Arbeit 4.0Aus Gegenmacht wird Ohnmacht

Die Macht der Gewerkschaften sinkt. Das liegt auch an zunehmenden Eigeninteressen von Betriebsräten.

Digitalisierung, Globalisierung und die damit einhergehenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, insbesondere aber der Übergang von der Industrie- in die Wissensgesellschaft hinterlassen auch im Bereich der Arbeitnehmerorganisationen tiefe Spuren. Von fünf Arbeitnehmern ist heute nur noch einer gewerkschaftlich organisiert. Wer arbeitslos wird, tritt aus.

Zukünftige Arbeitnehmergenerationen kommen nicht mehr aus dem sozio-kulturellen Milieu der Arbeiterschaft, sondern aus Angestelltenfamilien, denen die Verwurzelung mit den Gewerkschaften fehlt. Daraus resultieren Einbrüche bei den Beitragseinnahmen, die im Personalabbau hauptamtlicher Funktionäre münden. Die aber sind notwendig, um Betreuungs- und Beratungsleistungen aufrechtzuerhalten und neue Mitglieder zu werben. Dieser eigendynamische Teufelskreis ist wohl kaum noch aufzuhalten. Auch die Veränderungen im Selbstverständnis der neuen Generation von Betriebsräten und deren Anbindungen an die Gewerkschaften wirken schwächend. Die neue Generation hat immer weniger gewerkschaftlichen Stallgeruch. Ihre Rolle als gewerkschaftliche „Vor-Ort-Agenten“ schwindet.

Insgesamt gesehen steht es also schlecht um die Zukunft dieser verdienstvollen Traditionsorganisationen der Arbeiterbewegung. Industriegewerkschaften werden sich künftig auf wenige Großunternehmen beschränken und tendenziell den Charakter von Betriebsgewerkschaften haben. Zeitarbeiter, Prekarier und vogelfreie Freiberufler passen eben nicht in das Korsett der IG Metall, IG Bau oder ver.di. Prognose: Aus der IG Metall wird in zwei Jahrzehnten eine IGM-Daimler, IGM-Volkswagen oder IGM-Thyssen werden. Dafür sorgen auch Betriebsräte, die zwar Gewerkschaftsmitglied sind, aber denen das Hemd näher als Hose ist. Das wurde im Streitfall Porsche versus Volkswagen deutlich sichtbar.

Außerindustriell wird es nur im Bereich des Beamtentums mit dem Beamtenbund, der Lehrer- und der Polizeigewerkschaft auch weiterhin nennenswerte Interessenvertretungen geben. Um 2030, so meine Einschätzung, werden unsere Gewerkschaften – zahnlosen Tigern gleich – jene Bedeutung haben, wie heute der Verband der Kriegsopfer, Behinderten und Sozialrentner. Da hilft auch keine Fusion mit einer anderen Gewerkschaft wie etwa die der ÖTV und DAG. Mit jeder weiteren Verschmelzung verlieren die Gewerkschaften an Attraktivität und weitere Mitglieder.

Strukturelle Veränderungen der Wirtschaft und deren zunehmende Krisenlastigkeit verheißen unseren Gewerkschaften also eine schlechte Zukunft. Ihre Existenz ist in Gefahr. Darüber kann sich niemand freuen, denn die Arbeitnehmerorganisationen waren stets ein Fortschrittsmotor deutscher Industriegeschichte. Ihr Absterben würde eine schwer auffüllbare Lücke hinterlassen.

Dazu im Management-Handbuch

Ähnliche Artikel

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr erfahren
OK