Fachbeitrag6 Grundvoraussetzungen für Kreativität

Leonardo da Vinci – ein echtes Universalgenie und mein Vorbild für Neugier (Curiosità), Kreativität und Wissensdurst – wäre am 15. April diesen Jahres 565 Jahre alt geworden. Eine schöne Gelegenheit, einmal die Frage aufzugreifen, die mir als zweifache Innovationspreisträgerin recht oft gestellt wird: Wie und wann kommen wir auf unsere Ideen?

Wie es der Zufall will, haben wir am Geburtstag von Leonardo da Vinci eine neue Idee entwickelt zu einem Problem, das uns schon seit Jahren beschäftigt. Bisher jedoch waren alle Ideen, die wir hatten

  • zu kompliziert in der Umsetzung
  • zu teuer
  • zu schwer erklär- und vermittelbar

Alle drei Aspekte sind nicht dazu geeignet, dass aus einer Idee eine Innovation wird. Das kann erst dann geschehen, wenn Ideen etwas grundsätzlich Neues und Wertvolles darstellen und sie anschließend kommerzialisiert werden können. Timothy Ferris hat es in seinem Buch „Die Vier-Stunden-Woche“ sehr pragmatisch auf den Punkt gebracht: Eine Idee oder ein Projekt, das man nicht mit einem Halbsatz beschreiben/erklären kann, ist noch nicht ausgereift – und kann daher schlecht bis gar nicht verkauft werden. Und Bill Aulet, Dozent am MIT, bringt es ebenfalls auf eine einfache Formel:

Innovation = Erfindung x Kommerzialisierung[1]

Entscheidend ist also zunächst, immer wieder neue Ideen zu generieren – und zwar so lange, bis die Idee so gut ist, dass sie nicht nur neu und wertvoll ist, sondern gleichzeitig auch in einem Halbsatz erklärt werden kann. Doch wie genau kann das gehen? Und was braucht es dafür?

Ich habe unseren heutigen Kreativprozess mal analysiert und rückwirkend bewusst folgende Grundvoraussetzungen wahrgenommen, die zumindest bei uns entscheidend dafür sind, dass Kreativität entstehen kann und Ideen sprudeln:

  1. Ruhe: Stress tötet Kreativität. Ideen können daher nicht in Situationen entstehen, in denen Körper, Geist und Seele angespannt sind. Der Grund dafür ist recht simpel: Stress sorgt dafür, dass die Denkleistung sinkt. Im Dauerstress greift unser Gehirn auf archaische Verhaltensmuster zurück – getrieben durch die Amygdala, die bestimmte Situationen als alarmierend bewertet und entsprechende Signale aussendet. Flucht- oder Kampfreaktionen sind die Folge und zusätzlich auch die ohnmächtige Erstarrung. Alle drei Reaktionen blockieren unsere Gedanken und verhindern freies und kreatives Denken. Im letzten Jahr besuchten wir übrigens das Geburtshaus von Leonardo da Vinci in Vinci/Toskana. Das Haus liegt am Ortsrand – umgeben von einer wundervollen toskanischen Landschaft und viel, viel Ruhe...
  2. Bereitschaft, mentale Sackgassen zu verlassen: Entscheidend ist hier, die sich selbst gegebene Erlaubnis, einen Status Quo zu hinterfragen – im vollen Bewusstsein, dass vergangene eigene Leistungen damit an Wertschöpfungskraft verlieren oder in Zukunft so nicht mehr gebraucht werden könnten. Dahinter steht die Akzeptanz, dass Änderungen eine permanente Konstante im Leben sind und wir uns immer wieder entsprechend anpassen müssen. Leonardo da Vinci sagte dazu: „Armselig der Schüler, der seinen Meister nicht übertrifft.“ Wir selbst sind immer wieder Schüler und Meister – oft in Personalunion und zu ein und derselben Zeit. Warum? Weil wir zwar als „Ideen-Gebärende“ intim vertraut sind mit der Idee – bei deren Umsetzung und Kommerzialisierung aber in vielen Bereichen jungfräulich agieren. Vor allem dann, wenn es eine solche Idee noch nie gegeben hat und das Marktpotenzial oder mögliche Kundengruppen erst noch erschlossen werden müssen. In Kreativ-Prozessen ist es daher entscheidend, dass wir immer wieder zwischen den Rollen des Schülers und des Meisters wechseln.
  3. Interesse, Neugier, Wissensdurst: „Curiosità“ war eines der wichtigsten Lebensprinzipien von Leonardo da Vinci. Neugier kann auf viele Arten angeregt werden. Bei mir geschieht das oft auf Reisen – aber auch durch ein gutes Buch. An Leonardo da Vincis Geburtstag war es das Buch eines amerikanischen Kollegen, das ich kürzlich in einem exzellenten Buchladen in Amsterdam erwarb, der sich auf den Verkauf englischsprachiger Literatur spezialisiert hat (Hinweis am Rande: Das Bedürfnis, dieses Buch später über Amazon zu kaufen, entstand zu keiner Sekunde, was beweist: hervorragend spezialsierte Händler/Unternehmen mit Expertenstatus müssen sich vor Amazon nicht fürchten!). Über Ostern nun nun hatte ich Ruhe und Muße, das Buch zu lesen. Dass das Buch auf Englisch war, hat mein Gehirn zusätzlich zu erhöhter Konzentration gezwungen, so dass ich beim Lesen und zeitgleichen Übersetzen auch schon über mögliche Lösungen und Adaptionen auf unser Business nachdachte. Mit dieser Art des mentalen „Weichklopfens“ meines Gehirns, konnte ich ganz entspannt auch den Status Quo eines unserer Projekte in Frage stellen. Leonardo da Vinci hat dazu mal gesagt: „So wie das Eisen außer Gebrauch rostet und das stillstehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.“ Hören wir auf, neugierig zu sein, begnügen wir uns mit einem einmal erlangten Wissensstand, dann rostet unser Gehirn – und damit verkümmert unser kreatives Potenzial.
  4. Vertrauen darauf, Probleme zu finden: „Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar wohlgeöffnete Augen.“ Das Zitat – dieses Mal nicht von Leonardo da Vinci, sondern von Baltasar Gracián y Morales – umschreibt sehr schön, was ich heute bezeichnen würde als die Fähigkeit, Probleme zu suchen. Wer kreativ sein will, braucht ein Problem, denn eine Idee ist immer die Folge eines vorher wahrgenommenen Problems. Die deutsche „Unart“ überall Probleme zu sehen oder Probleme zu haben, wird also nur dann zu einem echten Problem, wenn wir Probleme nicht als Geschenke betrachten, sondern als Last und Mühsal. Wenn wir wissen, dass Probleme entscheidend dafür sind, dass wir überhaupt Ideen entwickeln können, sind wir in der Lage, Probleme mit „wohlgeöffneten“ Augen zu betrachten. Und wir werden in diesen Problemen eine nie zuvor wahrgenommene Schönheit entdecken, denn in Wahrheit sind Probleme nämlich nichts anderes, als getarnte Ideen und unausgeschöpfte Kreativität.
  5. Glaube an die eigene Science Fiction: „Es wird Wagen geben, die von keinem Tier gezogen werden und mit unglaublicher Gewalt daherfahren.“ Das ist nur eine von vielen Zukunftsvisionen, die Leonardos Vorstellungskraft entsprungen ist. Folgerichtig und visionär erkannt – zu seinen Lebzeiten jedoch nicht umsetzbar. Wie frustrierend muss das für ihn gewesen sein! Und wie gut, dass wir heute deutlich bessere Ausgangspositionen haben, unseren Visionen und unserer Vorstellungskraft – unserer ureigenen Science Fiction – Leben einzuhauchen. Und gute Ideen, die neu und wertvoll sind, sind zunächst tatsächlich nichts anderes als Science Fiction. Zur Erinnerung: Eine Idee wird erst dann zur Innovation (und damit verliert sie ihren Science Fiction-Status), wenn sie am Markt kommerzialisiert wird. So lange das nicht geschehen ist, arbeiten wir in einem visionären Kokon, in dem prinzipiell alles möglich ist – auch ein Scheitern. Je stärker jedoch die eigene Science Fiction ist, umso weniger Gefahr laufen wir, nach einem gescheiterten Versuch aufzugeben. In unserem Fall gehen wir seit mehreren Jahren mit einer bestimmten Idee schwanger. Wir haben schon viel ausprobiert, genauso viel verworfen, manches bis zur Marktreife gebracht und dann aber intuitiv nicht konsequent vertrieben, weil das letzte i-Tüpfelchen noch fehlte – die Science Fiction ist aber nach wie vor vorhanden und sie wird immer drängender, wenn wir uns die Problemstellungen in den Unternehmen anschauen. Aus diesem Grund haben wir bisher nicht nachgelassen in den Bemühungen, eine kreative und damit auch innovative Lösung zu finden. Vielleicht ist uns an Leonardos Geburtstag der entscheidende Durchbruch geglückt…
  6. Durchhaltekraft und die Selbstkontrolle, Versuchungen zu widerstehen: „Wer zur Quelle gehen kann, gehe nicht zum Wassertopf.“ Auch dieses Zitat von Leonardo da Vinci bringt es auf den Punkt: Wir können uns mit dem Wassertopf begnügen – also mit einfachen Antworten und Lösungen und dem schnell erwirtschafteten Euro. Aber wenn wir das Potenzial, das Wissen, die Fähigkeit und Kompetenzen besitzen, zur Quelle zu gehen – also dem Drang nach einfachen Antworten und Lösungen und dem schnellen Euro widerstehen – um nach der ultimativen Idee zu suchen und als erster eine Lösung zu finden, auf die bislang noch niemand gekommen ist – dann verdienen wir das Geld zwar später, dafür aber nachhaltiger. Warum? Weil in der Quelle die Innovation verborgen liegt, nicht im Wassertopf! Um zur Quelle zu gelangen, brauchen wir daher nicht nur Durchhaltekraft, sondern auch den unbedingten Willen und die Selbstkontrolle, Versuchungen auf dem Weg zur Quelle zu widerstehen.

[1] Bill Aulet, Disciplined Entrepreneurship - 24 Steps to a successful Start-Up, 2013

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