FachbeitragVUCA – eine Welt der Dilemmata

Ein Dilemma ist, wenn man den Duden befragt, eine „Zwangslage, eine Situation, in der sich jemand befindet, besonders wenn er zwischen zwei in gleicher Weise schwierigen oder unangenehmen Dingen wählen soll oder muss“. 4 Dilemmata sind in einer VUCA-Welt so universell, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen müssen – ob wir wollen oder nicht.

Eine VUCA-Welt ist volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Jedes einzelne Attribut für sich genommen sorgt noch nicht zwingend für ein Dilemma. Alle vier gemeinsam jedoch schon, denn wenn Organisationen oder Unternehmen beispielsweise kaum vorhersagen können, in welche Richtungen sich Trends oder das eigene Business entwickeln werden, aufgrund dessen die Unsicherheit steigt – gleichzeitig jedoch immer häufiger eine schnelle Entscheidungsfindung gefragt ist, dann sitzen Entscheidungsträger buchstäblich zwischen zwei Stühlen.

Eine schnelle Entscheidung treffen, ohne sich der möglichen Konsequenzen zu einhundert Prozent sicher zu sein? Oder so lange warten und diskutieren, bis eine weitgehend sichere Entscheidung möglich scheint – dabei jedoch riskieren, dass der agilere Wettbewerb auf der Überholspur mit Tempo 200 an einem vorbei rauscht?

Das ist ein Dilemma!

VUCA schafft permanent eine Welt der Dilemmata. Dilemmata umspannen ganze Disziplinen, Fachbereiche und Branchen. Sie vereiteln elegante und endgültige Lösungen. Dilemmata sind:

  • oft unlösbar,
  • immer komplex,
  • oft bedrohlich,
  • im ersten Schritt immer rätselhaft und verwirrend.

Dilemmata verlangen Anpassung und neue Vorgehensweisen bei Entscheidungsprozessen. Sich aus Dilemmata zu befreien erfordert zusätzlich aber auch Geduld, Sinnstiftung und die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen VUCA.

Diese 4 Dilemmata dürfen wir nicht ignorieren

Dilemmata finden wir an allen Ecken und Enden. Sie sehen in jedem Unternehmen unterschiedlich aus – und zusätzlich nehmen Menschen Dilemmata auch individuell unterschiedlich wahr, je nach persönlicher Wertehaltung, persönlicher Betroffenheit sowie individuellem Knowhow und Erfahrungswissen. Die folgenden vier Dilemmata sind jedoch praktisch universell. In bislang jedem Unternehmen konnte ich diese „Lösungskiller“ vorfinden.

1.      Inspirierende Vision vs. herausfordernde Ziele

Die Vision eines inspirierenden Endzustandes ist notwendig, damit Menschen in VUCA-Situationen wissen, in welche Richtung die Reise geht, und um sie zu einer Verpflichtung zur Veränderung zu bewegen. Gleichzeitig sind herausfordernde Ziele auch in VUCA-Situationen notwendig, um die „Quick-Wins“ des Tagesgeschäftes abzugreifen. Im besten Fall ergänzen sich Vision und Ziele. In vielen Fällen gibt es in den Unternehmen und Organisationen jedoch keine inspirierende, emotional bindende Vision, oder die Ziele verschwimmen oder Vision und Ziele sind nicht aufeinander abgestimmt. In diesen Fällen entsteht kein pro-aktives Momentum zur Veränderung.

2.      Demokratisierung des Wandels vs. top-down-Kontrolle

Wenn sich jeder in der Organisation befähigt fühlt oder befähigt fühlen soll Entscheidungen zu treffen, die Veränderungen beeinflussen können, dann entsteht eine spürbare Energie: Menschen neigen dazu, härter zu arbeiten, mehr Ideen anzubieten und sich viel mehr in den Prozess einzubinden. Wenn Mitbestimmungs-Aktivitäten jedoch durch Mikromanagement oder unantastbare top-down-Entscheidungen konterkariert werden, läuft das Unternehmen Gefahr, dass die gesamte Veränderungs-Energie verpufft. Damit jedoch andererseits kein hektisches, unkoordiniertes und unabgestimmtes Gewusel entsteht, wenn jede Person mitbestimmen kann, sind klare, unmissverständliche und für alle geltenden Regeln (vom Pförtner bis zur Top-Managerin) unabdingbar. Nur so kann ein drohendes Dilemma verhindert werden.

3.      Fähigkeitsentwicklung vs. Ergebnisdruck

Eine VUCA-Welt erfordert signifikante Veränderungen in der Arbeitsweise eines Unternehmens. Damit verbunden ist konsequenterweise immer auch der Erwerb neuer Kompetenzen, um Fähigkeitslücken zu schließen. Demgegenüber steht jedoch der Druck, auch in VUCA-Zeiten sofortige und vor allem monetär messbare Ergebnisse zu liefern. Dieser (quartalsgetriebene) Druck ist oft so groß, dass sich ein Unternehmen gezwungen sehen kann, zwischen Ergebnisdruck und Fähigkeitsentwicklung zu entscheiden – vor allem dann, wenn die VUCA-Situation ein Unternehmen oder eine Organisation kalt und unvorbereitet erwischt. In vielen Unternehmen fällt die Wahl zugunsten des Ergebnisdrucks – was übrigens auch unser diesjähriger „HR Future Trend 2017“ mehr als deutlich bewiesen hat. In die konsequente Qualifikation und Change-Begleitung von Führungskräften investieren gerade einmal 57% der Unternehmen (in die Mitarbeitenden investieren nur 37% der Unternehmen).

4.      Kreativität vs. Disziplin

Kreativität ist eine elementare Kernkompetenz, um mit VUCA-Welten und den in ihr versteckten Dilemmata agil umgehen zu können. Damit sich Kreativität frei entfalten kann, braucht es die entsprechenden Arbeitsumgebungen. Flexibilität und New Work sind hier bereits bekannte Schlagwörter, die in diesem Kontext keine bloßen Lippenbekenntnisse bleiben dürfen. Gleichzeitig jedoch bewegen sich „die Kreativen“ immer noch in einem Organisations-Kontext, der in vielen Fällen hierarchisch ist und auch bleiben muss. Hierarchien funktionieren durch Disziplin – und auch Kreativität bedarf der Disziplin, damit aus den Ideenfindungen irgendwann einmal handfeste Innovationen werden können. Kreativität und Disziplin schließen sich daher nicht aus – doch die Spannung zwischen den beiden Extremen kann individuell schwer auszuhalten sein. Und Führungskräfte stellt das Managen von Disziplin einerseits und das Managen von Kreativität andererseits vor echte Herausforderungen, die vor allem in Konflikt- und Stresssituationen in einem Dilemma enden können – entweder für die Führungskraft oder für die betroffene Person, die „diszipliniert kreativ“ sein soll.

Wie kann man diesen „Lösungskillern“ nun begegnen? Aus meiner Sicht muss man sich von folgenden 4 Fakten zunächst verabschieden:

  1. Fakt: Ein Wegducken oder das „Kopf-in-den-Sand“-Syndrom ist die absolut falsche Lösung.
  2. Fakt: Ein Beharren und Verharren auf bisherigen Standpunkten und Meinungen funktioniert nicht. Ein Dilemma ist deshalb eine Zwangslage, weil die Situation für uns völlig neu ist, Erfahrungswissen fehlt und die Folgen nicht abgeschätzt werden können. Mit „alten“ Denk- und Handlungsmustern kommt man an der Stelle nicht weit.
  3. Fakt: Schmerz- und konfliktfrei wird eine Lösung nie gefunden.
  4. Fakt: Wenn eine Lösung gefunden wird, wird sie nie das Gefühl der Vollkommenheit vermitteln – und zwar so lange nicht, bis sich die VUCA-Situation, vor der dieses Dilemma entstanden ist, gelöst hat. Dann, und erst dann sind Optimierungen möglich.

Bis dahin müssen sich alle Beteiligten darüber im Klaren sein, dass sie

  • strategische Langfrist-Absichten formulieren müssen über die Einigkeit bestehen muss,
  • gleichzeitig aber flexible, dezentrale Netzwerke, Arbeitsgruppen, Wissens-Hubs einberufen müssen, um an den Problemen langfristig weiter zu arbeiten,
  • einen Kompromiss finden müssen zwischen kurzfristigen Ergebnissen und der Umsetzung grundlegender Veränderungen,
  • Unsicherheiten akzeptieren müssen,
  • Lernen müssen ihrer Intuition zu vertrauen und
  • last but not least ist Kooperation und multi-dimensionales Lernen gefragt.

Der aus meiner Sicht wichtigste Punkt ist jedoch, dass wir in einem Dilemma den Erfolg entkoppeln von der Notwendigkeit eine Lösung zu finden. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel im bisherigen Denken und Handeln. Bisher haben wir die Erwartungshaltung genährt, dass auf ein Problem immer auch eine Lösung folgt. Und zwar unmittelbar.

Das ist in VUCA-Welten jedoch unmöglich, denn Dilemmata unterbinden eine lineare, unmittelbare Lösungsfindung. Und damit führen sie auch nie auf direktem Weg und stante pede zum Erfolg.

Wichtig ist daher, eine strategische Langfrist-Absicht zu formulieren und Einigkeit zu erzielen bei der Frage, wie die Welt/die Situation aussehen soll, wenn das Dilemma gelöst ist. An der Stelle bereits einen Erfolg in Form einer klaren Lösung zu erwarten ist nicht nur fahrlässig und falsch, sondern auch in höchstem Maße überfordernd für alle Beteiligten.

Warum? Weil es zum Lösen eines Dilemmas Zeit braucht, Expertenwissen gefragt ist – und der Weg zur Lösung immer gepflastert ist von Versuch und Irrtum. Das bedeutet: Nicht reden, sondern Handeln, versuchen, ausprobieren – mit anderen Worten: Prototyping vom Feinsten.

Unternehmen und Organisationen, die ein Gleichgewicht zwischen diesen gegensätzlichen Kräften erreichen, sind weitaus eher in der Lage, mit VUCA-Welten und deren Dilemmata umzugehen und trotzdem erfolgreiche Strategien zu realisieren, die Bestand haben.

» Melanie Vogel - zweifache Innovationspreisträgerin | VUCA-Expertin | Unternehmerin

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