Fachbeitrag3 Gründe, warum wir immer wieder einem Produktivitäts-Irrtum unterliegen

Isaac Asimov schrieb mehr als 500 Bücher und hatte – zumindest zum Beginn seiner künstlerischen Tätigkeiten – nur eine einfache Schreibmaschine zur Verfügung. Leonardo da Vinci produzierte 10.000 Seiten mit Ideen und Forschungserkenntnissen und auch er kam ohne moderne technische Hilfsmittel aus. Einige der bahnbrechendsten Erfindungen entstanden zu einer Zeit, als Computer und Internet nicht mehr waren als bloße Science Fiction. Wären die Erfinderinnen und Erfinder produktiver gewesen, wenn sie Notebooks, Apps und das Internet gehabt hätten? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Mich beschäftigt die Frage der Produktivität im digitalen Zeitalter nun schon eine ganze Weile, denn ich erlebe bei vielen Unternehmen eine stetige Abnahme der Produktivität – bei gleichzeitig steigender Nutzung digitaler und technischer Hilfsmittel.

Wie kann das sein?

Im Laufe der Zeit bin ich zu einigen Erkenntnissen gekommen, die sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss sind – aber zumindest eines zeigen: Wir erliegen einem Produktivitäts-Irrtum. Und zwar täglich. Immer wieder. Und das aus (mindestens) drei Gründen.

Grund Nummer 1: Wir erfassen nicht die vollständige Bedeutung von Produktivität.

Produktivität hat zwei Seiten: Zum einem fällt unter Produktivität das Hervorbringen von konkreten Ergebnissen oder Produkten – also sichtbare Arbeitsergebnisse in Form von Gütern oder Dienstleistungen. Diese Produktivität zu verbessern war schon immer die wichtigste Quelle für Wirtschaftswachstum. Das bewies bereits 1957 der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert Solow. Sein „Solow-Modell“ brachte ihm den Nobelpreis ein und der Wirtschaft die Erkenntnis, dass nicht Arbeit und Kapital für dauerhaftes Wachstum sorgen, sondern Produktivitätsfortschritte („technical change“). Heute sind sich fast alle Ökonomen einig, dass der Wohlstand und Reichtum einer Gesellschaft auf lange Sicht eher von der Verbesserung der Arbeitsproduktivität, also von Innovationen, technischem Fortschritt und Verbesserungen im Management, abhängt als von anderen makroökonomischen Faktoren.

Um genau diese Arbeitsproduktivität verbessern zu können, ist es heute notwendig, auch die andere Seite der Produktivität zu betrachten, nämlich die schöpferische Kraft bzw. Schaffenskraft. Einfallsreichtum, Genialität, Kreativität, aber auch Kommunikation, strategisches Denken, Kooperation – all das ist schöpferische Schaffenskraft und findet in der grauen Masse zwischen unseren Ohren statt. Es ist unser tägliches Handwerkszeug, das wir heute dringender denn je benötigen, um mit schnelllebigen und dynamischen Business-Umgebungen umgehen zu können. Dieses Handwerk kann erlernt werden – und das tun Menschen automatisch von Geburt an. Aber es kann weder beschleunigt, noch durch technische Hilfsmittel angetrieben werden.

Hier unterliegen wir also unserem ersten Irrtum, wenn wir nach wie vor daran festhalten, Produktivität nur durch technischen Fortschritt erreichen zu können. Im Gegenteil. Dutzende Studien weisen nach, dass wir im heutigen Informationszeitalter regelrecht überfordert sind durch noch mehr und schnellere Technologie, weil wir es versäumt haben, parallel zur technischen Produktivitätssteigerung den Fokus auf die schöpferische Produktivitätssteigerung zu legen – also das Fordern und Fördern von Einfallsreichtum, Kreativität und Kommunikation.

Grund Nummer 2: Wir setzen Produktivität mit Effizienz und Kosteneinsparungen gleich.

Kulturen, in denen Produktivität und Geldverdienen hoch im Kurs stehen, erzeugen typischerweise ein Gefühl von Zeit- und Leistungsdruck. Den erleben wir zurzeit massiv. In den meisten Unternehmen steht neben einer Digitalisierungsstrategie das Thema Kosteneinsparung ganz oben auf der Agenda. Immer mit dem Ziel, produktiver zu werden. Doch die Rechnung kann nicht aufgehen. Stress und Leistungsdruck töten Kreativität – und damit den zweiten Produktivitäts-Faktor, die schöpferische Leistungskraft. Zahlreiche Studien belegen seit Jahren, dass mit steigender technischer Produktivität nicht gleichzeitig auch die Arbeitsproduktivität gestiegen ist. Hier einige Beispiele:

Eine internationale Studie von Czipin & Proudfoot Consulting Wien wies schon 2001 erhebliche Reibungs- und Produktivitätsverluste nach und stellte fest: Obwohl das Potential zur Produktivitätssteigerung beispielsweise durch neue Technologien deutlich zugenommen hat, wird es nicht in gleichem Maße genutzt. 39 % der Arbeitszeit, umgerechnet 85 Arbeitstage im Jahr, wird in deutschen Unternehmen unproduktiv verschwendet. Produktivitätskiller sind zu großen Teilen Managementfehler wie „mangelnde Planung und Steuerung“, „mangelnde Führung und Aufsicht“ – aber auch „mangelnde Kommunikation“, „mangelnde Arbeitsmoral“ und „mangelnde Qualifikation“.

Die AKAD Hochschule fand 2014 in einer Studie heraus, dass lediglich drei Tage pro Arbeitswoche für produktives Arbeiten übrig bleiben. Der Rest fällt den gestiegenen Kommunikationsanforderungen und Ineffizienzen durch häufige Störungen zum Opfer.

Apropos Störungen: Wissenschaftler der Universität Kalifornien untersuchten vor wenigen Jahren das Phänomen der Störungen. Sie dokumentierten den Arbeitstag von 24 Personen mit der Stoppuhr und fanden heraus, dass die Mitarbeitenden nur ungefähr 11 Minuten ungestört an einer Aufgabe arbeiten können, bevor sie unterbrochen werden. Erst nach ungefähr 25 Minuten können sie zur eigentlichen Aufgabe zurückkehren und brauchen dann noch einmal 8 Minuten, um zur vollen Konzentration zurückzufinden. Schätzungen zufolge kostet das fragmentierte Multi-Tasking allein die amerikanische Wirtschaft rund 650 Milliarden Dollar pro Jahr, Tendenz steigend.

Und auch hier erliegen wir einem Produktivitäts-Irrtum, wenn wir glauben, mehr Technik, tollere Gadgets, Apps oder Kollaborations-Tools würden diese Studienergebnisse signifikant verbessern. Die genannten Störfaktoren liegen in den sogenannten „weichen Faktoren“ und damit in der Nicht-Beherrschung unserer ureigenen „Werkzeuge“ wie Kommunikation, Kooperationsfähigkeit, Einfallsreichtum, Kreativität oder strategischem Denken begründet. Diese Kompetenzen werden durch (mehr) Technik nicht gefördert, sondern systematisch unterdrückt und dadurch regelrecht verlernt.

Grund Nummer 3: Die Gründe 1 und 2 sorgen dafür, dass wir uns in einem Wettkampf befinden, den wir drohen zu verlieren. 

In der Hochzeit des Industriezeitalters kam es auf den effizienten Einsatz von Maschinen und Energie an. Heute zählt vor allem die Arbeitsproduktivität hinsichtlich der Informationsverarbeitung. Die Arbeitsproduktivität hängt von drei Größen ab – plus einer zusätzlichen vierten, die in der heutigen Zeit eine immer wichtigere Rolle einnimmt und nur erfüllt werden kann, wenn die anderen Faktoren der Arbeitsproduktivität erfüllt werden.

  1. Fach- und Methodenkompetenz
  2. Kooperationsfähigkeit
  3. Einsatzbereitschaft/Motivation
  4. Freisetzung von Kreativität und Innovation

Um die Produktivität der menschlichen Arbeit in der heutigen Zeit optimal zu steigern, müssen diese vier Größen ineinander greifen und sich gegenseitig verstärken. In vielen Unternehmen ist jedoch genau das nicht möglich, weil die Fokussierung auf die Produktivität einseitig verläuft. Wir haben einen antrainierten blinden Fleck, wenn es um die konkrete, systematische Einbindung der menschlichen Schaffenskraft in den Faktor Arbeitsproduktivität geht.

250 Jahre Industriegeschichte mit unglaublichen technischen Errungenschaften, haben den Blick für die Pionierkraft sowie die Erfinder- und Denkfähigkeiten des Menschen getrübt. Wir haben über 250 Jahre lang gelernt, dass technischer Fortschritt immer auch eine höhere Produktivität nach sich zieht. Den Blick auf den Menschen haben wir dabei verloren.

In der Folge kommt ein Großteil der Menschen gar nicht in den Genuss, das volle menschliche Potenzial am Arbeitsplatz entfalten zu können, denn viele Bestrebungen in den Unternehmen sind nach wie vor auf den technischen Fortschritt fokussiert – in Zeiten der Digitalisierung mehr denn je.

Dabei sind wir – und das ist meine feste Überzeugung – an einem Punkt in unserer Entwicklung angelangt, wo es dringend notwendig wird, die Schaffenskraft des Menschen verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken und ihr eine deutlich höhere Wertschätzung zukommen zu lassen als bisher, sonst machen wir uns selbst in naher Zukunft überflüssig. Denn den Produktivitäts-Wettkampf mit Kollege Roboter können wir nur gewinnen, wenn wir unsere schöpferische Schaffenskraft zurückerlangen.

Zukünftig wird es mehr denn je darum gehen, Informationen innovativ und kreativ zu verarbeiten, um Lösungen zu finden für die kommenden gesellschaftlichen Veränderungen, die eine weitere Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt aber auch der demografische Wandel mit sich bringen werden. Die zweite Seite der Produktivität wird dabei eine elementare Rolle spielen, wenn es um das Einbinden älterer Menschen in die Arbeitswelt, um das kooperative Zusammenarbeiten zwischen Führungskräften und Belegschaft, zwischen Männern und Frauen oder deutschen und ausländischen Menschen geht. Unsere Arbeitswelt wird bunter, vielfältiger – und anders. Es werden die Unternehmen und Nationen gewinnen, die aus dieser Vielfalt und den daraus resultierenden Veränderungen effektiv und effizient Gewinn ziehen und durch eine hohe - auch kreative - Produktivität den Wohlstand der Menschen sichern.

Der Artikel ist in Teilen ein Auszug aus meinem Buch „Futability® – Wie Sie Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten".

» Melanie Vogel - zweifache Innovationspreisträgerin | VUCA-Expertin | Unternehmerin

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