Harding, GabiTopmanagement und AngstFührungskräfte zwischen Copingstrategien, Versagensängsten und Identitätskonstruktion

Gabi Harding gibt mit ihrem Buch Einblicke in das „Seelenleben“ von Top-Entscheidern, wobei sie die Angst im Führungskontext beleuchtet. In einem Modell zeigt sie, dass Topmanager vor allem Angst vor der Bedeutungslosigkeit haben und diese durch das Rollenangebot im Unternehmen kompensieren.

In ihrem Buch „Topmanagement und Angst“ stellt Gabi Harding ihre Studie zum Thema Angst von hochrangigen Führungskräften und deren Bewältigung vor. Sowohl in Praxis als auch in Wissenschaft ist Angst beziehungsweise sind Gefühle unter Top-Führungskräften immer noch ein Tabuthema. Dabei ist Angst ein Grundgefühl und bestimmt zu einem großen Teil menschliches Verhalten. Und Führungskräfte beeinflussen wiederum die Entwicklung des Wirtschaftsgeschehens und die Arbeitsbedingungen der Belegschaft, weshalb dieses Buch eine neue Perspektive in den Bereich Führung bringt.

Folgende Fragen sind Ausgangspunkt für die vorliegende empirische Studie:

  • Welche Arten von Ängsten haben Führungskräfte?
  • Wie bewältigen sie diese?
  • Welche Rolle spielt die Organisation bei der Auslösung und Bewältigung von Angst?

Für ihre Untersuchung hat die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrgebietes Arbeits- und Organisationspsychologie an der FernUniversität Hagen achtzehn deutsche Topmanger der ersten und zweiten Führungsebene interviewt.

Manager „leiden“ unter verschiedenen Ängsten

Angst unter Managern kommt in zwei Facetten vor: Angst als Warnung vor Übermut und Angst als denk- und handlungshemmende Emotion. Also kann Angst positiv oder negativ auf die Bewältigung der beruflichen Herausforderung wirken. Dabei lässt sich Angst unterscheiden in die Angst vor dem Unbekannten, die Versagensangst und die Existenzangst. Je nach Managerrolle lassen sich Ängste identifizieren. Die Autorin unterscheidet drei Merkmale der Managementrolle: die Kontrollhoheit, die Hochleistungs- und die Versorgerrolle.

Das Buch ist in einen theoretischen und empirischen Teil gegliedert. Im theoretischen Teil geht es um die Angst in all ihren Facetten und Hintergründen, um die Nutzung der Psychoanalyse im organisationalen Kontext, um theoretische Ansätze von Führung und den Organisationsbegriff.

Im ersten Teil stellt die Autorin unter anderem neun Haupttypen von Managern vor, anhand derer ihre Motivation, ihre Einstellung zur Arbeit und die Auswirkungen der Arbeit auf Privatleben und Persönlichkeitsentwicklung unterschieden werden können. Außerdem zeigt sie, dass Organisationen Ängste der Mitarbeiter abwehren können.

Manager tauschen Ängste aus

Im empirischen Teil geht die Autorin auf ihre Untersuchungsmethodik sowie die Ergebnisse ein. Zunächst zeigt sie, wie die Topmanager Angst definieren und bildet dazu Kategorien. Danach geht sie auf verschiedene Angstursachen sowie Angst verstärkende und reduzierende Faktoren ein.

Im zweiten Teil des Buchs erläutert Gabi Harding auch, wie Führungskräfte ihre Ängste bewältigen. Dazu wenden sie verschiedene Copingstrategien an, die in drei Bereiche eingeteilt werden können:

  • Individuelle Copingstrategie: Damit wird versucht, die Angst vorwiegend aus sich selbst heraus zu bewältigen.
  • Relationale Copingstrategie: Damit wird versucht, andere mit einzubeziehen.
  • Organisationale Copingstrategie: Damit werden organisationale Strukturen genutzt, um die eigenen Ängste zu bewältigen.

Nach der Grounded Theory Methodologie werden alle Ergebnisse in ein übergeordnetes Modell eingebunden. Dabei werden die mit der Topposition verbundenen Rollen und die Kernkategorie, die Angst vor Bedeutungslosigkeit, verknüpft. Das Ergebnis ist ein Modell zum Austausch von Ängsten: Die Angst vor der Bedeutungs- und Identitätslosigkeit wird durch die Organisation mit ihrem Rollenangebot kompensiert. Manager erhalten so Ansehen, Größe und Macht. Dabei handelt es sich jedoch um eine Pseudolösung, da Organisationen zwar Angst nehmen, aber gleichzeitig neue erzeugen.

Die Dissertation von Gabi Harding liefert Hintergründe zum Thema Angst im Topmanagement unter Einbezug psychoanalytischer, organisationspsychologischer und soziologischer Konzepte. Aus diesem Grund bleibt dieses wissenschaftliche Buch in seiner Beschreibung und Erklärung abstrakt, ohne dabei Anspruch auf eine Lösungsfindung zu haben.

Topmanagement und Angst
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, 256 Seiten
ISBN-10: 3531187953
ISBN-13: 978353118795