VorbilderFührung: Manager müssen Mut machen

Was können Manager aus den Erfahrungen einer historischen Expedition lernen und wie lassen sich diese Erfahrungen in den Unternehmensalltag von heute übertragen? Führen im Ewigen Eis und Führen in der Firma – zwei nicht unbedingt immer unterschiedliche Situationen.

Gastbeitrag von Peter P. Baumgartner, Berater für Führungskräfte, und Rainer Hornbostel, Publizist zum Thema unternehmerische Neuausrichtung, Gmunden (Österreich) und Montabaur*

Eine Expedition bricht ins Eismeer auf. Im Sommer 1914 verschwindet sie beinahe aus der Welt, um fast hundert Jahre später in der Managementliteratur wieder aufzutauchen. Das Charisma des Expeditionsleiters, dem legendären Antarktis-Forscher Sir Ernest Shackleton, ist schon zu Lebzeiten berühmt. Bei seinem Namen schwingt oft ein wenig Mystik mit. Shackletons fulminante „Endurance“-Expedition, ein Schiffbruch ohnegleichen und seine Rettung, ist das kühnste Abenteuer des 20. Jahrhunderts. Die Endurance-Expedition, seine dritte Reise ins ewige Eis, ist der historische Bezugspunkt für diesen Artikel. Die phänomenalste Geschichte der Antarktisforschung, an Dramatik kaum zu überbieten, machte den Fehler zum Ereignis. Shackletons Bedeutung beruht heute vielleicht mehr auf den Fähigkeiten seiner Führungskunst als auf seinen Erfolgen als Polarforscher.

Shackletons Führungskunst

Auch heute haben erfolgreiche und beliebte Menschen das gewisse Etwas. Eine Bandbreite unterschiedlichster Fähigkeiten, die über das profane fachliche Wissen hinausgehen. Sie sind auf der emotionalen und kommunikativen Ebene angesiedelt und maßgeblich am Erfolg beteiligt. Der Fortschritt des Wissens über diese sogenannten weichen Fähigkeiten von Führungspersönlichkeiten ist rasant, träge dagegen die praktische Anwendung dieser Kompetenzen. Wertschätzung und Authentizität sind in der Geschäftswelt von heute kritische Erfolgsmomente. Wer andere Personen nicht auch menschlich überzeugen und begeistern kann, dem nützen die besten Fachkenntnisse wenig. Immer mehr Unternehmen erkennen das und verlangen diese Fähigkeiten.

Und das zu Recht. Führungsqualität ist kein Zufall. Verabschieden wir uns von Gedanken, die das in Frage stellen. Je eher, desto besser. Hingegen Fragen stellen und in Frage stellen, ob wir uns in unserer Führungsaufgabe auf einem guten Weg befinden, sollten wir durchaus. Und das täglich neu. Die Bedeutung von Führungskunstheute? Wir verstehen darunter die Weitsicht bei der Ausrichtung eines Unternehmens. Dabei sind unter anderem Kreativität, Vorbildwirkung und Nähe zu den Mitarbeitern die von einer Führungsperson geforderten Eigenschaften. Führungsqualität wird sichtbar, wenn wir die Herzen der Mitarbeiter erreichen. Führungskunst schafft es, den Bedürfnissen des Unternehmens und denen der Menschen gerecht zu werden. Führungspersonen gehen den gleichen Weg wie ihre Mitarbeiter, nur gehen sie eben voran. Die Beantwortung weniger, aber zentraler Fragen dazu ist hilfreich:

  • Was können Sie tun, damit Ihre Mitarbeiter Verantwortung übernehmen?
  • Wie setzen Sie das Potential Ihrer Mitarbeiter frei?
  • Wie schaffen Sie ein Unternehmen, in das die Mitarbeiter morgens gerne zur Arbeit kommen?

Die einzige Führungskompetenz, die wirklich zählt, ist die, die Ihnen Ihre Leute freiwillig und mit vollem Bewusstsein einräumen. Shackletons Männer machten genau das.

Nähe zu den Mitarbeitern und Wertschätzung

Der Führungsverantwortliche wohnt bei einer Expedition nicht im größten Zelt, der Konzernchef sitzt nicht im obersten Stockwerk. Er ist einer unter vielen. Seine Stimme aber bewirkt mehr. Mitarbeiter sollen die Möglichkeit haben, mit jedem über alles zu reden, ohne Berührungsängste. Was tun Sie, um Ihren Mitarbeitern nahe zu sein? Es ist relativ einfach. Um ein erfolgreicher Mensch in einer Führungsposition zu sein, tun Sie mehr als nur das, was von Ihnen erwartet wird. Shackleton hielt auf seinen Reisen nichts von strenger Klassentrennung, er führte auf gleicher Augenhöhe. Damit unterschied er sich von vielen seiner Zeitgenossen. Auch von vielen Menschen, die aktuell Führungsverantwortung tragen. Schon damals vereinte Shackleton die besten Führungsqualitäten in sich, die Kunst sich geschickt an die immer schnellere Entwicklung anzupassen. Seine Überlebensstrategien und sein Führungsgeschick sind geradezu legendär.

Shackletons Fähigkeit lag darin, jeden Expeditionsteilnehmer seine Wertschätzung spüren zu lassen. Seine Geschichte sollte uns inspirieren, Ziele zu erreichen und Stärken der Menschen entwickeln lassen, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie besitzen. Damit wir alle gemeinsam für etwas arbeiten, das größer ist als wir selbst. Führen heißt, Leben in Menschen wecken, Leben aus ihnen hervorlocken. Bevor wir andere führen, müssen wir uns selbst führen können. Führen bedeutet, immer wieder fragen, ob das Unternehmen am Puls der Zeit ist, ob es den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird und ob es die Ressourcen der eigenen Mitarbeiter genügend ausschöpft. Shackleton engagierte insbesondere auch Teilnehmer, die über größere Fähigkeiten als er selbst verfügten. Eine wesentliche Eigenschaft sehr guter Führungspersönlichkeiten ist die Neigung, sich mit Mitarbeitern zu umgeben, die besser und schlauer sind als sie selbst. Alles was Manager brauchen sind gute Leute, wirklich gute Leute.

Mythos Shackleton heute umsetzbar?

Der Mythos Shackleton hängt vermutlich unmittelbar mit unserem eigenen Erfolg zusammen. Wenn dem so ist, sollten wir den Versuch wagen – nach den Worten seiner Zeitgenossen – Shackleton für unsere Zukunft ein Mandat zu erteilen. Shackleton besaß das unglaubliche Talent, in Menschen Begeisterung und Loyalität zu wecken. Er war stets eine positive Figur mit grenzenlosem Überlebenswillen und hatte enormes Verantwortungsbewusstsein für seine Teammitglieder und eine bemerkenswerte Philosophie für seine Expedition. Die Zeitreise ins ewige Eis führt zurück in unser eigenes Szenario im 21. Jahrhundert. Menschen in Führungsverantwortung müssen heute im Grenzbereich oder idealerweise davor Mut machen, gerade in einem sich verändernden Umfeld, in dem Wandel die einzige Konstante zu sein scheint.

Shackleton bietet durch sein Vorbild als grandios gescheiterter Abenteurer und kühner Retter seiner Mannschaft geradezu ein Musterbeispiel für risikofreudiges, aber verantwortungsvolles und personenorientiertes Management. Selbst in Krisensituationen sind Chancen vorhanden und die gilt es zu nutzen. Shackleton konnte der Vielfalt der Problemstellungen stets mit einer Vielfalt an Lösungen begegnen. Ihm gelang die Rettung aus aussichtsloser Situation zwar nicht im Alleingang, sorgte aber bei Zeiten dafür, ein hervorragendes Team um sich zu haben. Shackleton verlangte sich selbst und seinen Männern das Äußerste ab. Er bewies seine wahre Größe im Angesicht grandiosen Scheiterns. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind seine Taten unerreicht. Und: Er hielt sein Versprechen, alle wieder lebendig nach Hause zu bringen. Zudem brachte er eine bis dahin unbekannte menschliche Dimension in die Polarexpeditionen ein. Shackleton setzte sich sofort neue Ziele und warf im Krisenmanagement sein eigenes Leben in die Waagschale.

Hinweis

Der Artikel basiert auf dem Buch: „Manager müssen Mut machen - Mythos Shackleton“. Gebundene Ausgabe, 251 Seiten, Böhlau-Verlag Wien/Köln/Weimar.

*Kontakt:
Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG
Wiesingerstraße 1
A-1010 Wien
Tel.: 0043-(0)1-33024270
E-Mail: peter.baumgartner@mythos-shackleton.com
Web: www.mythos-shackleton.com

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