Arbeit 4.0Alles Neuro, oder was?

Neuro-Trainer oder Neuro-Coachs gibt es viele. Was sie verkaufen, ist meist alter Wein in neuen Schläuchen.

Neuro-Offerten wie Neuro-Training, Neuro-Coaching oder Neuro-Leadership überschwemmen den Weiterbildungsmarkt. Die „Neuroxperten“ wissen, wie man gehirngerecht führt, coacht und arbeitet. Damit sind sie wesentlich weiter als der langjährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolfgang Singer, der als Folge des enormen Wissensfortschritts seiner Disziplin zugibt: „Heute weiß ich weniger über das Gehirn, als ich vor 20 Jahren zu wissen glaubte.“ Je mehr er und seine Kollegen herausfanden, umso komplexer und komplizierter erschienen die Zusammenhänge.

Das Eingeständnis des Nichtwissens hindert unsere Glücks-, Erfolgs- und Persönlichkeitstrainer nicht, auf den Neuro-Zug aufzuspringen und in das Horn des „Neuro-Blabla“ zu stoßen. Vor einigen Jahren noch dozierten sie mit pseudo-gelehrigem Gestus über die Arbeitsteilung zwischen der linken und der rechten Hirnhälfte. Heute schwafeln sie über das limbische System, Hirnphysiologie, den präfrontalen Cortex und über Hirnareale, so als wäre die neurologische Abteilung einer Universitätsklinik ihr Arbeitsplatz. Der neueste Gag lautet: Wer seine Hirnhälften nicht ausgleiche und die Nervenbrücke dazwischen nicht richtig pflege, der sei eben bloß „Gehirnbesitzer“, der vom „Gehirnbenutzer“ abgehängt werde.

„Neuro“ klingt neu, ist es aber nicht

Die Vorsilbe „Neuro“ wird heute inflationär genutzt. Neurowissenschaftliche Begriffe ersetzen die bekannte psychologische Nomenklatur. Was sich früher Führungspsychologie nannte, wird heute als Neuro-Leadership tituliert. Neu(ro) klingt neu, obwohl es sich oftmals nur um alten Wein in neuen Schläuchen handelt. In Prospekten werden Betriebswirte und Informatiker als „Gehirnwissenschaftler“ ausgewiesen, die ihren Seminarteilnehmern zeigen, wie sie Befunde der Gehirnforschung – hier vor allem die sogenannte neurologische Plastizität – auf die Mitarbeiterführung oder Selbstführung übertragen.

Während seriöse Hirnforscher die für den Erkenntnisfortschritt notwendige Arbeit im Stillen, oft an Ratten und Mäusen verrichten, setzen die Neuro-Medikaster der Human-Resources-Szene lautstark zu umfassenden neurobasierten Welterklärungen an. Dabei verkennen oder verschweigen sie, dass es die eine Neurowissenschaft gar nicht gibt. Wir haben es, ähnlich wie bei der Nano-Technik, mit einer Vielzahl von Einzeldisziplinen beziehungsweise Forschungsfeldern zu tun. Doch je mehr Neuro-Disziplinen entstehen, um so „neurotischer“ wird die Situation. Der amerikanische Psychologe Stephen J. Morse warnt vor diesem „Hirnüberschätzungssyndrom“. Ich meine, etwas mehr Demut würde der außeruniversitären Neuro-Society gut anstehen.

„Wir wissen nicht, was wir nicht wissen“

Morses Empfehlungen sollte man allen in der Pädagogik Tätigen, insbesondere Trainern und Coachs, ins Stammbuch schreiben, denn es gibt keine neuro-pädagogischen Erkenntnisse, die nicht schon längst bekannt sind. Außerdem: Denkvorgänge und Handlungen bewirken eine Änderung des Sauerstoffgehalts im Gehirn, die als Neuro-Aktivität in Computertomographien sichtbar wird. Daraus aber eine Ursache-Wirkungskette mit Übungs- und Handlungsempfehlungen abzuleiten und zu behaupten, dies stimuliere Persönlichkeitsveränderungen als Folge der Neuro-Plastizität, ist Humbug. Das gilt solange, wie selbst Hirnforscher nicht einmal genau wissen, was sie erforschen. Michael Pauen, Philosoph und Professor an der Humboldt-Universität Berlin, bekennt: „Wir wissen nicht, was wir nicht wissen.“

Führungstrainer und Coachs, die mit Begriffen wie Persönlichkeitsentwicklung und Verhaltensänderung in Verbindung mit den Neurowissenschaften herumschwadronieren, bewegen sich nicht selten am Rande der Scharlatanerie. Personalentwickler, die für diese Themen Geld ausgeben, sollten gründlich nachfragen, was genau entwickelt und verändert werden soll, und mit welcher nachhaltigen Wirkung. Das, was Bertolt Brecht Galileo Galilei sagen lässt, gilt nicht nur für den Sternenhimmel, sondern ebenso für die Möchtegern-Neurologiker:

„Ja, wir werden alles, alles noch einmal in Frage stellen. Und wir werden nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts gehen, sondern im Schneckentempo. Und was wir heute finden, werden wir morgen von der Tafel streichen und erst wieder anschreiben, wenn wir es noch einmal gefunden haben. Und was wir zu finden wünschen, das werden wir, gefunden, mit besonderem Misstrauen ansehen. (...) Sollte uns dann aber jede andere Annahme als diese unter den Händen zerronnen sein, dann keine Gnade mehr mit denen, die nicht geforscht haben und doch reden.”

Dazu im Management-Handbuch

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