Arbeit 4.0Arme Kreative

Die Kreativwirtschaft soll das Aushängeschild vieler Städte und Regionen werden. Doch die Branche erweist sich oft als Prekärwirtschaft, in der sich die Anbieter auf Hartz IV-Niveau selbst ausbeuten.

Menschen wollen möglichst selbstbestimmt und kreativ arbeiten. Das erklärt das enorme Interesse an der Kreativ- und Kulturwirtschaft. Hier dient Arbeit nicht dem Gelderwerb, sondern der Selbstverwirklichung. Man bekommt keinen Lohn, sondern Anerkennung. Dafür nimmt man auch prekäre Situationen in Kauf. Schließlich ist man Künstler und kein Dienstleister.

Glaubt man den Verlautbarungen aus Ministerien und Kammern, entwickelt sich die Kreativ- und Kulturwissenschaft als Wirtschaftszweig der Zukunft. Dieser Wirtschaftsbereich umfasst das Buch- und Verlagswesen, die Design- und Werbebranche, das Softwarehandwerk, die Musik- und Kulturproduktion, den Kunst-, Presse-, Film- und Rundfunkmarkt. Es handelt sich um eine Querschnittsbranche, der eine klare Abgrenzung fehlt. Eine Nischensparte ist sie jedoch nicht mehr, sondern ein stark expandierender Bereich mit mittlerweile etwa 1,6 Millionen Berufstätigen.

Kreativwirtschaft als Aushängeschild von Städten und Regionen

Regionen und Städte richten den Blick auf die Kultur- und Kreativwirtschaft. Geleitet von den drei Schlagwörtern Technologie, Talent und Toleranz will man intelligente und tolerante Menschen nebst innovativen Unternehmen anziehen. Diese sollen die regionale Attraktivität steigern und die Stadtkassen füllen. Ob das der Fall ist, wurde bisher durch keine Untersuchung belegt.

Es ist nicht nur der Selbstverwirklichungsdrang, der das Wachstum dieser Branche beflügelt. Die Gründerinitiativen der letzten Jahre sind oft nur die Folge von Auslagerungsprozessen kreativer Tätigkeiten aus Konzernen. Mit jeder Entlassungwelle bei den Medien wächst die Zahl an kreativ- und kulturwirtschaftlichen Anbietern. Die Betroffenen gründen ihre „Freelancer GbR“, um nicht in die Arbeitslosigkeit zu fallen.

Selbstausbeutung statt Fremdbestimmung

Der hohe Wettbewerbsdruck auf dem Markt der kreativ Tätigen führt zu niedrigen Preisen und hoher Selbstausbeutung. Lieber freiwillige Selbstausbeutung als arbeitsvertragliche Fremdbestimmung. Der Aufwand an Statusarbeit beziehungsweise Selbstvermarktung ist groß. „Kreativlinge“ kämpfen einerseits mit wirtschaftlichen Zwängen und andererseits mit dauernden Frustrationen, wenn der Auftrag oder die Anerkennung ausbleiben.

Während sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in den Jahren nach 1995 expansiv entwickelte, scheint sie heute eher zu stagnieren. Nur wenn man die Beschäftigten der Informations- und Kommunikationstechnologie hinzurechnet, ergibt sich ein positives Bild. In Teilmärkten wie Kunst, Musik, Buch, Film, Presse oder Theater gibt es kaum Zuwachs bei den Mitarbeiterzahlen. Klammert man den wachstumsintensiven Softwarebereich aus der Statistik aus, dann verliert die Kultur- und Kreativwirtschaft ihren Glanz. Einkommen und Beschäftigungseffekt sind gering. Viele existieren mit der „Spielbein-Standbein-Methode“: fester Job plus Selbständigkeit. Diese Solo-Selbständigen mit Hartz IV-nahen Einkommen sind das Idealbild des Neoliberalismus.

Steuernummern für Straßenmusiker und Pflastermaler

Man kann davon ausgehen, dass sich Neugründungen und Geschäftsauflösungen in der Kultur- und Kreativwirtschaft zukünftig die Waage halten werden. Bei jungen Menschen ist die Bereitschaft am größten, sich als Musiker, Maler, Designer oder Programmierer selbständig zu machen. Mit zunehmendem Alter schwinden der Elan und die Risikobereitschaft, besonders dann, wenn der Durchbruch ausbleibt. Die Energie zur Bewältigung von Existenzkrisen geht aus und das Sicherheitsmotiv gewinnt die Oberhand.

Die Wirtschaftspolitik will die wirtschaftliche Basis von „Kreativlingen“ stärken. Eine der ersten Maßnahmen bestand darin, Kulturschaffenden – darunter vielen freien Künstlern ohne Gewerbeanmeldung – Steuernummern zuzuordnen. Pflastermaler und Straßenmusikanten müssen jetzt genau Buch über die in ihren Sammeldosen versenkten Kleinmünzen führen. Wenn schon die großverdienenden Steuerflüchtigen nicht zahlen, dann doch wenigstens die Bohemiens.

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