Anja Förster; Peter KreuzHört auf zu arbeiten!Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt

Statt mechanisch und lustlos einer Tätigkeit nachzugehen, sollten die Menschen ihre Erfüllung suchen. Damit sie mit der Arbeit aufhören können, muss die aber auch eine Bedeutung für andere haben.

Hört auf zu Arbeiten! Ein schöner Appell, den Anja Förster und Peter Kreuz an uns richten. Die beiden Querdenker und Vortragsreisenden lenken in ihrem neuesten Buch unseren Blick wieder einmal auf das, was wir scheinbar mechanisch, oft frustriert, ohne Leidenschaft, abgestumpft und wider unsere Natur tun: Arbeiten. Natürlich meinen sie damit nicht, dass wir uns statt dessen auf die „faule Haut“ legen sollen. Damit dieses Missverständnis gar nicht erst aufkommt – auch wenn sie mit ihrem Titel damit kokettieren –, sagen sie im Untertitel gleich, worum es ihnen geht:

  • um Anstiftung, also um das Aufrütteln und die Provokation, über das eigene Dasein nachzudenken;
  • um das Tun, also darum, aktiv zu werden, Energie einzusetzen;
  • um das, was wirklich zählt, also um Sinnfindung oder Sinnstiftung.

Ein Vorbild, dessen Geschichte Förster und Kreuz zu Beginn des Buches erzählen, ist der Stararchitekt Frank O. Gehry. Er hat nach einigen Jahren Arbeit als erfolgreicher Architekt alles hingeschmissen, seine Mitarbeiter entlassen und beschlossen, als Baukünstler aktiv zu sein. Seither hat er der Welt viele anregende und imposante Bauwerke beschert.

Als Vortragskünstler kennen Förster und Kreuz alle Tricks und Kniffe einer wirkungsvollen Dramaturgie. Und diese setzen sie auch in ihrem Buch ein. Deshalb ist es schön in drei Teile untergliedert; der Reihe nach sind das:

  • das Ende: Hier beschreiben und kommentieren sie genüsslich, was in der Arbeitswelt alles abläuft. Die ist verkastelt, standardisiert, auf Effizienz getrimmt, normiert; hier wird geklagt, gejammert, kontrolliert, Schuld zugewiesen; es fehlen Ideen, Mut und Sinn.
  • die Suche: Wer einmal erkannt hat, was im bisherigen Arbeitsleben im Argen liegt, der macht sich auf die Suche. Förster und Kreuz erzählen deshalb in diesem zweiten Teil des Buches davon, was möglich ist und was andere gemacht haben. Sie erzählen aber auch vom Scheitern und von der Mühsal, die ein „arbeitsfreies“ Leben beziehungsweise die „neue Arbeit“ mit sich bringen kann.
  • der Anfang: Wer in seinem Suchprozess tatsächlich „bedeutsame Tätigkeiten“ gefunden hat, der kann wirklich aufhören zu arbeiten. Das sind Tätigkeiten, die für uns und für andere gleichermaßen eine große Bedeutung haben. Förster und Kreuz beschreiben im letzten Teil des Buches nicht, wie wir diese genau finden und einsetzen. Sie erzählen vielmehr von dem, was davor wichtig ist: unsere innere Haltung. Das ist der Anfang.

Förster und Kreuz wissen auch, dass es für die allermeisten nicht leicht ist, eine neue Existenz zu starten. Sie erzählen auch Dieters Geschichte, der seinen Job kündigt und ein Buch schreibt, Seminare anbietet, Coach ist und eine App programmiert hat. Alles mehr oder weniger erfolglos. Das Problem: Aussteigen und seiner Leidenschaft nachgehen, reicht nicht aus. Dazu braucht es außerdem: Extrem viel Disziplin und sehr harte Arbeit. Ein Widerspruch?!? Es braucht vor allem die Einsicht, dass man nicht nur „sein Ding machen“ kann, sondern dass man immer auch jemanden finden muss, der einem das abkauft. Die „Hört-auf-zu-arbeiten-Matrix“ von Förster und Kreuz zeigt, dass die neue Arbeit eine Bedeutung haben muss für den, der sie leistet und für andere.

Das Buch ist ein Feuerwerk des Aufbruchs, der neuen Ideen, der Entrepreneure und der Querdenker. Förster und Kreuz erzählen viele spannende Geschichten, stellen uns Menschen vor, die Neues gewagt haben und sehr unkonventionell sind und haben dabei alle Worte sehr wohl gespitzt und treffsicher gesetzt. Das Lesen macht Spaß, macht Mut und provoziert.

Aber letztlich erfahren wir als Durchschnittsmensch, mit vielleicht ein paar Begabungen, mit interessanten Hobbys, mit ausreichender Fachkenntnis in unserem Beruf, mit einem mittelgroßen Schweinehund in uns, mit einem mehr oder weniger zufriedenstellenden sozialen Netzwerk um uns herum, mit einem guten, gesicherten und durchschnittlichen Monatseinkommen, ohne große Wehwehchen, mit angemessenen Pflichtbewusstsein (gegenüber Arbeitgeber, Frau und Kindern), mit einigen Jahren Lebenserfahrung und Rentenansprüchen, mit wenig Verkaufstalent und sparsamer Rhetorik – als ein solcher Mensch erfahren wir auch in diesem Buch leider nicht, wie wir denn nun die „Aura des professionellen Gelingens“ erzeugen, die nach Förster und Kreuz halt wichtig ist, damit man für „sein Ding“ auch die Anerkennung – und das Geld – erhält, die man für das Leben genauso braucht.

Gleichwohl ist das Buch in jedem Fall lesenswert. Für den Aufbrecher und Arbeitsverweigerer, dem es Mut macht und Beispiele liefert. Und genauso für den, der doch weiter seiner gewohnten Arbeit nachgeht, weil es den Blick öffnet für die vielen kleinen Dinge im Alltag, die auch Sinn stiften können. Für ihn gilt vielleicht nicht unbedingt: "Hör auf zu arbeiten!", sondern eher: "Hör auf so zu arbeiten!"

Hört auf zu arbeiten!
Pantheon Verlag, 2013, 240 Seiten
ISBN-10: 357055189X
ISBN-13: 9783570551899