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TopmanagerWovor sich Führungskräfte fürchten

Druck und Stress sind für viele Top-Manager nur Ausflüchte. In Wahrheit haben sie Angst. Diese versuchen sie durch bestimmte Strategien zu bewältigen.

Angst und Arbeit ist ein Tabuthema. Angst in Führungsetagen erst recht. Dabei gehört Angst zu den grundlegenden Erfahrungen menschlichen Lebens und spielt in vielen Bereichen eine mehr oder weniger große Rolle. Angst kommt also auch im Berufsleben vor. Trotzdem hat sich die Wissenschaft bisher kaum mit dem Thema „Angst und Führung“ auseinandergesetzt. Dabei ist es offensichtlich, dass auch bei Führungskräften arbeitsbezogene Ängste auftreten. Diese lassen sich in drei Gruppen unterteilen:

  • Angst vor dem Unbekannten
  • Existenzangst
  • Versagensangst

Angst vor dem Verlust der Definitionsmacht

Die Angst vor dem Unbekannten tritt auf, wenn den Betroffenen die Kontrolle über die Situation durch Umstände oder andere Personen genommen wird. Konkret kann sich das in der Angst äußern, den Vorstandskollegen oder anderen Verhandlungspartnern ausgeliefert und dabei möglicherweise auch direkten persönlichen Angriffen ausgesetzt zu sein. Im Falle von Krankheiten scheint auch der eigene Körper außerhalb der Kontrolle. Es geht also um den Verlust der Definitionsmacht. Dies ist eine Konstellation, die nicht zur Rolle einer hohen Führungskraft passt, denn es gehört ja gerade zu ihren Aufgaben, Maßnahmen zu initiieren und zu kontrollieren.

Existenzängste beziehen sich auf die Sorge um die Sicherstellung und Wahrung der finanziellen Existenz – der eigenen Person und der Familie. Seitens der Familie wird auch eine entsprechende Erwartung an die Betroffenen gestellt.

Angst vor der Gefährdung der eigenen Position

Versagensängste wiederum beziehen sich auf die Sorge, an Erwartungen zu scheitern, die andere Personen oder die Betroffenen selbst an sich gestellt haben. An Top-Manager wird generell ein sehr hoher Leistungsanspruch gestellt. Nicht zuletzt, weil diese Positionen zeitlich begrenzt sind, herrscht hier ein hoher Konkurrenzdruck. Zu scheitern kann bedeuten, die eigene Position zu gefährden. Das löst Versagensängste bei den Betroffenen aus.

Um die angesprochenen Ängste zu bewältigen, bedienen sich Top-Manager so genannter Copingmechanismen beziehgungsweise Copingstrategien. Diese lassen sich in drei Gruppen unterteilen: individuelle, relationale und organisationale. Die Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen sind fließend.

Angstbewältigung durch individuelle Copingstrategien

Bei diesen Bewältigungsstrategien sind die Betroffenen bemüht, die Angst vornehmlich aus sich selbst heraus zu bewältigen. Dadurch wollen sie zum Beispiel erreichen, Situationen, die mit Angst assoziiert werden, von vornherein zu vermeiden. Konkret äußert sich das durch eine erhebliche Steigerung des Vorbereitungs- und Arbeitsaufwands vor wichtigen Sitzungen und Terminen.

Auch die Nichtthematisierung oder Umdeutung von Angst ist eine Copingstrategie. Hier kommen oft Ersatzbegriffe wie Druck oder Stress zum Einsatz, und das unangenehme und sozial tabuisierte Gefühl wird in ein sozial anerkanntes umgemünzt. Denn wer Angst hat, gehört nicht ins Management. Wer jedoch Druck und Stress hat – und diesen Stand hält – ist offensichtlich mit wichtigen Aufgaben betreut und genießt auch in seinem Umfeld ein entsprechendes Ansehen.

Weitere kognitive Copingstrategien sind zum Beispiel der Bezug auf religiöse Werte und religionsbezogene Freizeitgestaltung. Auch die Gegenüberstellung der Arbeitssituation mit Fällen schwerer Krankheit, wie sie etwa im Umfeld erfahren werden, dient dazu, die Brisanz der Arbeitssituation und die damit verbundenen Gefühle zu relativieren.

Angstbewältigung durch relationale Copingstrategien

Die relationalen Copingstrategien sind auf Andere bezogen. Hier geht es zunächst um den Aufbau eines eigenen Images – also um Verhaltensweisen, mit denen Top-Manager ihre Angst vor Kollegen, Mitarbeitern und Geschäftspartnern verbergen. Sie stellen sich als jemand dar, der souverän mit den Anforderungen umgeht. Vor wichtigen Verhandlungen zum Beispiel machen sie sich Gedanken über ihr persönliches Auftreten. In diesem Kontext wird Impression Management, also das Bestreben, einen bestimmten Eindruck beim Gegenüber zu erzeugen, als Bewältigungsmechanismus eingesetzt.

Um die Kontrolle über Kollegen und Mitarbeiter zu erlangen oder aufrecht zu erhalten, greifen Top-Manager zu unterschiedlichen Strategien: Sie erstellen eine tagebuchartige Typologie der Mitarbeiter oder nutzen Ratgeberliteratur zu Persönlichkeitstypologien. Diese Strategien setzen die Betroffenen ein, um das Verhalten der Anderen besser vorhersagen zu können und somit die eigene Kontrolle über Situationen zu erhöhen.

Dabei spielt es für die Wirksamkeit dieser Strategie keine Rolle, ob die Maßnahmen die Kontrolle tatsächlich erhöhen oder ob es sich dabei nur um die Illusion von Kontrolle handelt. Die Wahrnehmung, dass die eigene Kontrolle über eine Situation schwindet, löst in diesem Kontext Angst aus. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass eine empfundene Kontrolle, sei sie nun real oder nicht, eine Angst reduzierende Wirkung hat.

Angstbewältigung durch organisationale Copingstrategien

Bei dieser Art von Copingstrategien nutzen die Betroffenen organisationale Strukturen zur Bewältigung ihrer Ängste. Ein solcher Mechanismus kann beispielsweise die Verteilung der Verantwortung auf mehrere Schultern sein. Damit wird die Verantwortungslast des Einzelnen subjektiv reduziert. Beispiel: Leitung eines Unternehmens durch mehrere Geschäftsführer. Diese Konstellation halten sich Top-Manager vor Augen, um so ihre Ängste zu bewältigen. Dabei kann es zu einer regelrechten Verantwortungsweitergabe kommen, bei der die Verantwortung teilweise an die Organisation abgetreten wird.

Organisationale Prozeduren geben Entscheidungswege vor. Folge: Die Zahl möglicher Entscheidungen, die die Betroffenen treffen könnten, wird deutlich reduziert. Die Verantwortung ist auf den gesamten vorab festgelegten Entscheidungsweg und alle involvierten Personen verteilt, was wiederum die Verantwortung des Einzelnen reduziert. Eine Reduktion der Verantwortung und der Entscheidungslast bedeutet gleichzeitig auch eine Reduktion der damit assoziierten Angst. Die Betroffenen machen sich also bestehende organisationale Strukturen zunutze, um ihre Verantwortung und die daraus resultierende Angst zu reduzieren.

Unternehmen sollten offener mit Gefühlen umgehen

Aus den Ängsten und Bewältigungsstrategien kann ein Plädoyer abgeleitet werden für einen offeneren Umgang mit Gefühlen in Unternehmen. Es erscheint lohnenswert, den Umgang mit Angst im organisationalen Umfeld zu verändern. Emotionen und vor allem Angst sind im Management noch immer ein Tabuthema. Doch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass menschliches Handeln immer von Emotionen begleitet und auch Angst ein ständiger Begleiter menschlichen Lebens ist, ist der Ausschluss von Emotionalität im tiefsten Sinne unmenschlich.

Angst ist zwar eine negativ bewertete Emotion, zugleich aber ein wichtiger Warn- und Schutzmechanismus. Damit kann sie dem Einzelnen, aber auch dem Unternehmen von Nutzen sein. In der Folge lohnt es sich, der Verzögerung von Entscheidungen aufgrund von Angst oder der Abwälzung von Verantwortung entgegenzuwirken. Dies kann durch einen offeneren Umgang mit Angst erreicht werden. Die Lockerung des Tabus ist auch für die beteiligten Unternehmensmitglieder persönlich erstrebenswert, denn eine Ausklammerung und Verleugnung eines so zentralen Gefühls bewirkt Abhängigkeiten und eine Verfremdung von Teilen des eigenen Selbst.

Wird hingegen über die eigenen Gefühle und Unsicherheiten gesprochen, ohne dass dies als Schwäche ausgelegt wird, bedeutet das einen Wechsel hin zu einem menschlicheren Umgang der Betroffenen untereinander und mit ihren Mitarbeitern. Hochrangige Führungskräfte können ihr Unternehmen auch dergestalt prägen, dass sie für einen offeneren Umgang mit Emotionen und Angst im Speziellen einstehen.

Dazu im Management-Handbuch

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