Arbeit 4.0Big Data schlägt Big Brother

Mit Big Data lassen sich unzählige Daten-Korrelationen herstellen. Der Mensch wird zur Summe seiner Algorithmen.

Jeder, der ins Internet geht, erzeugt Daten und hinterlässt Spuren. Diese lagern millionenfach in strukturierter (Wikipedia) oder unstrukturierter Form (Social Media) Form in diversen Datenbanken. Die intelligente Kombination und Verknüpfung dieser Daten bezeichnet man als Big Data, oftmals auch als Data Mining. Jeder Klick auf die Tastatur befüllt die Datenminen weiter. Der Mensch fungiert gleichzeitig als Informationsproduzent und Datenkonsument.

Den Inhalt dieser Datenminen kann man dank Software beliebig kombinieren beziehungsweise korrelieren, wie es in der Fachsprache heißt. Beispiel: Westliche Frauen über 175 cm Körpergröße essen mehr Pizza-Margarita als kleinere. Für diese zunächst unsinnig wirkende Korrelation könnte sich die Ernährungsindustrie interessieren, um zielgenau zu werben. Die jetzt folgenden Entscheidungen basieren nicht mehr auf dem Wissen und Gefühl von Marketingexperten, sondern auf Daten und Algorithmen.

Wer kauft wann wieviel?

Big Data ensteht aus der Rechenkraft der Computer, intelligenter Software in Verbindung mit selbstlernenden Algorithmen, der astronomischen Speicherkapazität von Datenträgern, vielen Sensoren, dem Internet und diversen anderen IT-Komponenten.

Big Data kann vielfältigen Nutzen stiften. Die vorhandenen Datenmengen und Algorithmen erlauben eine Prognose über den Ausbruch von Malaria oder Grippe. Die Polizei kann einschätzen, in welchen Wohnvierteln zu welcher Zeit vermehrt mit Eibrüchen zu rechnen ist. REWE und ALDI schlussfolgern schon heute aus vorliegenden Daten, wieviel tausend Tonnen Tomaten im September 2016 gekauft werden, ob die Lieferanten in Spanien oder Holland auch bei regnerischem Wetter lieferfähig und Logistikleistungen zu akzeptablen Preisen verfügbar sind. Man weiß auch, dass die Nachfrage bei Vollmond um 30 Prozent höher liegt als bei Neumond. Big Data ermöglicht also die Korrelation von Daten, die inhaltlich weit auseinanderliegen.

Menschen können höchstens drei Variablen in Beziehung setzen – ein Computer schafft das mit tausenden. Mega-Korrelationen ermöglichen Erkenntnisse, die ohne Big Data nie möglich wären. So fand etwa eine US-Bank heraus, dass Kreditkunden, die ihre Darlehnsanträge mit Großbuchstaben ausfüllen, eher bankrottgehen gehen als Schuldner, die Kleinbuchstaben bevorzugen.

Das Verführerische an Daten-Korrelationen

Die Möglichkeit, mittels Korrelationen Neuland zu entdecken, hat etwas Verführerisches. Vor allem bietet sich die Möglichkeit, den Menschen als Ganzes, und damit auch den Mitarbeiter, aus allen nur denkbaren Perspektiven zu durchleuchten. Diese vermessen sich mit Quantified-Self-Applikationen sogar selbst. Krankenkassen und Lebensversicherungen freuen sich über die Gratisdaten.

„Der Mensch wird zur Summe seiner Algorithmen“, schrieb der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Auch die Gesellschaft wird „datagrafiert“, so dass die Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns offenbar werden. Jeder Klick bei Google, Facebook, Twitter oder LinkedIn füllt die Goldmine der Daten. Der frühere Google-Chef offenbarte in einem Interview: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst.“ Mit dieser Aussage wird die Konzentration von Macht in den Händen von Dateneignern deutlich. Datensammler treten gleichberechtigt neben Produktionsmittelbesitzer. Neue Industrien entstehen, deren Produkte Wissen und Geist sind.

Big Data lässt George Orwell alt aussehen

Die Möglichkeit, große Datenmengen fast gratis zu speichern, verführt zum Sammeln und Einlagern, denn in zehn Jahren könnten Daten aus dem Jahre 2010 nützlich sein, beispielsweise für die Werbewirtschaft oder Personalabteilungen. Möglicherweise sind das Facebook-basierte Informationen, mit denen Zukunftsprognosen über Bewerber möglich sind. Wissen ist Macht. Dagegen verblasst das Schreckensszenario des Big Brothers, das George Orwell in seinem Roman „1984“ vor 67 Jahren zeichnete.

Big Data stiftet Nutzen, kann aber auch Schaden anrichten. Big Data ermöglicht Fortschrift, bewirkt aber auch Rückschritt. Dabei kommt es immer auf den Kontext an.

Dazu im Management-Handbuch

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