Beziehung zwischen Vorgesetzten und MitarbeiternWie eine schlechte Beziehung entsteht

Viele Führungskräfte kennen die Situation: Sie kommen mit einer Person im Team einfach nicht zurecht. Die Beziehung ist schlecht, ablehnend oder sogar feindselig. Aufgrund von Vorurteilen und ihrer Verstärkung entsteht ein Teufelskreis – das sogenannte Set-up-to-Fail-Syndrom.

Beziehungen geraten in einen Teufelskreis

Die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern sollte von Sachlichkeit und Professionalität geprägt sein. Doch manchmal passieren im Unternehmen Dinge, die sich negativ auf die Beziehung auswirken können. Eine Mitarbeiterin macht zum Beispiel einen Fehler – und die Vorgesetzte beginnt, sie immer kritischer zu beobachten. Die Mitarbeiterin fühlt sich dann überwacht und eingeschränkt. Es entstehen Konflikte, die sich in einem Teufelskreis verstärken können.

Dieser Teufelskreis kann auch dadurch entstehen, dass der Vorgesetzte oder der Mitarbeiter von Anfang an eine sehr kritische oder sogar ablehnende Haltung gegenüber der anderen Person hat. Diese Haltung kann von Vorurteilen oder von früheren Erfahrungen geprägt sein. Die andere Person merkt dies und reagiert ebenfalls kritisch und ablehnend. Solange bis eine der beteiligten Personen versucht, den Teufelskreis zu durchbrechen und die Beziehung wieder zu verbessern. Im Allgemeinen ist das die Aufgabe der Führungskraft.

In diesem Handbuch-Kapitel geht es insbesondere um solche (Einzel-) Fälle, bei denen die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern bereits stark belastet oder sogar zerrüttet ist. Mit unterschiedlichen Folgen für die Zusammenarbeit, die Stimmung im Team und das persönliche Empfinden der betroffenen Personen. Im schlimmsten Fall kann ein solcher Fall einer ablehnenden oder feindlichen Beziehung das ganze Team lahmlegen, weil sich der oder die Vorgesetzte nur noch um diesen einen Mitarbeiter kümmert – oder dem Konflikt komplett aus dem Weg geht.

Erfahrungen prägen die Einstellung gegenüber Vorgesetzten

Ein Grund für ein angespanntes Verhältnis zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten ist, dass Mitarbeiter Vorurteile haben. Sie haben im Laufe ihres Berufslebens unterschiedliche Erfahrungen mit Vorgesetzten gemacht und daraus ein Urteil entwickelt und gefestigt. Ob die Vorgesetzten wirklich immer schlecht sind oder ob die Erwartungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu hoch sind – das sei dahingestellt.

Eine negative Einstellung gegenüber Vorgesetzten wird oft sogar verstärkt. Denn die Mitarbeiter nehmen meist nur solche Informationen wahr, die in ihr vorgefasstes, negatives Bild passen. So kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten.

Die gegenseitige Beziehung wird nicht hinterfragt

Oft stecken die betroffenen Mitarbeiter und Vorgesetzten so in ihrem schwelenden und bei entsprechendem Anlass aufbrechenden Konflikt, dass sie die Ursachen ihrer schlechten gegenseitigen Beziehung gar nicht (mehr) erkennen. Die Gründe dafür sind, dass

  • Mitarbeiter gegenüber Vorgesetzten und umgekehrt Vorurteile mitbringen und nicht bereit sind, diese zu überprüfen;
  • Mitarbeiter und Führungskräfte ihre Wahrnehmung einseitig so ausrichten, dass Vorurteile bestätigt und ihre negative Einstellung verstärkt wird.

Führungskräfte sind mit schwierigen Beziehungen überfordert

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, müssen die Vorgesetzten die Initiative ergreifen. Das fällt sehr schwer. Denn die Führungskräfte sind zwei ganz unterschiedlich wirkenden Kräften ausgesetzt:

  • Zum einen sollen sie sogenannte Leadership-Kompetenzen besitzen. Sie sollen ihre Mitarbeiter motivieren. Sie sollen empathisch und authentisch sein, als Vorbild vorangehen und eine positive Beziehung zu ihren Mitarbeitern pflegen. Das erwarten ihre eigenen Vorgesetzten und das wird ihnen von allen Führungs-Ratgebern eingetrichtert.
  • Zum anderen stoßen sie bei manchen Mitarbeitern auf Desinteresse, Gleichgültigkeit, manchmal sogar auf Widerstand oder aggressives Verhalten. Die Mitarbeiter streiten sich (mit dem oder der Vorgesetzten oder untereinander), sie schüren Konflikte oder mobben.

Das passt gar nicht zusammen. Viele Führungskräfte fühlen sich von diesen beiden Kräften zerrieben. Die Autoren der Ratgeber-Literatur nehmen meistens an, dass die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten professionell und nicht emotional ist. Sie gehen davon aus, dass es sich immer um vernünftige und leistungsbereite Menschen handelt, die sich dann engagieren und für das Unternehmen einsetzen, wenn sich die jeweils anderen auch richtig verhalten. Mitarbeiter warteten nur darauf, dass ihr Chef ihre intrinsische Motivation erkennt und in die richtigen Bahnen lenkt. Dann läuft alles bestens. In der Praxis ist es aber leider nicht immer so.

Hinweis: Bossing und Staffing

Wie Sie das Mobbing zwischen Führungskraft und Mitarbeiter erkennen und was Sie dagegen tun können, lesen Sie im Beitrag zu Bossing und Staffing.

Das Set-up-to-Fail-Syndrom

Wird von den Führungskräften in Bezug auf die Beziehungspflege zu den eigenen Mitarbeitern nicht zu viel verlangt? Ist ihr eigenes Führungsverhalten nicht stark geprägt von den (wenigen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihnen das Leben schwer machen?

Das fragten sich die Wissenschaftler Jean-François Manzoni und Jean-Louis Barsoux. Sie haben in vielen Interviews mit Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten und in zahlreichen Gruppengesprächen versucht, das Beziehungsgeflecht zu entwirren und die Probleme bei der gemeinsamen Arbeit zu erkennen. Im Vordergrund stand dabei, wie Mitarbeiter ihre Chefs einschätzen und wie sie deren Verhalten steuern. Aus ihren Ergebnissen entwickelten die Wissenschaftler das sogenannte Set-up-to-Fail-Syndrom. Es beschreibt den Prozess, wie die Beziehung zwischen Mitarbeiter und Führungskraft aus dem Ruder laufen kann:

  1. Am Anfang ist die Zusammenarbeit sachlich, professionell und die Beziehung zwischen beiden ist normal.
  2. Dann passiert es, dass der Mitarbeiter oder der Vorgesetzte einen Fehler machen: der Mitarbeiter vermasselt einen Kundentermin; oder der Vorgesetzte genehmigt einen Urlaubsantrag nicht.
  3. Ab diesem Zeitpunkt beäugen sich beide Parteien sehr kritisch. Sie nehmen nur noch die negativen Dinge an der anderen Person wahr. Sie pflegen ihre Vorurteile und suchen nach Sachverhalten, die diese bestätigen. Der Vorgesetzte kontrolliert alle Details und überwacht den Mitarbeiter; der Mitarbeiter kritisiert jede Entscheidung des Vorgesetzten und macht im Team Stimmung gegen den Chef.
  4. Die Situation eskaliert. Das Misstrauen wächst, beide Parteien sind einander feindlich eingestellt, es kann zu Mobbing kommen (das sogenannte Bossing und Staffing).
  5. Beide Parteien sind frustriert, leiden, haben Stress – bis hin zu psychischen und physischen Krankheiten.
  6. Der Teufelskreis löst sich erst dann auf, wenn einer der beiden Kontrahenten das Konfliktfeld verlässt – kündigt oder die Abteilung wechselt. Oder wenn einer die Initiative ergreift und die Beziehung im positiven Sinne pflegt.
Praxis

Sie in der Rolle der oder des Vorgesetzten:

  • Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Ihren Mitarbeitern?
  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit diesen reden?
  • Welche Ansprüche – glauben Sie – stellen die Mitarbeiter an Sie?

Sie in der Rolle der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters:

  • Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Ihrer Chefin oder Ihrem Chef?
  • Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Ihren Kolleginnen und Kollegen?
  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit Ihren Mitarbeitern reden?
  • Welche Ansprüche – glauben Sie – stellen die Vorgesetzten und Kollegen an Sie?

Nutzen Sie die folgende ausführliche Vorlage, um Ihre Beziehung zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beziehungsweise zu Vorgesetzten zu beschreiben und Konflikte zu identifizieren. Eine gute Beziehung ist nicht nur gut für das Unternehmen, sondern vor allem auch wichtig für Ihr persönliches Befinden und Ihre Arbeitszufriedenheit.

In folgenden Abschnitten dieses Handbuch-Kapitels finden Sie Erläuterungen zur Beziehungspflege zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzen. Damit wird dargestellt, warum es zu schlechten Beziehungen zwischen Vorgesetzten und ihren Mitarbeitern kommen kann und wie dieser Teufelskreis negativer Einstellungen durchbrochen werden kann.