Wirtschaft und EthikDer VW-Abgasskandal – Auftakt einer neuen Unmoral

Algorithmen schaffen Anreize für wirtschaftskriminelles Handeln. Das zeigt der Abgasskandal bei VW. Sie sind das „Einbruchswerkzeug“ von morgen. Und Katalysator einer neuen Unmoral in der Wirtschaft.

VW-Chef Matthias Müller erklärte im Anschluss an den Dieselgipfel: „Der Wortwahl ‚unternehmerisches Versagen‘ et cetera mag ich mich nicht anschließen.“ Umgekehrt bedeutet das: Der Dieselbetrug beziehungsweise der Abgasskandal und wohl auch die sich andeutende Karteiklüngelei drücken unternehmerisches Können aus. Stimmt, die Gehaltsmillionäre der Autoindustrie haben es geschafft, Kunden arglistig zu täuschen und Extraprofite auf Kosten der Volksgesundheit zu realisieren. Sie, die Rufschädiger deutscher Wertarbeit und Totengräber einer lebenswichtigen Branche, sprechen sich von aller Schuld frei. Die Politik bezeugt die Unschuld der Schuldigen.

IKT ist der Katalysator für Wirtschaftsvergehen

Vergehen dieser Art bis hin zur Wirtschaftskriminalität sind keine Anomalität unserer Zeit. „4.0“ steht für den Zugewinn an Unmoral, die mit „5.0“ weiter zunehmen wird. Die IKT ist ein Katalysator. Mit Software lassen sich Abgaswerte nach unten korrigieren und Prüfbehörden täuschen. Algorhithmen sorgen für den verschlungenen, schnellen Transport von Schwarzgeldern nach Panama.

Die IKT als hochkomplexes und dynamisches System bietet viele Anreize für wirtschaftskriminellen Verhaltensweisen. Prüfinstitute, Wirtschafts- und Steuerprüfer, Polizei und Zoll finden nur schwer brauchbare Spuren im Big-Data-Heuhaufen. Algorithmen sind die „Einbruchswerkzeuge“ von morgen. Die notwendigen Beweise liegen in irgendeinem Rechenzentrum in der Wüste von Utah oder schweben als Cloud über uns. Die IKT ist zugleich auch das Werkzeug, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Stellt sich nur die Frage, wer über die besseren Werkzeuge und Experten verfügt

Ein Novum unserer Zeit ist die Zunahme an Literatur zum Thema Werte, die Gründung von Lehrstühlen hierzu und die Anzahl an Hochglanzbroschüren mit Titeln wie „Unternehmenswerte der XYZ AG“. Priester und Trainer bieten sich als Werte-Scouts an. So hat etwa Anselm Grün im Mönchsornat vor Zehntausenden Führungskräften seine patinabehaftete Moralpredigt heruntergeleiert, die er besser vor Sündern seiner eigenen Kirche hätte halten sollen. Die Deutsche Bank beteiligt sich an der Ethikdiskussion im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitskodex und verstößt nonstop gegen die Rechtsordnung.

Je mehr Werte verkündet werden, umso größer ist der Werteverlust

Alle Großunternehmen haben sich nach der Umweltnorm DIN ISO 14000 zertifizieren lassen oder bekennen sich zur DIN 26000 (Gesellschaftliche Verantwortung umsetzen). Sie unterzeichnen alle möglichen Erklärungen zur Corporate Responsibility, um im nächsten Moment dagegen zu verstoßen. In der empirischen Großstudie über das deutsche Corporate Governance-System ist nachzulesen, dass die Bedeutung solcher Kodizes in der unternehmerischen Praxis gering ist: „Mit ernst zu nehmenden firmenspezifischen Verhaltenskodizes sind nur etwa 20 Prozent der deutschen Gesellschaften ausgestattet.“ Es scheint, als würde sich die Wertediskussion der Wirtschaft reziprok proportional zum Werteverfall verhalten. Je mehr Unternehmen Werte verkünden, umso größer der Werteverlust.

Grundwerte, Leitbilder oder Kodizes ersetzen kein sichtbar gelebtes Wertesystem. Der Inhalt muss stimmen. Es bedarf vorbildhafter Persönlichkeiten auf der Kommandobrücke, die das vorleben, was in den vielen Proklamationen steht. Ein Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her. Wie soll eine auf Werte begründete Unternehmenskultur entstehen, wenn der Kopf moralisch verwest?

Wir brauchen keine neue Wirtschaftsethik

Der Ruf nach einer neuen Ethik wird lauter. Brauchen wir die wirklich? Meine Antwort lautet nein. Wir verfügen über einen verbindlichen Kodex menschlichen Handelns, der sich aus vielen Zuflüssen, vor allem der Religion, den Sitten und den Gesetzen speist. Es mangelt uns an der Moral. Wirtschaft und Ethik sind keine Gegensätze, sondern die notwendige dialektische Einheit, um als Unternehmen langfristig erfolgreich zu wirken. Das bedeutet aber nicht, Wirtschaftsethik nur als neues Marketinginstrument zu nutzen, dessen einziger Zweck darin besteht, die Position eines Unternehmens im Sinne von „ethic pays“ (Ethik lohnt sich) auf dem Markt zu stützen.

Die White-Collar-Kriminellen in den Vorstandsetagen von Dax-Konzernen sind gut beraten, den Kategorischen Imperativ des Philosophen Immanuel Kant zu beherzigen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte (...) Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals nur als Mittel brauchst.“ Umgangssprachlich ausgedrückt heißt das: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“

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