goffman hat in den sechziger Jahren im Zuge seiner Interaktionsforschung genau diese Rollen analysiert: So machte er mit dem altbekannten Bild „Wir alle spielen Theater“, der Titel des gleichnamigen Buches, neu deutlich, wie sehr wir gefangen sind in diesen Zusammenhängen, denn wie schon gezeigt beherrschen die Rollen in der Regel uns und nicht wir die Rollen.

Richard Sennett, einer der wichtigsten Kulturkritiker der USA, hat mit seinen Veröffentlichungen („Der flexible Mensch“, „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“) gravierende gesellschaftliche Veränderungen aufgezeigt und deren Folgen provokativ formuliert: Er bezieht sich auch auf Goffman, wenn er von uns als „Schauspielern ohne Kunst“ spricht. Diese haben aufgehört, etwas darzustellen, „wenn die lebenslange Formung der menschlichen Natur durch Erfahrungen mit und in der Welt durch die fortwährende Suche nach dem eigenen Selbst ersetzt wird“. Das hohe Spielvermögen verschwindet mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter und macht der ernstverkrampften Suche nach „Authentizität“ Platz. Individualitätsdruck unter tausend gleichen „Individuen“ führt dazu, dass jedes Wort übers Ich eine Arbeitsplatzbeschreibung wird. Narzisten, die wir sind, nehmen wir jede unserer Rollen ernst und versuchen, sie optimal auszufüllen.

Gute Kommunikation hat spielerische Elemente

Katrin und Thomas lassen sich auch bei einer Irritation, einem analog fühlbaren Missverständnis, weiter von ihren Rollen leiten und gehen irritiert oder unzufrieden aus der Situation heraus. Kommunikationspartner, die gelernt haben, ihre Rolle selbst zu gestalten, zu verändern, zu wechseln, können die Sicht des anderen einnehmen, Metakommunikation einspielen, jede Bewegung lesen; sie werden aber nicht jede Bewegung ernst nehmen, vielleicht so:

Thomas: Findest du nicht?
Katrin: Doch, doch.
Thomas: Du siehst nicht so aus!
Katrin: Wie sehe ich aus?
Thomas: So. (übertreibt)
Katrin (lacht): Wenn du meinst... (übertreibt ebenfalls) So?
Thomas (lacht): Na ja, so nun auch wieder nicht...
Katrin kommt zum Thema zurück und hat eine gute Basis, kritisch auf Thomas einzugehen.

Nicht totale, ernsthafte Übereinstimmung ist das Ziel ihrer Kommunikation, sondern eine mimetische Bewegung aufeinander zu, die spielerische Schlenker beinhaltet. Dann ist es möglich, von einer Kunst, einer Ästhetik des Gesprächs zu sprechen. Wir alle kennen geglückte Momente der Kommunikation und immer haften ihnen in der Erinnerung spielerische Momente an.

Theaterpädagogik rückt die Theatralität der Menschen ins Bewusstsein und lädt zum Spiel damit ein, sie lädt ein, in nachahmenden Prozessen mit dem Gegenüber und sich selbst zu spielen, sich selbst „unernst zu nehmen“ und die eigenen Rollen als „Kleider“ zu betrachten, in die man hinein- und aus denen man herausschlüpfen kann. Diese Erfahrungen erweitern sowohl in der Kunst als auch im Alltag die Kommunikations- und Darstellungskompetenzen. Ziel ist das handlungsmächtige Subjekt, das selbst Spielrahmen setzt, in denen es anderen Subjekten authentisch begegnet.

Dass dies ohne Körper möglich sei, ist eine Vorstellung, die uns die technischen Entwicklungen, besonders in der Kommunikationstechnik, nahe legen. Doch was passiert? Körperlicher Ausdruck ist so grundlegend in der Begegnung mit anderen, dass wir unwillkürlich neue Wege finden, ihm zur Geltung zu verhelfen. Die Smiley-Sprache in E-Mails ist nichts anderes als die Simulation von analoger Kommunikation.

Somebody needs some body! ;-)

Karola Wenzel

Dozentin für darstellende Kommunikation und Theaterpädagogik

Institut für Theaterpädagogik

FH Osnabrück/Standort Lingen

Am Wall Süd 16

49808 Lingen

T 0591/91269-17

F 0591/91269-92

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Photos: FH Osnabrück - Institut für Theaterpädagogik

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