VerschlanktDie öffentliche Verwaltung entwickelt Konzepte zum Burokratieabbau

Speckt Deutschland endlich ab? Viele Unternehmen würden der Gesetzesmaschinerie am liebsten eine Diät verordnen. Ein Handbuch soll jetzt Abhilfe schaffen.

Zur Chefsache hat es Frau Merkel zwar noch nicht erklärt, aber trotzdem wollen es alle: weniger Bürokratie. Konkrete Lösungen sind bis jetzt leider Mangelware, eine durchschlagkräftige Reform nicht in Aussicht. Doch halt! Schon macht ein neues Zauberwort die Runde und schickt sich an, die öffentliche Debatte zu erobern: Das „Standardkostenmodell“ soll, so prognostizieren Experten der beiden Regierungsparteien, endlich den überflüssigen Amtsschimmel in Unternehmen vertreiben.

Wie soll ein derart bürokratisches Wort derselben den Garaus machen?! Ganz einfach: Indem die anfallenden „administrativen Lasten“ definiert, beziffert und anschließend abgebaut werden. Kosten messen, nennt der Fachmann das. Und weil alles Gute von oben kommt, blicken wir nach PISA einmal mehr gen Norden. Dänemark, Norwegen, Schweden und Großbritannien arbeiten bereits mit dem Modell. Die Niederländer haben es entwickelt. Als Kopiervorlage soll es dazu dienen, dass deutsche Gesetzesmühlen langsamer mahlen. Im Cover-Zeitalter ist eben alles erlaubt.

Bürokratie erhält sich selbst

In Anlehnung an unsere Nachbarn hat die Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld jetzt das „Erste Deutsche Handbuch für das Messen und Reduzieren administrativer Belastungen für Unternehmen und Betriebe in Deutschland“ herausgegeben. Eine Gebrauchsanweisung für den Bürokratieabbau. Bei 25 Prozent weniger davon sollen sich Einsparungen von rund 20 Milliarden Euro ergeben – zu schön, um wahr zu sein.

Denn lassen wir einmal die Zahlen sprechen:

  • annähernd 3.200 Seiten zählt der durchschnittliche Umfang unseres Bundesgesetzblatts seit Beginn dieses Jahrzehnts,
  • mehr als 27.000 Normen regulieren in Deutschland das wirtschaftliche Handeln, 500 kommen jedes Jahr hinzu,
  • die Bürokratie kostet kleine und mittlere Unternehmen nach einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung aus dem Jahr 2004 schätzungsweise bis zu 4.300 Euro pro Mitarbeiter jährlich,
  • fast 40 Milliarden Euro zahlt der gesamte Mittelstand nach Angaben der Stiftung Marktwirtschaft jährlich an Bürokratie.

Wie haben die das geschafft? Die Liste der Anti-Bürokratie-Gremien ist beachtlich: 1983 die Bundesvereinfachungskommission, 1995 der Sachverständigenrat „Schlanker Staat“, 1997 der „Lenkungsausschuss Verwaltungsorganisation“ und heute die „Initiative Bürokratieabbau“. Hat alles nichts genutzt. Prestige, Macht und Privilegien sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Jedenfalls für Staatsdiener. Sollten sie ernsthaft bereit sein, darauf verzichten zu wollen oder sollten sie gar Willens sein, ihre eigene Arbeit in Frage zu stellen?

Da wird es auch eine neue Dienststelle „Normenkontrollrat“ sehr schwer haben. Apropos: Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wer soll drin sitzen, welches Gewicht soll er haben, wo soll der Sitz sein? Bisher nur Schweigen im Walde. Man munkelt aber schon von der Bildung einer Arbeitsgruppe! Wie schon gesagt: Bürokratie erhält sich nicht nur selbst – sie erschafft sich auch immer wieder neu.

Initiative Bürokratieabbau

Thema Kostenmessung bei der Bertelsmann Stiftung

[dw, Bild: photocase.com]

Dazu im Management-Handbuch

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