FachbeitragEin Deutungsrahmen ist nicht ohne Bedeutung

Ohne Deutungsrahmen ist Kommunikation bedeutungslos und stiftet Verwirrung. Ein unachtsamer Umgang damit kann das Gesagte sogar ins Gegenteil verkehren. Deswegen ist es wichtig, dass der Kontext bei einem Gespräch grundsätzlich mitgeliefert wird.

Nicht umsonst heißt es: Kommunikation ist das, was ankommt. Während der Beratungs- und Betreuungsgespräche im Zuge unserer Veränderungsprojekte fällt ein Punkt immer wieder besonders auf: Die Bedeutung des Kontexts, der bei der Kommunikation von Veränderungsprozessen mitgeliefert werden muss. Er sollte eindeutig sein, denn er bestimmt, was beim Gegenüber ankommt; der Inhalt allein ist dazu nicht ausreichend.

Frames machen Menschen schneller

Warum ist das so? Betrachten wir dazu ein von Aarts und Dijksterhuis beschriebenes Experiment (Aarts, H.; A. Dijksterhuis: Category activation effects in judgment and behaviour: The moderating role of perceived comparability. In: British Journal of Social Psychology, 41, 2002, S.123-138): In diesem bekommt eine Gruppe von Probanden einen Text zu lesen, in dem Geparden vorkommen. Im Text einer zweiten Gruppe kommt hingegen eine Schildkröte vor. Abschließend sollen beide Gruppen die Geschwindigkeit eines Menschen auf einem Foto einschätzen. Die „Gepardengruppe“ hält den Menschen für schneller als es die Teilnehmer aus der „Schildkrötengruppe“ tun. Dies zeigt, dass Sprache, Denken und Handeln auf das Engste miteinander verbunden sind. Der Grund dafür liegt in der Art und Weise, wie unser Gehirn funktioniert: „Wenn es gilt, Worte und Ideen zu begreifen, so aktiviert das Gehirn einen Deutungsrahmen“, einen sogenannten Frame (Wehling, Elisabeth: Politisches Framing, Herbert von Halem Verlag, 2016).

Frames werden automatisch aktiviert

Wenn wir das Wort Hammer oder Kind hören, werden Frames aktiviert, in denen Nagel, Zange oder vielleicht Schmerz, beziehungsweise Mutter, Spielzeug oder Lachen vorkommen. Ganz abhängig von den Inhalten, die in unserem Gedächtnis verankert sind. Diese Inhalte sind individuell, aber auch gesellschaftlich-kulturell bedingt.

Diese Rahmen müssen also verstanden, aber auch weitergegeben werden. Gerade bei Sprachbildern wird mit den Deutungsrahmen immer eine Bewertung mitgeliefert und – eine andere – beim Empfänger wachgerufen. Verstehen funktioniert über Sprache und daher wird stets auch eine Haltung, ein inneres Bild oder eine Einschätzung mittransportiert, aber entsprechend ebenfalls beim Gegenüber ausgelöst. Gesendete und ausgelöste Bewertung stimmen aber nicht immer überein.

Frames lösen Reaktionen aus

Ein Beispiel: „Die Wucht der Digitalisierung trifft unsere Branche …“. Dieser Satz wird manchen verschrecken der ihn hört, denn das Sprachbild „Wucht“ wird bei vielen Empfängern dieser Kommunikation negative Gefühle auslösen. Dabei tut die Digitalisierung ja faktisch nichts, schon gar nicht mit Wucht. Dennoch schwingt durch das Sprachbild eine Wertung mit. Wucht wird mit Heftigkeit, Härte, Gewalt oder Vehemenz verbunden. In manchen Sprachräumen Deutschlands gar mit körperlicher Gewalt („eine Wucht bekommen“ bedeutet dort „eine Tracht Prügel bekommen“). Wie werden die Empfänger einer Veränderungskommunikation auf dieses Sprachbild reagieren? Positiv? Ablehnend? Die Antwort dürfte klar sein.

Dabei kann man die obige Aussage leicht anders formulieren: „Die zunehmende Digitalisierung unserer Branche schafft immer mehr Spielräume, …“. Dieser Satz sagt ziemlich dasselbe aus, benutzt aber unterschiedliche Sprachbilder und transportiert damit auch eine andere Bewertung.

Frames können verharmlosen

Derartige Beispiele gibt es viele, wie das Sprachbild „Klimawandel“. Ein recht neutrales Wort, aber passt es? Wird damit die Dringlichkeit der notwendigen Maßnahmen vermittelt? Die Antwort dürfte ebenfalls klar sein. Ein weiteres Bild ist die Flüchtlingswelle. Das Wort „Welle“ ist mit Wasser, Flut und vielen anderen Assoziationen verbunden. Also mit etwas, was das Gefühl auslöst, sich wehren zu müssen, oder im Falle eines Tsunami mit der Hilflosigkeit, sich nicht einmal wehren zu können.

Und als letztes Beispiel noch ein Sprachbild aus jüngster Zeit: Die Dieselthematik. Dieses VW-interne Bild („Thematik“) steht in einem deutlichen Gegensatz zu Begriffen wie „Abgasskandal“ oder „Dieselgate“, wie sie außerhalb von VW verwendet werden. Thematik klingt nach technischem Problem, während Skandal oder der Bezug auf Watergate deutlich einen bewussten und – zumindest in USA – strafrechtlichen Hintergrund transportiert.

Es wird in dem Zusammenhang immer wieder die Frage aufgeworfen, wie stark sich in dem Bild der „Thematik“ eine zumindest fragwürdige innere Einstellung der Verharmlosung manifestiert. In jedem Fall zeigt es sehr illustrativ, wie Worte Realität schaffen wollen und wie sie der eigenen Sichtweise einen Rahmen geben. Und aus den USA kommen aktuell reichlich Beispiele, die dies eindrücklich verdeutlichen …

Alle diese Fälle zeigen, dass der Deutungsrahmen wichtig, aber auch kaum zu vermeiden ist und ein unachtsamer Umgang damit Kommunikation manipulieren, zunichtemachen oder das Gesagte ins Gegenteil verkehren kann. Da seine Bedeutung kaum überschätzt werden kann, achten wir bei unseren Gesprächen, sei es bei der Veränderungsberatung, der Führungskräfteentwicklung oder der systemischen Organisationsentwicklung immer darauf, für höchste Klarheit zu sorgen, so dass möglichst gut das mitgeliefert wird, was auch gemeint ist.

» Weitere Informationen finden Sie unter www.canmas.biz

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