KreativitätKreative Potenziale aktivieren

Gute Laune, Ablenkung und sogar Langeweile steigern den Einfallsreichtum. Zu diesen überraschenden Ergebnissen kommen wissenschaftliche Untersuchungen.

Man kann nur dann als Führungskraft Erfolg haben, wenn man selbst ein kreativer Mensch ist. Davon ist die Mehrheit der Führungskräfte überzeugt, die von der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft für die Studie „Kreativität und Führung. Wunsch, Wirklichkeit oder Widerspruch?“ befragt wurden. Kreativität wird außerdem als wichtigste Führungsqualität der Zukunft eingeschätzt. Das hat eine andere, internationale Studie von IBM ergeben. Kreativität gilt als Ressource, die Unternehmen strategisch nutzen können. Und zwar in vielen unterschiedlichen Bereichen: In Innovation, Marketing, Geschäftsführung, Controlling, Produktion oder Einkauf.

Was aber ist Kreativität und wann sind Menschen kreativ? Kreativität zeigt sich in

  • kreativen Produkten: das Produkt ist neu, überraschend und bedeutsam (zum Beispiel der iPod von Apple);
  • kreativen Prozessen: Denk- und Gestaltungsprozesse, die dem Problemlösen dienen (zum Beispiel Brainstorming als Methode);
  • kreativen Persönlichkeiten: jeder Mensch hat kreative Potenziale, die freigesetzt werden können.

Der Psychologe und Kreativitätsforscher Joy Paul Guilford ging davon aus, dass alle Menschen über die Fähigkeit zum kreativen Denken verfügen. Er unterscheidet zwei Denkweisen:

  • Konvergentes Denken: übereinstimmendes Denken bei wohl definierten Problemen.
  • Divergentes Denken: unterschiedliches, entgegengesetztes oder kreatives Denken bei schlecht definierten Problemen.

Kreativität erfordert eine Kombination beider Denkweisen. Wer kreativ ist, generiert einerseits verschiedene Lösungswege und setzt andererseits seine Idee gezielt um. Dafür ist auch eine reiche Wissensbasis nötig.

Das Problem an der Kreativität: Sie wird massiv gehemmt. Zum Beispiel behaupten Grundschullehrer, großen Wert auf einfallsreiche Kinder zu legen, bewerten aber die Charaktereigenschaften gerade der kreativsten am schlechtesten. Das zeigt eine Untersuchung des Psychologen Erik Westby. Und auch sonst kommt es in Schule und Beruf mehr auf Ergebnisse statt auf Lösungswege an. Für die meisten Unternehmen ist die Beurteilung und nicht die Produktion der Ideen wichtig. Außerdem gelten Mitarbeiter, die ständig neue Ideen vorschlagen, als unbequem. Etwas Neues weicht immer vom Alten ab und wirkt damit irritierend und provozierend.

Kreativität

Kreativität bezeichnet die schöpferische Kraft zum Lösen von Problemen. Sie ist ein kognitiver Prozess, in dem Phantasie, Gedächtnis, Vernunft und Methode genutzt werden. Kreativität ist aus dem englischen Begriff „creativity“ abgeleitet, der als wissenschaftliches Konstrukt in den 1950er Jahren in der Kreativitätsforschung in den USA entstand. Der Begriff lässt sich zurück führen auf das lateinische „creare“, das „zeugen“, „gebären“ oder „erschaffen“ bedeutet. Kreativität hat also mit Schöpfung und Schöpfungskraft zu tun. Es umfasst ein Denken in Möglichkeiten und Alternativen.

Oft wird angenommen, dass kreative Produkte nur durch kreative Prozesse entstehen und dass kreative Prozesse nur in kreativen Persönlichkeiten stattfinden können. Das ist falsch. Menschen sind selbst dann kreativ, wenn sie das nicht bewusst beabsichtigen. Eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen zeigt, wann Menschen kreativ sind. Die Forscher kommen dabei zu erfreulichen Ergebnissen. Erfreulich, weil das kreative Potenzial schon mit einfachen Mitteln aktiviert werden kann.

Menschen sind kreativ, wenn sie sich entspannen

Pausen, Ruhetage und Nichtstun: Das sind einfache Methoden, die von einem Problem wegführen und so zu neuen Erkenntnissen führen können. Während der Arbeitszeit kann das schon ein Spaziergang in der Mittagspause oder ein Blick aus dem Fenster sein. Wer seine Gedanken schweifen lässt, aktiviert das kreative Potenzial, und das ist für schöpferische Phasen unverzichtbar. Das Gehirn ist nämlich auch dann aktiv, wenn der Mensch nichts tut beziehungsweise ein bestimmtes Problem nicht mehr fokussiert. Im Gegensatz dazu belegen viele Untersuchungen, dass Stress und Zeitdruck kreatives Denken lähmen.

Auch das oft verpönte Tagträumen wirkt kreativitätsfördernd. Denn beim Tagträumen beschäftigt sich das menschliche Gehirn mit sich selbst. Tagträumen und Phantasieren ist eine Methode, die Menschen im Alltag – oft ohne sich dessen bewusst zu sein – anwenden. Die Produktion von inneren Bildern steigt mit der Reizverarmung, in Situationen also, die Menschen als langweilig empfinden. Menschen schweifen dann in Erinnerungen oder planen künftige Aktivitäten. Das trägt zum Problemlösen bei. Entspannte Auszeiten bieten Raum zum Tagträumen. Der Psychologe Heiko Ernst beschreibt in seinem Buch „Innenwelten“, wie eine kreative Leistung entsteht:

„Das Neue kann sich nur in der entspannten Distanz vom lösungsorientierten Denken bilden, im Wegdriften aus der Realität, hinein in Tagträume, in denen sich Gedanken und Bilder in neuen Kombinationen finden können.“

Gedankliche Freiräume

Unternehmen wie 3M oder Google wissen, dass Freiräume in Form von Freizeit während der Arbeitszeit kreatives Potenzial entfalten. Sie bieten ihren Mitarbeitern mehrere Stunden pro Woche Zeit, damit sie sich eignen Projekten zuwenden können – bei voller Bezahlung. 

Menschen sind kreativ, wenn sie abgelenkt werden

Bei der Erledigung einer Aufgabe klingelt das Telefon oder ein Kollege kommt ins Zimmer, weil er etwas braucht. Die Folge: Die Aufgabe muss warten. Und das kostet Unternehmen Geld. Denn der Mitarbeiter wird aus seiner Konzentration gerissen und muss wieder in die Materie einsteigen. Das Erstaunliche: Erledigt der Mitarbeiter eine Aufgabe, die Kreativität erfordert, sollen solche Störungen die Problemlösungskompetenz steigern.

Die Verhaltenspsychologin Janina Marguc von der Universität Amsterdam erklärt das Ergebnis ihrer Untersuchung so: Die Gruppe, die bei der Lösung der Aufgaben, die kreatives Denken und Problemlösen erforderten, abgelenkt wurde, konzentrierte sich durch die Störungen auf das große Ganze statt auf Details. Diese Gruppe war damit kreativer als die Gruppe, die nicht abgelenkt wurde.

Eine ähnliche Erklärung hat auch Benjamin Baird von der Universität von Kalifornien für sein Experiment gefunden. Er führte einen Kreativitätstest mit 145 Probanden durch. Diejenigen, die kurze Zeit nach dem Kreativitätstest mit simplen Aufgaben verbrachten und danach zur selben Ursprungsaufgabe zurückkehrten, steigerten ihre Leistung erheblich. Vermeintlich unnütze und langweilige Tätigkeiten lenken ab und lassen die Gedanken wie beim Tagträumen schweifen. Der Wissenschaftler vermutet: Durch Ablenkungen werden verschiedene Gehirnregionen miteinander verknüpft und neue Ideen für alte Probleme entstehen. Diese Untersuchung ist wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür, warum viele Ideen in langweiligen Sitzungen geboren werden.

Ein überraschendes Ergebnis zeigt eine Untersuchung, in der es um die Auswirkung von Lärm geht. Die Psychologen Ravi Mehta und Rui Zhu von der University of British Columbia fanden heraus, dass nicht Stille das kreativen Denken fördert, sondern ein mittlerer Geräuschpegel. Die Gruppe, die bei 70 Dezibel (zum Beispiel Kantinenlärm) komplexe Aufgaben löste, war im Versuch erfolgreicher als die Kontrollgruppe. Die Wissenschaftler erklären das so: Hintergrundgeräusche lenken ab. Dadurch werden gewohnte Denkmuster verlassen.

Menschen sind kreativ, wenn sie offen und gut gelaunt sind

Kreativitätsforscher der Goldsmith University London untersuchten anhand von über 650 Studenten, welche Persönlichkeitsmerkmale das kreative Potenzial fördern. Demnach haben Menschen, die sich als neugierig und offen beschreiben, besonders viele Ideen. Zum gleichen Ergebnis kommt auch der Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi. Für sein Buch „Kreativität“ interviewte er 91 kreative Persönlichkeiten. Für ihn besteht der erste Schritt zu einem kreativeren Leben in der Förderung der Neugier und des Interesses, also die Verteilung von Aufmerksamkeit auf Dinge um ihrer selbst willen.

Csikszentmihalyi gibt folgende Tipps, die dabei helfen können, das eigene Interesse und die Neugier zu fördern:

  • Versuchen Sie, jeden Tag über etwas erstaunt zu sein!
  • Versuchen Sie, mindestens einen Menschen pro Tag in Erstaunen zu versetzen!
  • Schreiben Sie auf, worüber Sie erstaunt waren und wie Sie andere Menschen in Erstaunen versetzten!
  • Wenn sie einen Funken Interesse verspüren, folgen Sie dem Gefühl!

Auch gute Laune soll Wissenschaftlern der Harvard Business School zufolge den Einfallsreichtum steigern. Eine Auswertung von 12.000 Tagebucheinträgen von 238 Probanden ergab: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Mitarbeiter neue Ideen haben, steigt an Tagen, an denen sie gut gelaunt sind. Dagegen bewirkt ein sorgenvolles und stressgeplagtes Arbeitsumfeld das Gegenteil.

Die vorgestellten Untersuchungen zeigen: Kreativität entsteht durch eine Distanz zum eigentlichen Problem. Das Problem wird anders angegangen, weil das Problem dadurch – wie übrigens auch in interdisziplinären Teams – von verschiedenen Standpunkten beleuchtet und hinterfragt wird. Daher beinhalten viele Kreativitätsübungen Elemente, die vom eigentlichen Problem ablenken. Kreativität ist aber auch mit einem Ziel verbunden: Das große Ganze muss sichtbar sein, wofür auch die Eigenschaften Offenheit und Interesse förderlich sind.

Meist aber wird vergessen, dass wahrhaftige Kreativität so gut wie nie das Ergebnis einer schlagartigen Erkenntnis, sondern das Resultat jahrelanger harter Arbeit ist. Manchmal bedarf es eben keiner wissenschaftlichen Untersuchungen sondern nur dem Erfahrungswert großer Tüftler. Zum Beisiel dem des Erfinders Thomas A. Edison, der einmal gemeint haben soll:

„Genialität ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent harte Arbeit.“

Quellen und weiterführende Informationen

Dazu im Management-Handbuch

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